Alltag, Kultur mit Kind

Schwangerschaftsträge durch den Berliner Sommer: Unser Wochenende in Bildern vom 15. bis 17. Juli 2016

Mittlerweile bin ich schon eine ganze Weile etwas träge, nun macht aber auch das Berliner Wetter mit, und wir lassen uns gemütlich durchs Wochenende treiben. 
Das Wochenende läuten wir am Freitag mit Einkaufen ein: In der Drogerie des Vertrauens gibt es immer eine Menge Dinge, die ich nicht verstehe, hier so ein Beispiel.
Ich lese das ungefähr 10te Buch von Joy-Fielding zum zweiten Mal. Das sogar zum dritten Mal, beim Runterladen habe ich es festgestellt, dass ich es schon mal runtergeladen hatte. 2014: Ich war schwanger.
Freitagabend gehen wir essen: Die Oliven sind nicht unbedingt so kindertauglich, alles andere aber schon.
Ich, die seit 25 Jahren kein Fleisch esse, probiere mein erstes veganes Schnitzel und bin überrascht: Es schmeckt mir.
Ich lese mich durch mein Bücherregal. Vieles noch mal.
Am Samstagnachmittag gibt es Obst.
Samstagabend Salat.
Sonntagmorgen haben wir ein Frühstücksdate mit vielen Freundeskindern und viel gutem Essen.
Am Heimweg holen wir Erdbeeren.

 

Und Kuchen.
Die Männer reparieren ein Auto.
Und ich war tatsächlich in diesem Zelt: Eine Schwangeren-Höchst-Leistung.
Und einer kann sich heute nicht entscheiden, ob er lieber im Garten ist, oder nicht.

 

Und wie war Euer Wochenende so?
 
Mehr Wochenenden in Bildern gibt es wie immer bei Susanne von Geborgen Wachsen
Familienrollen, Kultur mit Kind

Offene Beziehung: „Modelle, die in keiner Schublade passen, sind schwer zu akzeptieren.“ / Bella in den Familienrollen

Bella (bloggt auf www.eckenberlins.com) hat zwei Kinder und einen Partner. Mit dem Partner lebt sie allerdings nicht zusammen, sondern in einer offenen Beziehung. Warum das für sie gut funktioniert, und welche Momente kritisch sind: Davon erzählt sie in den Familienrollen.

Die „Besonderheit“ Deines Familienmodells besteht darin, dass Du mit Deinem Partner eine offene Beziehung lebst. Wie kam es dazu?

Mein Sohn war zwei Jahre alt, als ich, alleinerziehende Mutter, Malte kennenlernte. Er verliebte sich in uns beide, wie er im Nachhinein sagt. Zuerst waren wir drei Jahre lang ein ganz normales Paar.

Irgendwann kam meinerseits der Wunsch, zusammenzuziehen und Nägel mit Köpfen zu machen, aber er zögerte. Unsere Beziehung litt darunter, weil ich ihm vorwarf, mir nicht genug Zeit zu widmen. Wir stritten uns immer öfters und irgendwann beschlossen wir, schweren Herzens uns zu trennen.

Ich vermisste ihn aber sehr, und mein Sohn ebenfalls. Ich war sehr orientierungslos und verknallte mich in einen Arbeitskollegen, aber es wurde nichts Richtiges daraus, auch weil er nur temporär in Berlin war. Und ab und zu traf ich immer noch Malte, aber unsere Fronten waren nach wie vor verhärtet. In diesem Gefühlschaos wurde ich von Malte schwanger. Malte meinte sofort, dass er zu mir und den Kindern stehen würde, und dass er sich dieses Kind wünschte und sich kümmern würde. Aber eine klassische Beziehung konnte er sich nicht vorstellen. Für mich war das schwer zu akzeptieren, und ich habe gesagt „dann sind wir eben getrennt. Du kannst mit den Kindern Zeit verbringen, aber nicht mit mir.“

Aber als der Kleine geboren wurde, war er ganz oft hier, und während der Elternzeit sind wir sehr viel zu viert verreist, weil ich noch stillte und er das Baby nicht allein nehmen konnte. Wir haben in dieser Zeit gemerkt, dass wir nach wie vor sehr gerne eine Familie sind und Sachen zusammen unternehmen, wobei ich immer noch von einer klassischen Beziehung träumte. Aber kurze Zeit später hatte ich wieder einen kleinen Flirt mit jemandem, was ich Malte auch erzählte, weil ich mich schuldig fühlte. Und er meinte, dass wir nur Menschen sind, und dass vielen Eltern so etwas passiert und dass er im Freundeskreis oft so was erlebt habe, nur dass die meisten dann fremdgehen und ihren Partner anlügen, nur um keinen Stress zu haben.

Er sagte, dass er mich und unsere Familie liebte, aber dass er keine Besitzansprüche an mich stellte und dass ich auch keine an ihn stellen sollte. So leben wir seit drei Jahren, wobei die meisten Menschen nie vermuten würden, dass wir diese Abmachung haben, weil wir von Außen wie eine normale Familie wirken.

Wie kann man sich den Alltag vorstellen? 

Mein Freund ist Künstler und oft beruflich unterwegs, insofern bin ich diejenige, bei der die Kinder am meisten sind. Malte schläft aber oft hier, wenn er hier ist. Durchschnittlich kann man nicht sagen. Es gibt Monate, an denen er kaum in Berlin ist, weil er woanders arbeitet, dann vielleicht nur zweimal. Und Monate, in denen er jeden zweiten Tag hier ist. Und dann wiederum gibt es Abende, an denen die Kinder bei ihm sind und ich etwas allein unternehme. Wir haben keine festen Zeiten, weil wir wegen seinem Beruf nicht wirklich längerfristig planen können. Aber wir bekommen es immer hin.

Wie offen kommuniziert Ihr über den offenen Teil der Beziehung, und welche Rolle spielt Eifersucht? 

Wir reden über den offenen Teil der Beziehung insofern, dass wir uns diese Freiheit gestehen, auch andere Menschen zu treffen, und darüber diskutieren wir oft und immer wieder, über die Vorteile, aber auch über die Nachteile.

Die Vorteile liegen für uns klar auf der Hand, weil wir uns nicht anlügen müssen, wie viele Paare es tun, die zusammen leben und offiziell einen Treueanspruch haben, aber dann heimlich fremdgehen und es krampfhaft verstecken müssen.

Die Nachteile sind, dass man diese Eifersucht, die man hat, wenn man jemanden liebt, nicht auf Knopfdruck abstellen kann. Deswegen reden wir nicht darüber, wann und mit wem uns treffen, das ist auch Teil unserer Abmachung.

Ich weiß noch nicht mal, ob Malte sich zurzeit mit jemandem trifft oder nicht und ich will es nicht wissen. Genauso wenig will er wissen, mit wem ich ausgehe und ob jemand bei mir schläft und so weiter.

Ihr beide habt Euch für eine offene Beziehung entschieden: Wie erklärt Ihr das den Kindern? 

Unser jüngstes Kind ist drei. Er stellt solche Fragen nicht und für ihn ist es normal so, wie es ist. Manchmal gibt es Mama und Papa zusammen, manchmal nur Mama, manchmal nur Papa. Und es gibt nie Streitereien oder Auseinandersetzungen, deswegen gibt es nie was zu klären.

Der Große fragt zwar manchmal, warum wir alle nicht zusammenwohnen, aber im Prinzip kennt er das auch nicht anders und genießt auch die Vorteile. Zum Beispiel, dass er bei Papa länger fernsehen darf, wenn er da schläft, oder dass Mama abends mit ihm noch Karten spielt und exklusiv Zeit für ihn hat, wenn der kleine Bruder schläft. Und dann genießt er auch unsere Zeit zusammen als Familie.

Über Beziehungen und Sex rede ich mit ihm nicht, er ist mit seinen neun Jahren auch zu jung dafür und es interessiert ihn nicht.
Bei den Außenstehenden ist es schon schwieriger. Es ist ohnehin ein sensibles Thema und wir hängen es nicht an der großen Glocke. Nur unsere gute Freunde wissen von unserer speziellen Beziehung. Aber, obwohl sie uns gut kennen und schätzen, heißt es am Anfang immer „Oh“, und dann sind sie erst Mal perplex.

Weil sie es kennen, dass man entweder ganz zusammen ist, zusammen wohnt usw., oder ganz getrennt ist. Und Modelle, die in keiner Schublade passen, sind schwer zu akzeptieren. Auch in unserer vermeintlich offenen Gesellschaft sind alle plötzlich sehr konservativ, wenn es um Familie geht. Dann kommen manchmal Einwände wie „Das ist keine Liebe, das ist egoistisch.“ Die meisten Menschen können sich eben nur das klassische Modell vorstellen. Und ich denke, oft schwingt auch ein bisschen Neid mit.

Wo siehst Du Dich und Deinen Partner in fünf Jahren?

Ich kann mir wirklich vorstellen, dass wir zusammen alt werden und dass wir in dreißig Jahren den Winter in einem Häuschen am Mittelmeer verbringen. Meinetwegen können wir so weiter machen. Ich konnte mich am Anfang schwer mit diesem Modell anfreunden, aber jetzt weiß ich nicht, ob ich wirklich jeden Tag mit ihm zusammenleben möchte, selbst wenn er das plötzlich wollen würde.

Diese Freiheit, diese freien Abende, wenn er die Kinder hat, sind mir sehr wichtig geworden. Aber auf der anderen Seite habe ich in diesen Jahren nie einen Mann kennengelernt, mit dem ich ihn tauschen wollen würde.

Natürlich kann es immer passieren, dass einer von uns sich in einen anderen Mensch verliebt. Aber das kann jedem passieren. Auch Menschen, die in festen Beziehungen mit Treueanspruch leben.

Was wünscht Du Dir für Deine Familie für die Zukunft?

Ich wünsche mir natürlich, dass aus meinen Kindern offene, neugierige, warmherzige Menschen werden, die keine Angst haben, in jeder Hinsicht Erfahrungen zu machen und die Welt zu entdecken. Und natürlich auch, dass wir alle gesund bleiben.

Danke Dir für Deine Offenheit und alles Gute für die Zukunft. 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 

Alltag, Kultur mit Kind

Der Alltag einer Schwangeren im Mutterschutz / Unser 12 von 12 im Juli

Nur für den Fall, dass Ihr wissen wollt, wie der Alltag einer Hochschwangeren aussieht: Hier ein Musterbeispiel. Wie jeden 12. des Monats unser Alltag in 12. Bildern. 
Der Morgen beginnt für mich mit einem Nutella-Banane-Brot.
Im Anschluss mache ich mit meinem Hund und ein paar Stühlen ein Selfie.
Kaffee ist ein seltenes Gut. Morgens geht es aber nicht ohne.

 

Ich stelle einen Artikel zum Thema Geburtsvorbereitungskurs online: Er ist hier zu lesen.
Ich trinke tatsächlich in dieser Schwangerschaft Tee. Er schmeckt nur halb so scheußlich wie er aussieht.
Joy Fielding hat ein neues Buch herausgebracht, für den Fall, dass ich nachts nicht schlafen kann, ist das super. Sie hält mich immer bei Laune, auch wenn ich glaube schon zu wissen, wie es ausgeht.
Nach dem Mittagsschlaf machen wir uns auf zu einem Ausflug.

 

Wir essen Kuchen in einem Kaffeehaus im Prenzlauer Berg.
Kindercafés sind kein Geheimtipp, oft laut, aber haben auch jede Menge Vorteile.
Im Anschluss werde ich noch richtig reich.
Auch wenn es grad mal 8 ist, bin ich schon sehr müde. Das ist nicht zu übersehen.
Mein Sod lässt sich von Mandeln besänftigen. Wie schön.

 

Und wodurch hat sich Euer Alltag heute ausgezeichnet? War er auch eher gemütlich?
 
Mehr 12 von 12 gibt es wie immer bei Draußen nur Kännchen
Kultur mit Kind, Meinung

Argumente rund um den Geburtsvorbereitungskurs

Es kann sehr sinnvoll sein, einen Geburtsvorbereitungskurs zu besuchen: Einmal habe ich mich dafür entschieden, einmal dagegen. Hier meine neun Gedankengänge dazu. 

1.) In meiner ersten Schwangerschaft hatte der Geburtsvorbereitungskurs einen gewaltigen Vorteil: Im Pärchenkurs lernten wir andere werdenende Eltern kennen, die es zu dem Zeitpunkt in unserem Umfeld kaum gab, es war ein guter Austausch.

Gemeinsam dickbäuchig. 

2.) Nun kenne ich alleine 7 Mütter im
engeren Kreis, die so wie ich nun wieder schwanger sind und schon ein Kind haben. Ich bin nicht mehr so wild auf Gespräche mit Menschen mit denen mich wenig eint außer einem dicken Bauch.

3.) Die Leiterin aus dem Geburtsvorbereitungskurs leistete gute Arbeit: Gebären auf dem Hocker, wozu ist ein Seil gut und wann kann Lesen unter der Geburt helfen, sie informierte gut.

4.) Auch über das Wochenbett habe ich so wertvolle Informationen mitgenommen: Sich schonen und nicht zu viele Besucher zu lassen, das war hilfreich. Diese ganzen Informationen habe ich mir gemerkt und brauche sie nun kein zweites Mal.

5.) Zur Auffrischung habe ich manch gutes Buch gelesen, wie zum Beispiel das Ebook von Jana vom Hebammenblog.

6.) Außerdem habe ich in der Vergangenheit gelernt, dass mich die individuellen Geburtsgeschichten fremder Frauen nicht wirklich weiterbringen. Ich habe es nicht so mit manchen Gruselgeschichten.

Austausch bei Kuchen. 

7.) Ich habe eine tolle Hebamme, die mir auch meine Fragen gezielt beantworten kann.

8.) Es gibt eine Menge Blogs, die ich in meiner ersten Schwangerschaft noch nicht kannte, die mir Auskünfte erteilen können, wenn ich das möchte.

9.) Blogs, Bücher und Gespräche haben einen großen Vorteil gegenüber einem Kurs: Ich kann mir die Zeit frei einteilen und mich sonst auf andere Dinge konzentrieren.

Und wie handhabt Ihr das: Kurs oder kein Kurs?

Alltag, Kultur mit Kind

Ein Kita-Fest, ein Ausflug und ein bisschen Ruhe in Berlin / Unser Wochenende in Bildern vom 8. bis 10. Juli 2016

Das Wochenende war wunderbar. So wunderbar, dass ich mit Bildern unserer Ausflüge ein bisschen sparsam war. Erzählen kann ich allerdings trotzdem davon. 
Am Freitag haben wir es endlich geschafft einer Kindergartenfreundin das Buch zurückzugeben: Schnelligkeitspreis gewinnen wir so wohl keinen. 
Am Nachmittag war das Kindergartenfest. Wir mögen unsere Kita und das Fest war rührend. Meine Hormone tragen dazu sicher auch ihren Teil dazu bei. 
Samstagmorgen ernten wir im eigenen Garten. Leider mag ich in der Schwangerschaft Himbeeren nicht: Es finden sich aber genug Abnehmer. 
Ein paar Kilometer weiter weg ist ein Feuerwehrfest: Wir sind etwas zu früh, zum Schauen gibt es trotzdem was. 
Wir haben überraschenden Besuch aus Österreich und lieben es. Mit dem essen wir mittags Toast. 
Am Nachmittag geht es ins Kaffeehaus. 
Und eine Runde durch den Park. 
Bevor wir es am Abend gemütlich zu Hause ausklingeln lassen, freuen wir uns noch über bunte Blumen. 

Und vergessen dann erst mal eine Weile zu photographieren: Erst wieder Sonntagmittag. 
Am Sonntag ist überhaupt Ruhe und Essen sehr zentral. 
Denn es ist richtig heiß. 
Die Männer besorgen mir Schokoerdbeeren. 
Und Mandeln. 

Am späten Nachmittag lese ich noch ein bisschen und stelle fest, dass mich schöne Sprache zwar begeistert, aber irgendwie nicht alles ist. Bin allerdings erst bei Erzählung 2, also noch zu früh, um das Buch wegzulegen. 

Und welche schönen Momente hattet Ihr dieses Wochenende? 
Mehr Wochenenden in Bildern gibt es wie immer bei Susanne von Geborgen Wachsen. 
Familienrollen, Kultur mit Kind

„Behinderte Kinder und Erwachsene wissen, dass sie auffallen, dass sie nicht der Norm entsprechen. Es wäre schöner, wenn Menschen ihnen ein Lächeln schenken, statt eines starrenden Blickes.“ / Christin in den Familienrollen


Christin (twittert als Vorstadtzauber) hat zwei Kinder. Die kleine Tochter sitzt im Rollstuhl. Welchen Umgang sie sich für ihre Tochter wünscht, wo sie gerne Unterstützung hätte und was sie immer wieder von ihren Kindern lernt: Davon erzählt sie in den Familienrollen.

Du bist Teil einer vierköpfigen Familie: Stell Euch doch mal kurz vor. 

Wir sind eine ganz normale Familie: Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Christopher (31), Christin (29), Maximilian (7) und Emma Lotta (4). Auf den ersten Blick eine durchschnittliche Vorstadtfamilie. Ich studiere von Zuhause per Fernstudium und mein Mann arbeitet in einem Verlag. Max geht in die erste Klasse und Emma in den Kindergarten.

Der kleine, aber feine, Unterschied ist der Rollstuhl in dem unsere Elfe sitzt. Sie hat eine angeborene Gehirnfehlbildung, das heißt ihr motorischer Bereich im Hirn ist nicht angelegt. Dadurch fehlen ihr alle Grundvoraussetzungen, um Bewegungen zu erlernen. Inzwischen haben wir viel erreicht. Emma ist als Integrationskind in einem Regelkindergarten und liebt es.

Wie sieht Euer Alltag aus? 

Mein Mann ist noch ganz klassisch der Ernährer. Fährt morgen um 7.50 Uhr mit der Bahn und kommt Abend gegen 19.30 Uhr nach Hause. Alles was dazwischen ist, das organisiere ich: Schule, Kindergarten, Physiotherapie, Logopädie, Arztbesuche, Sport, Klavier, Freunde und Geburtstage. Nebenbei studiere ich Gesundheitsmanagement über ein Fernstudium. Manchmal ist es ganz schön viel, oft auch ziemlich stressig, aber alles in allem kriegen wir das gut hin.

Wir sind gut organisiert und ziehen an einem Strang. Oft stehen uns im Alltag, die kleinen Dinge, im Weg. Menschen, die auf behinderten Parkplätzen unberechtigt parken, keine barrierefreien Eingänge, Menschen die dumme Kommentare über Emma abgeben. Das sind die kleinen Kämpfe im Alltag, die doch die meiste Kraft rauben.

Deine Tochter ist schwerbehindert. Wie wünscht Du Dir, dass Menschen mit denen ihr täglich zu tun habt, mit Euch umgehen? 

Ich freue mich, wenn Menschen fragen und interessiert sind. Kluge Ratschläge allerdings kann ich nicht gebrauchen: „Wenn man Kinder immer trägt, lernen sie nie laufen.“ Ist nur einer der harmlosen Kommentare. Viele haben Berührungsängste, aber das braucht niemand haben. Emma liebt Spielen im Sand, Puppen, Schaukeln, Schwimmen und Malen. Genauso wie alle anderen Vierjährigen.

Wenn mir jemand sagt, dass er nicht weiß, wie er mit Emma umgehen muss, erkläre ich es gerne und meist verschwindet die Hemmschwelle ganz fix.

Behinderte Kinder und Erwachsene wissen, dass sie auffallen, dass sie nicht der Norm entsprechen. Es wäre schöner, wenn Menschen Ihnen ein Lächeln schenken statt eines starrenden Blickes.

Du hast mal gesagt: „Man lernt Krieg gegen Ämter und Krankenkassen zu führen, selber Spielzeug zu bauen, aber am meisten lernen wir von Emma und Max.“ Was lernst Du von Deinen Kindern?

Emma und Max sind fast schon symbiotisch. Trotzdem Emma nicht spricht, versteht Max immer was sie möchte. Wenn sie zusammen spielen ist es egal, dass Emma nicht laufen oder sprechen kann. Kinder nehmen Kinder so wie sie sind. Es spielt keine Rolle, welche Haarfarbe, Hautfarbe oder welches Handicap ein Kind hat. Es ist ein Kind, ein Freund und Spielgefährte.

Kinder sind nicht voreingenommen, tolerant und neugierig. Es ist wunderbar zu beobachten, wie einfach die Welt in ihren Augen ist.

Wo wünscht Ihr Euch noch Unterstützung? 

Wir haben viel Unterstützung durch unsere Familien und Freunde. Das ist ein riesiges Glück und enormer Luxus. Mehr Unterstützung wünsche ich mir von Ämtern und Behörden. Dieses ewige Anträge schreiben, begründen und erklären ist ein echter Kraftfresser. Man hat das Gefühl sich permanent für sein behindertes Kind rechtfertigen zu müssen. Finanziell sind die Unterstützungen ehrlich gesagt ein Lacher.

Uns fehlt ja quasi ein komplettes Einkommen: Dass wir mit 728€ abgleichen. Der Mehraufwand der anfällt auch. Wir müssen extra Schuhe kaufen, die über ihre Fußorthesen passen, haben Zuzahlungen zum Autositz und Fahrrad zu leisten. Jetzt im Hausbau geht es weiter.

Wir möchten einen barrierefreien Bungalow bauen, um Emma die Möglichkeit zu bieten selbstständig zu sein. Es gibt da verschiedene Bezuschussungen, aber der Großteil bleibt bei uns. Auch wenn ich an Emmas Zukunft denke, bekommen ich Bauchschmerzen. Im Gegensatz zu ihrem Bruder dürfen wir für Emma kein Geld ansparen. Zur Zeit versuche ich sowas noch zu verdrängen, aber irgendwann werden uns auch diese Probleme einholen.

Was genau meinst Du damit?

Wir dürfen für Emma auf Grund des Teilhabegesetzes kein Geld ansparen bzw darf Emma auf Grund ihrer Behinderung, egal welchen Job sie mal haben wird, nicht mehr als 798€ verdienen.

Menschen mit Behinderung, die Unterstützung im Alltag benötigen (Kochen, Körperpflege, anziehen, ect. ), werden im Rahmen der „ergänzenden Sozialhilfe“ finanziert. Das heißt es gelten die gleichen Regeln wie für Menschen, die nicht arbeiten und kein Einkommen haben.

Folge daraus ist: sie dürfen nicht mehr als 798€ verdienen. Alles was darüber hinaus geht, wird mir mindestens 40% vom Amt eingefordert.

Sie dürfen maximal 2600€ ansparen, keine Bausparverträge oder Lebensversicherung besitzen und nichts erben. Selbst die Lebenspartner werden mit ihrem Vermögen herangezogen.

Es ist schlimm, unfair und die Gesellschaft ist leider noch viel zu blind dafür. Menschen mit Behinderungen werden von vornherein sämtliche Möglichkeiten genommen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Frage ist: Warum darf ich für mein gesundes Kind Sicherheiten anlegen aber für mein hilfsbedürftiges Kind nicht?!


Welche besonderen Momente schätzt Du mit Deiner Familie ganz besonders?

Die schönsten Momente sind die in denen wir ganz bei uns sind. Nur wir vier. Egal, ob Sonntagmorgen im Bett, am Strand an der Ostsee oder wenn wir auf Reisen sind. Diese Sicherheit, dass wir zu viert alles schaffen ist wunderbar und pures Glück.

Was wünscht Du Dir für Dich und Deine Familie für die Zukunft?

Ich wünsche uns eine langweiliges Jahr, eines ohne Höhen und Tiefen. Für Emmas Zukunft wünsche ich mir eine Gesellschaft, die versteht das Perfektion kein Muss ist und jeder Mensch Potenzial hat großartig zu sein auf seine eigen Art und Weise.

Danke Dir für Deine Offenheit und alles Gute für die Zukunft. 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 


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