Porträt

Immer wieder ist von hochsensiblen Müttern zu lesen, aber was bedeutet das Thema Hochsensibilität eigentlich für Mütter? Jil ist Coach und unterstützt Mütter bei ihrer Rollenfindung privat und beruflich: in den fünf Elternfragen erzählt sie, was sie da eigentlich so macht und worauf hochsensible Mütter achten sollten. 

 

Du bist Coach für hochsensible Mütter. Mit Kathrin hat mir bereits einmal eine hochsensible Mutter tolle Rede und Antwort gestanden. In letzter Zeit habe ich aber vermehrt das Gefühl, dass der Begriff “Hochsensibilität” ein Modebegriff geworden ist und manchmal zu schnell eingesetzt wird.

 

Was bedeutet für Dich Hochsensibilität genau? 

Du hast ganz recht, die Hochsensibilität scheint zum Modebegriff geworden zu sein; man kann wirklich viel zum Thema lesen. Ich glaube allerdings nicht, dass die Hochsensibilität selber damit zusammen hängt, sondern viel mehr die Digitalisierung und die damit einhergehende Möglichkeit sich zu informieren. Ich bediene mich da gerne am Beispiel des Veganismus: Diese Ernährungsform ging lange durch die Medien und viele Menschen haben sich plötzlich vegan ernährt (mich übrigens als überzeugte Veganerin im Herzen eingeschlossen).

 

Insofern liegt es nahe, den Veganismus als Hype zu bezeichnen.

 

Bei der Hochsensibilität hingegen ist es anders, weil man sich nicht plötzlich entscheiden kann hochsensibel zu sein. Sie ist, bewusst oder unbewusst, da oder eben nicht. Die meisten hochsensiblen Menschen spüren das. Selbsttests dienen da aus meiner Sicht eher als Bestätigung. Wissenschaftlich fundierte Tests mit hoher Aussagekraft gibt es zum jetzigen Zeitpunkt ohnehin nicht.

 

Ich finde es übrigens sehr positiv, viel über dieses Thema zu lesen. Hochsensiblen Menschen werden häufig Charaktereigenschaften zugeschrieben, die eher negativ behaftet sind, wie zum Beispiel Schüchternheit oder Empfindlichkeit. Ich erhoffe mir, dass durch die Thematisierung diese Züge an Gesellschaftstauglichkeit zunehmen und wertgeschätzt werden. Denn ebenso zeichnen sich hochsensible Menschen durch eine ausgeprägte Empathiefähigkeit und Intuition aus, die, auch im beruflichen Umfeld, sehr wertvoll sein können, sofern man bereit ist den Arbeitsplatz an die Kompetenzen anzupassen.

Erst im Alter von 26 Jahren, als ich bereits ein Jahr Mutter war, wurde mir bestätigt hochsensibel zu sein. Ich habe mich schon immer anders und deshalb auch oft einsam gefühlt. Ganz schlimm wurde es dann, als ich Mutter (eines hochsensiblen) Kindes wurde. Die Lage spitzte sich dermaßen zu und ich fühlte mich im Prinzip von Grund auf schlecht. Ich litt an postnatalen Depressionen (was ich damals nicht wusste), hatte ein Schreibaby, fühlte mich völlig fremdbestimmt und wäre am liebsten abgehauen.

 

Der Moment, in dem ich von meiner Hochsensibilität erfuhr, war ich so erleichtert wie selten in meinem Leben. Ich hatte immer geahnt, dass an mir irgendetwas anders sein muss, konnte dem aber keinen Begriff zuordnen. Nun hatte ich endlich einen Begriff, mit dem ich etwas anfangen konnte und woraufhin ich viel zum Thema gelesen und recherchiert habe.

 

Durch meinen Blog habe ich immer wieder Nachrichten von Müttern bekommen, denen es ähnlich ging. Der Austausch war so wichtig für uns alle. Nach meiner zweiten Elternzeit habe ich dann beschlossen meinen Beruf als Business Coach an den Nagel zu hängen und meinem Herzen und meiner Leidenschaft zu folgen. Für dieses Thema, das kann ich echt sagen, brenne ich, weil ich das alles selber „durchgemacht“ habe und weiß, wie hart das Leben als hochsensible Mama sein kann. Sie auf ihrem Weg zu begleiten, egal ob privat oder beruflich, das ist es, was ich als meine Aufgabe ansehe und ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit dazu habe.

 

Du bist selbst Mutter zweier Kinder und berätst andere Mütter in Jobfragen: Was ändert sich in Berufsdingen – vor allem für hochsensible Mütter – nach der Geburt des Kindes? 
Zunächst einmal fällt es vielen hochsensiblen Müttern schwer sich mit dem Wiedereinstieg in den Beruf anzufreunden. Aus meiner Erfahrung heraus haben viele hochsensible Mütter hochsensible Kinder, die sich mit Fremdbetreuung mitunter schwer tun. Gleichzeitig sehnen sich hochsensible Mütter nach Zeit für sich, ohne Kind. In solch einer scheinbar ausweglosen, frustrierenden Situation fällt es schwer andere Perspektiven und Möglichkeiten zu erkennen.

 

Letzten Endes geht es um Vereinbarkeit: Wie kann ich einem Beruf nachgehen, meinem Kind gerecht werden, möglichst ohne schlechtem Gewissen? Und wie schaffe ich es dabei auch noch Zeit für mich zu schaffen? (die für hochsensible Menschen tatsächlich existenziell ist.) Und kann ich überhaupt so weitermachen wie vor der Geburt? Möchte ich in diesen Job zurück?

 Welche Fragen sollte sich eine Mutter stellen, die über eine berufliche Veränderung nachdenkt? 

 

Eine berufliche Veränderung ist, besonders wenn man nicht mehr nur für sich selber sorgt, eine große Sache und oft ein langer Prozess, der reifen muss. Über allem steht die Frage: Was will ich wirklich? Und weiß ich mit Bestimmtheit, was ich will?

Für hochsensible Mütter gilt es dabei insbesondere die eigenen Ressourcen im Auge zu behalten, weil sie deutlich schneller Gefahr laufen an einem Burn-Out zu erkranken und sich insgesamt zu schnell überansprucht zu fühlen.

Welche Frauen suchen Dich auf, wie hilfst Du ihnen und welche Hilfestellung kannst Du damit vielleicht auch schon meinen Lesern mitgeben?

Die meisten Mütter, die mich kontaktieren, fühlen sich in ihrer Rolle als Mutter unwohl. Es plagt sie ein sehr schlechtes Gewissen dem Kind gegenüber. Zum Beispiel weil sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden oder die extreme Fremdbestimmung ihnen sämtliche zur Verfügung stehende Energie raubt.

 

Als Coach bin ich sozusagen die Begleitung und Orienterungshilfe im Veränderungsprozess meiner Klientinnen. Ich gehe von der Grundannahme aus, dass jeder Mensch sich selber am besten kennt und weiß, was für ihn gut ist. Verschüttet unter gesellschaftlichen und eigenen Erwartungen graben wir sinnbildlich aus, was im Herzen immer da war.

 

Wir arbeiten mit Gesprächen, Fragen und Übungen daran, dass sich meine Klientinnen in ihrer Rolle zurecht finden, sich wohl fühlen, Kraft gewinnen. Es werden Strategien erarbeitet die dann im Alltag helfen bestimmte Situationen gut zu meistern.

Meine erste Frage an Klientinnen lautet immer: „Was ist dein Ziel?“ Eine einfache Frage, die es in sich hat. Es ist sinnvoll das Ergebnis schriftlich festzuhalten. Und so manches Mal erkennt man dabei selber schon, wie der Weg zum Ziel möglicherweise aussehen kann.

Was ist die der wichtigste Punkt, denn eine hochsensible Frau, bei ihrer “Karriereplanung” auf jeden Fall bedenken soll?

 

„Lerne dich und deine Grenzen kennen und einschätzen.“

 

Immer 100% zu geben und dann plötzlich aus Kraftlosigkeit einzubrechen ist für alle Beteiligten keine gewinnbringende Situation. Wie oben bereits erwähnt neigen hochsensible Menschen allerdings eher dazu genau in solch eine Situation zu geraten, denn sie übergehen ihre eigenen Grenzen sehr häufig. Es bedarf Achtsamkeit und Übung seine persönlichen Grenzen kennen und achten zu lernen.

 

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Jil. Jil bloggt über ihre Arbeit und das Leben mit Hochsensibilität auf “Von Herzen und bunt“. 

 

Immer am Dienstag gibt es hier übrigens die Elternfragen: Du hast auch ein Thema, worüber Du gerne mal lesen möchtest, oder bist Experte in einem Gebiet? Dann schreib mir doch eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.