Familienrollen, Kultur mit Kind

Künstliche Befruchtung: „Es war jede einzige Träne und jeden einzelnen Cent wert.“ / Tanja in den Familienrollen

Mit ihrem Partner hat Tanja zwei Kinder. Sie lebt in einer deutschen Großstadt und bloggt sehr erfolgreich. Hier möchte Tanja (Name geändert) anonym bleiben, denn sie erzählt wie ihre Kinder entstanden sind: durch eine Samenspende. Wie es dazu kam, und wie ihre Familie damit umgeht, erzählt sie in den Familienrollen

Du und Dein Partner habt gemeinsam zwei Kinder, die durch Samenspende entstanden sind. Wie war der Weg dahin? War Euch von Vornherein klar, dass Ihr hierbei Unterstützung benötigt?

Ja, wir wussten von Anfang an, dass es schwierig werden würde, unseren Wunsch zu realisieren. Mein Freund hatte relativ spät in der Kindheit Mumps. Man geht davon aus, dass diese Erkrankung schuld daran war, dass sich in seinem Ejakulat keinerlei Spermien befanden. Die Diagnose lautete „Azoospermie“. Er hatte schon mit seiner Ex-Frau drei künstliche Befruchtungen hinter sich. Dafür wurden die Hoden aufgeschnitten und dort Samen entnommen – in einigen Fällen findet man dort tatsächlich etwas. So war es auch bei ihm. Die Behandlungen führten jedoch zu keiner Schwangerschaft, aber es gab auch einige gesundheitliche Einschränkungen bei seiner damaligen Frau, so dass wir zumindest eine geringe Hoffnung hatten, dass es doch „einfach so“ klappen könnte.

Nach zwei recht entspannten Zyklen begann ich mit den Methoden der natürlichen Familienplanung den Eisprung genauer zu bestimmen. Allerdings wurde uns recht schnell klar, dass unsere Hoffnung vergebens war. Nach 10 „Übungszyklen“, die etwa ein Jahr in Anspruch nahmen, ließen wir uns einen Termin in der Kinderwunschklinik geben. Dort wurde ein Spermiogramm gemacht und dabei die Azooospermie noch mal bestätigt. Da die Spermienentnahme aus dem Hoden schon einmal Erfolg gebracht hatte, planten wir einen zweiten solchen Eingriff. Parallel dazu spritzte ich mir Hormone, um möglichst mehrere Eizellen heranwachsen zu lassen. Am Tag der Eizellentnahme kam dann der Schock: Auch im Hodengewebe waren keine Spermien mehr zu finden. Meine Eizellen wurden eingefroren und wir mussten überlegen, wie es weiter geht. Das waren wirklich schlimme Stunden.

Mein Freund hatte schon mit seiner Partnerin einen Adoptionsantrag in unserem Landkreis gestellt. Er war mit 40 Jahren auch schon relativ alt, so dass uns klar war, dass wir auf diesem Wege wenig Chancen haben würden. Die einzige Alternative war also, Spendersamen zu verwenden. Für meinen Freund war das keine große Sache – sofort nach der Diagnose im Krankenhaus sagte er: „Dann machen wir das eben mit einem Spender“. Ich brauchte ein paar Tage, um das zu verkraften, aber als die Entscheidung getroffen war, fühlte ich mich damit wohl.

Da auch bei mir gesundheitliche Einschränkungen festgestellt wurden, führten wir zwei weitere künstliche Befruchtungen durch. Es dauerte insgesamt zwei Jahre, bis wir am Telefon den erlösenden Satz hörten: „Herzlichen Glückwunsch! Sie sind schwanger!“ Für das Geschwisterchen haben wir wieder drei Versuche gebraucht, dieses Mal mussten wir nur 9 Monate warten, bis es geklappt hat. Beide Schwangerschaften waren vollkommen unkompliziert.

Wie offen seid Ihr in der Zeit der Kinderwunschbehandlung damit umgegangen?

Damit sind wir sehr offen umgegangen – im Grunde wusste fast das gesamte Umfeld, dass wir medizinische Hilfe in Anspruch nahmen. Ich war schon immer der Meinung, dass das ein Thema ist, das unbedingt aus der Tabuzone raus gehört und trug so meinen Teil dazu bei. Wir haben nie irgendwelche negativen Reaktionen erlebt. Die meisten waren sehr interessiert, wie sowas abläuft. Anders sieht es mit der Samenspende aus – diese Tatsache haben wir bis heute weitestgehend geheim gehalten. Nur die Eltern meines Freundes und sein bester Freund wissen davon – nicht mal meine Eltern sind darüber informiert. Anders, als bezüglich der Zeugungsart sind wir der Meinung, dass das ein Umstand ist, bei dem unsere Kinder selbst entscheiden sollen, wer darüber Bescheid weiß.

Eure Kinder sind noch relativ klein: Habt Ihr vor Ihnen später etwas über Ihre Entstehungsgeschichte zu erzählen?

Unsere Kinder sind jetzt 4 und 7 Jahre alt und sie wachsen mit dem Wissen auf, dass das Spermium, mit dem sie gezeugt wurden, von einem anderen Mann ist. Der Fakt lässt sich recht einfach in die normalen Aufklärungsgespräche einweben und es ist für sie noch nichts Besonderes. Es ist so wenig besonders für sie, dass sie an dem Thema nicht sonderlich interessiert sind. Aber das wird sich in den nächsten Jahren sicher ändern. Vermutlich werden sie auch den Spender irgendwann kennenlernen wollen. Wir wissen sehr wenig von ihm – nur dass wie groß er ist, was er wiegt, dass er blaue Augen und  braune Haare hat und Abitur.

Welche Erfahrungen aus der Kinderwunschzeit sind Dir am prägendsten in Erinnerung?

Die Zeit war ganz fürchterlich für mich. Hätte mir vorher jemand garantiert, dass ich am Ende mit zwei Kindern glücklich sein werde, hätte ich alles gelassen ertragen können. Ich hätte auch zwölf Behandlungen klaglos über mich ergehen lassen. Die Behandlung als solche empfand ich nicht als schlimm, die psychische Belastung war sehr viel schlimmer. Zunächst einmal war es furchtbar, der Reproduktions-Maschinerie so hilflos ausgesetzt zu sein. Sowohl der Kinderwunscharzt als auch der Samenbankinhaber waren egozentrische, überhebliche, unempathische Ärzte, denen es gefühlt nur ums Geld ging. Der Mensch und sein Schicksal waren völlig nebensächlich, behandelt wurde nach Schema F, es war überhaupt kein Interesse da. Das war wirklich furchtbar. Man hat sich so allein gefühlt und war so machtlos. Am allerschlimmsten waren die „Warteschleifen“ – so nennt man die Zeit, zwischen dem Einsetzen des Embryos und dem Schwangerschaftstest. Das sind üblicherweise 12 bis 14 Tage und es ist grauenvoll! Jedes körperliche Symptom wird registriert, bewertet, hinterfragt. Man schwankt ständig zwischen Euphorie und Depression. Und wenn man dann am Telefon hören muss: „Tut uns leid, es hat leider nicht geklappt“, dann tut das unfassbar weh. Alles umsonst! Und das viele Geld…. Die ständige Angst, am Ende ohne Kind da zu stehen, ist so schrecklich.

Welche Tipps würdest Du Paaren mit auf den Weg gehen, die am Anfang einer Kinderwunschbehandlung stehen?

Es gibt vermutlich nichts, das diesen Weg erträglicher macht. Ich kann nur zu Zuversicht raten – ganz vielen Paaren kann recht schnell und unkompliziert geholfen werden. Ich hatte irgendwann gelesen, dass nach 12 Versuchen 95 % aller Frauen schwanger sind. Das Problem sind die immensen Kosten. Von der gesetzlichen Versicherung werde nur 3 Versuche zu 50 % übernommen. Danach ist man Selbstzahler – und dann wird es unter Umständen richtig teuer. Für eine künstliche Befruchtung rechnen Ärzte bis zu 8.000 EUR (und teilweise sogar noch mehr) ab. Ich habe mich schon früh erkundigt, wie man Kosten sparen kann und wusste so, dass wir weitere Zyklen für etwa 2.300 EUR hätten durchführen lassen können. Auch eine Menge Geld, aber die hätte man notfalls irgendwie sparen können.

Wichtig war für mich, dass ich mich nicht so alleine fühlte. Im Internet gibt es mehrere Foren, in denen man sich bei unerfülltem Kinderwunsch austauschen kann. Das nimmt einem so ein bisschen die Unsicherheit und man fühlt sich nicht ganz so verloren. Es wird eine turbulente Zeit und man wird an nichts anderes mehr denken können. Das ist normal. Rückblickend kann ich immer nur sagen: Es war jede einzige Träne und jeden einzelnen Cent wert.

Danke Dir für Deine Offenheit, liebe Tanja und alles Gute für die Zukunft. 

Wenn Euch das Thema Kinderwunschbehandlung interessiert, ist vielleicht auch das Interview mit Eni oder Helge für Euch hilfreich. 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 

Alltag, Kultur mit Kind

Das Essen in der Schwangerschaft / Mein 12 von 12 im Mai

Immer am 12. des Monats gibt es die Blogger-Aktion 12 von 12 bei Draußen nur Kännchen. Gesammelt werden 12 Alltagsbilder des Tages. Hier dreht sich heute alles ums Essen: In einer Schwangerschaft ja nicht unüblich.
Wir haben heute frei. Der Morgen beginnt mit weichem Ei für den Sohn. So weiches Ei ist ja Schwangeren nicht gestattet, heißt es vielerorts.
Reichlich Milchprodukte zu mir zu nehmen fällt mir recht schwer: Hier ein Klacks Joghurt an Früchten.
Kuchen geht hingegen nahezu immer.
Bei so viel Essen kann auch mal der Bauch fotografiert werden.
Mittags gehen wir essen.
Abends gibt es Risotto.
Und immer wieder muss ich mich erinnern: Trinken nicht vergessen.
Am Abend ist auch der Hundenapf leer.

 

Als letzte Mahlzeit des Tages gibt es kuschelnde Palatschinken.
Der Hund ist müde.
Auf dem Tisch liegt eine braune Bananae: Es gibt wenig Dinge, die ich in dieser Schwangerschaft so eklig finde.
Das 12 von 12 endet mit einem müden Selfie: Gute Nacht.

 

Das kennt Ihr doch auch, oder? Dass Essen in einer Schwangerschaft plötzlich so zentral wird.
Alltag, Kultur mit Kind

Das geruhsame Wochenende nach dem Blogger-Marathon / Unser Wochenende in Bildern vom 7.- 8.Mai 2016


Nach dem Blogger-Treffen-Marathon letzte Woche wollten wir uns ein ganz ruhiges Wochenende machen. 

Zu viele Treppen bin ich vergangene Woche gewandert. Und vor lauter Entspannung haben wir am Samstagmorgen erstmal vergessen, Fotos zu machen. Deshalb ein Symbolbild von der vergangenen Woche nach der phantastischen Blogfamilia. 
Den Radfahrer unserer Familie, bisher gibt es da nur einen, hat es in den Harz verschlagen und wir Daheimgebliebenen kriegen Besuch von einer lieben Freundin. Und essen Kuchen. 
Gut, dass wir zuhause über so viel Animation verfügen. 
Abends ist Jausenzeit. 
Und bevor wir wieder alle zuhause sind, stelle ich noch schnell mein Gewinnspiel online. Geht mal schauen, anlässlich des Muttertages könnt Ihr tolle Produkte von Weleda gewinnen. 
Am Sonntag bin ich leider immer noch etwas k.o. und gebeutelt von der Sonne. Aber die Jungs sind großartig: Sie holen Brötchen. Während ich dusche und abhänge. 
Wir haben noch eine Packung von dem grandiosen dänischen Pudding. Den wünsche ich mir. 
Ich hab ja – schwangerschaftsbedingt – diesen etwas einseitigen Büchergeschmack, dem gehe ich vor dem Mittagsschlaferl noch mal nach. 
Unsere Nachmittagsjause ist kalt und warm, vor allem aber gatschig. 
Am Nachmittag sind wir die ganze Zeit im Garten: Hier die beiden, die das am besten finden. 

Einen kurzen Zwischenstop gibt es drinnen zum Malen. 
Am Abend grillen wir. 
Und bleiben dann noch ein bisschen im Garten. 

Heute passiert hier nicht mehr viel. Und wie war es bei Euch so: Habt Ihr die ersten Sommertage auch gut genutzt?
Kultur mit Kind, Schöne Dinge

Weleda Gewinnspiel für Schwangere zum Muttertag

Fast schon ist Muttertag. Da schon so viele Blogger tolle Gewinnspiele für Mütter und Großmütter auf die Beine gestellt haben, richtet sich dieses Gewinnspiel an die werdenden Mütter.

Und was eignet sich da besser als Dinge vorzustellen, die ich selbst sehr schätze? Und seit meiner ersten Schwangerschaft habe ich diese Vorliebe für Weleda-Produkte. Ein Paket bestehend aus Schwangerschaftspflegeöl, Stillöl und Stilltee hat mir Weleda zur Verfügung gestellt und drei dieser Pakete darf ich auch an Euch verlosen.

Das Schwangerschaftspflegeöl erwies mir bereits einmal große Dienste und auch wenn ich in dieser Schwangerschaft schlampiger schmiere, schätze ich es dennoch sehr.

Das Stillöl scheint es in meiner ersten Schwangerschaft nicht gegeben zu haben, oder es ging an mir vorbei, aber ich bin gespannt drauf, lässt sich auch schon ab der 38. SSW verwenden.

Den Stilltee fand ich super. Eigentlich kann ich Tees wenig abgewöhnen. Allerdings hatte ich nach der Geburt meines Sohnes einen Durst wie noch nie. Ausnahmsweise sogar auf Tees. Der Stilltee schmeckt wirklich und das – eine echte Herausforderung für so einen Kräutertee ohne penetrant zu sein.

Und das müsst Ihr tun, um eines der drei Pakete Euer eigen zu nennen. Erzählt mir etwas über Eure Schwangerschaft. Ob es die erste ist, wie es euch geht, worauf ihr gespannt seid oder was immer Euch wichtig ist: Ein bisschen etwas möchte ich wissen.

1. Kommentiert dazu diesen Beitrag, direkt im Blog, und hüpft damit in den Lostopf.
2. Für ein weiteres Los im Topf: Werde Fan und Follower vom Frühen Vogerl auf FacebookInstagram oder/und Twitter und teile das Gewinnspiel.
3. Und noch ein Los für Euch: Gebt mir Eure Stimme bei Brigitte MOM. Einfach die Nummer Eures Herzchens in Klammern ins Kommentarfeld unten schreiben.
4. Ihr müsst mindestens 18 Jahre alt sein.
5. Sagt mir, im Kommentar, neben der Frage, wo ihr hingeherzelt habt und wie ich Euch am besten erreiche.
6. Sollte aus irgendeinem Grund das Kommentieren nicht funktionieren, schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.

Das Gewinnspiel ist bereits beendet. Die Gewinner sind ladyramis, Frau Monschle und Bauchzwerg und ich. Alle drei sind bereits benachrichtigt. Sollte sich einer der drei nicht melden, wird unter den Teilnehmern neu ausgelost.

Das Gewinnspiel entstand in Kooperation mit Weleda. Weleda schickt den Gewinn direkt an die Teilnehmer.

Familienrollen

„Jeder wusste, dass meine Mutter alkoholkrank war, aber bis jemand das Jugendamt eingeschaltet hat, vergingen Jahre.“ / Familienrollen Interview mit einer Schwester, die zur Mutter wurde

Heute in den Familienrollen: Seit dem sie 17 ist, sorgt Emely für ihren Bruder. Wie es dazu gekommen ist, ob sich etwas verändert hat, seit dem sie eine Tochter bekommen hat, und was sie anderen rät, erzählt sie im Interview.

Antonia, Emely und Naim


Auf der Suche nach jemanden, der seinen Geschwistern Elternteil ist, hast Du Dich bei mir gemeldet. Du bist noch keine 30 und Dein Halbbruder lebt seit 10 Jahren bei Dir. Wie kam es dazu? 

Meine Mutter und mein Vater haben in 15 Jahren Ehe vier Töchter bekommen. Die Ehe meiner Eltern war aus meiner Perspektive nie besonders glücklich, sondern immer von Streit und finanziellen Problemen geprägt. In der letzten Schwangerschaft hat meine Mutter die SS-Kilos nicht wieder abgenommen. Im Fitnessstudio lernte sie dann den 19jährigen Bodybuilder kennen, der Vater meines Bruders Naim.

Mein Vater ist am 01.04.2000 ausgezogen und hatte kurze Zeit danach bereits eine neue Freundin. Meine Mutter ist mit dem 19jährigen Mann zusammen gekommen und knapp ein Jahr später schwanger geworden. Der große Altersunterschied und die verschiedenen Einstellungen bezüglich Lebensplanung sorgten für viel Streit und führten irgendwann zu einer Trennung.

Als Naim geboren wurde, war ich fast 14 Jahre alt. Ich habe zuhause immer schon viel geholfen und Verantwortung übernommen. Meine Mutter hat nach 14 Wochen abgestillt und trank dann bald regelmäßig. Am Anfang immer abends.

Sie sagte dann immer: Sie könnte besser schlafen.  An meinem 16ten Geburtstag war sie um 00:00 Uhr so betrunken, dass sie bewusstlos in ihrem Bett lag und ich mein erstes legales Glas Sekt alleine getrunken habe. Da habe ich das erst Mal gemerkt, dass sie ein Problem hat. Der Alkoholismus ist ein schleichender Prozess, alle Beteiligten merken erst dann, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn es zu spät ist.

Irgendwann, meine Mutter hatte bis dahin schon viele Entzüge, mehrerer Kuren und Therapien durchlebt, hat jemand das Jugendamt informiert. Da meine Mutter sechs Monate auf Kur musste, wurden wir fünf Kinder aufgeteilt. Das ist jetzt die Kurzversion. Zwei meiner Schwestern kamen zu unserem Vater, meine Schwester, die nach mir geboren wurde, zog in eine WG und ich bin schon mit 17 in eine eigene Wohnung gezogen. Naim habe ich ein paar Wochen nach meinem Auszug nachgeholt. Das Jugendamt hat dem damals zugestimmt, da ich den Laden eh schon sehr lange alleine geschmissen hatte und mich in der Ausbildung zur Erzieherin befand. Die Pflegestelle (das nennt sich Vollzeit-Familienpflege) ist im Juni 2006 offiziell eingerichtet worden.

Als Du Deinen Halbbruder zu Dir genommen hast, warst Du also sehr jung; Welche Probleme gab es, und wie habt Ihr sie bewältigt? 

Naim mit den vier Schwestern

Das größte erzieherische Problem, das ich mit Naim hatte war, dass er Zuhause (bei meiner Mutter) den ganzen Tag vor dem Fernseher saß und Schoko-Cornflakes aß. Er lief halt irgendwie so mit. Es gab keine festen Schlafenszeiten oder regelmäßiges Zähneputzen. Ihm beizubringen, dass wir zweimal täglich Zähneputzen, uns von anderen Dingen ernähren als Cornflakes und es Fernsehen nur noch am Wochenende gab, dass war sehr anstrengend und erforderte viel Durchsetzungsvermögen und für mich klare Vorstellungen, wie ein Kind aufzuwachsen hatte.

In dem Zeitraum habe ich eine Ausbildung gemacht, in der ich acht Stunden am Tag arbeiten musste. Naim hat mit vier Jahren eine schlimme Depression entwickelt.  Er malte Bilder seiner eigenen Beerdigung und sprach oft davon nicht lebenswert zu sein, da er daran Schuld sei wie es seiner Mutter geht.

Damals hatte Naim zweimal die Woche Therapie, ihn dahin zu bringen, dort zu warten und wieder nach Hause zu fahren: Das war echt anstrengend. Ohne die Hilfe und Unterstützung meiner Schwestern, hätte ich das niemals bewältigen können. Der Alltag als junge, berufstätige Mutter erfordert viel Organisation und Engagement. Mich selbst immer wieder daran zu erinnern, dass es irgendwann einfacher werden würde und der Aufwand sich lohnt, dass hat mir geholfen.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich nicht weiß, wie ich das gemacht habe und ich könnte es so, auch nicht mehr leisten. 

Wie wurde vom Rest der Familie aufgenommen, dass Naim jetzt bei Dir lebt? 

Meine Mutter und ich standen lange Zeit in einem Konkurrenzverhältnis.
Das war nicht einfach, da ich als Pflegemutter die Kontakte zwischen Naim und seinen Elternteilen organisieren und begleiten musste. Nach diesen Besuchskontakten war Naim häufig völlig durch den Wind und es dauerte Tage bis die Wutanfälle und Albträume aufhörten.

Weder das Verhältnis zu meinem, noch zu Naims Vater war in dieser Zeit einfach. Mein Vater wünschte sich für mich ein normales Leben mit allen Chancen und Möglichkeiten. Er verstand lange Zeit nicht, wie ich nur freiwillig so viel Verantwortung „ans Bein binden konnte“.

Mein Vater und  seine neue Frau haben mir oft angeboten Naim zu adoptieren und mich somit zu entlasten. Dem habe ich natürlich nicht zugestimmt, jedoch hat Naim bis zu der Trennung meines Vaters und seiner Frau so gut wie jedes zweite Wochenende dort verbracht und auch in den Ferien haben sie Naim oft genommen.

So konnte ich auch mal „jugendlich“ sein. Dafür bin ich meinem Vater und seiner Exfrau sehr dankbar und ich weiß das diese Hilfestellung auch eines der Gründe sind, warum Naim so ist wie er ist und unser Leben „so gut verlief“.

Seit zwei Jahren bist Du nun selber Mutter. Wie funktioniert Eure Familie: Sind Du und Dein Partner beiden Kindern Eltern, und wachsen die Kinder wie Geschwister auf?

Ich bin seit Dezember 2013 verheiratet und im Februar 2014 wurde Antonia geboren. Naim war der Erste, der Antonia auf dem Arm hielt. Er liebt sie bedingungslos wie eine kleine Schwester. Durch den großen Altersunterschied habe ich durch Naim eine wirklich tolle Unterstützung, die Antonia all den Blödsinn beibringt, den ich verbiete.

Als Naim vier war standen wir im Rewe-Markt beim Jogurt und Naim fragte mich aus dem Nichts, ob er mich Mama nennen könnte. Ich sagte ihm, dass er sagen kann was er will. Ab dem Moment war ich seine Mama. Vielleicht war gerade dieses Ereignis der Grund, warum ich mich gut in diese Rolle fügen konnte.

Ich liebe Naim und Antonia genau gleich, jedoch auf eine ganz unterschiedliche Weise. Naim ist 14 Jahre alt, stark pubertär und oft habe ich das Bedürfnis ihn aufgrund seiner gleichgültigen Einstellung seiner Zimmerordnung und seinen Lateinvokabeln gegenüber, schütteln zu müssen. Aber ich bin auch so dermaßen stolz wenn ich sehe wie liebevoll er mit Antonia umgeht, wie toll er Schlagzeug spielt und wie gut er sich benehmen kann.

Dann weiß ich, wie sehr sich der Aufwand gelohnt hat. Er ist ein so tolles Kind und auch wenn ich nicht seine Bauchmama bin (so haben wir das immer differenziert) so sind meine Gefühle nicht anders als die für Antonia.

Antonia und Michael

Antonia ist zwei Jahre alt und hat noch ganz andere, elementare Bedürfnisse als Naim.
Ich genieße alles Neue mit ihr und bin jedes Mal wenn sie ein Wort dazu lernt oder wieder etwas alleine geschafft hat, neu verliebt. Mein Mann Michael kümmert sich toll um beide Kinder und versucht mich zu unterstützen, wo er nur kann. Er ist für Antonia ein Vater und für Naim ein guter Freund mit väterlichen Vorzügen.  Michael erlaubt auch mal Dinge, die ich nie erlauben würde. Wir ergänzen uns meistens sehr gut.

Welchen Ratschlag kannst Du anderen geben, die vielleicht in der selben familiären Situation sind, wie Du und Naim vor zehn Jahren? 

Ich erlebe es auch heute noch, dass junges Mutterdasein verurteilt und in Schubladen gepackt wird. Ich würde mich davon nicht freisprechen, auch ich verurteile junge Mütter, die viel zu viele Kinder kriegen.  Naim geht auf ein Gymnasium und in seiner Klasse ist kein Elternteil unter 45. Ich als junge Mutter, die sich noch nicht in den Wechseljahren befindet, werde oft ignoriert und außenvorgelassen und das obwohl Naim, genauso wie die anderen Schüler/innen ein guter Schüler auf einem Gymnasium ist, ein Musikinstrument spielt und die richtigen Normen und Werte vermittelt bekommen hat.

Mittlerweile stehe ich über solchen Müttern und kann auf Elternabenden zurück ignorieren, jedoch musste ich das erst lernen. Und manchmal ertappe ich mich noch dabei, dass ich mich über solche Mütter, (die ja schon so viel Lebenserfahrung vorweisen können), die sich wie Kindergartenkinder aufspielen, tierisch aufrege.

Es hätte mir sehr geholfen wenn andere Menschen mich unterstützt hätten,  in schwierigen Lebenssituationen und mich nicht von oben herab behandelt hätten.

In meiner Jugend war das so: Wir lebten in einem kleinen Stadtteil in Hamburg. Jeder wusste, dass meine Mutter alkoholkrank war, aber bis jemand das Jugendamt eingeschaltet hat, vergingen Jahre. ich habe mir oft gewünscht, dass jemand kommt und uns befreit. Das hätte früher passieren können.

Menschen die in der gleichen Situation stecken wie Naim und ich damals kann ich nur raten: Jeder Mensch sollte für sich gut überlegen, ob er der Aufgabe gewachsen ist. Bindungsgestörte Kinder bringen ein Riesen Päckchen an Problemen und Aufgaben mit.

Und von dem Gedanken perfekt sein zu wollen, sollte man sich auch verabschieden. Keine Mutter und kein Kind dieser Welt sind perfekt.

Was wünscht Du Dir für Dich und Deine Familie für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass meine Mutter trocken bleibt (ist sie seit fünf Jahren) und glücklich ist. ich wünsche mir für meine Schwestern, dass sie glücklich sind und jede von ihnen einen Partner findet, der ihnen gut tut. Ich wünsche mir für Naim, dass er, trotz seiner traumatischen Kindheit und den Bindungsabbrüchen ein normales Leben führen kann, er einen Job erlernt, der ihm Spaß macht und er irgendwann akzeptiert, dass es auch Grautöne gibt. Ich wünsche mir für Antonia, dass sie niemals ihre kindliche Lockerheit verliert. Und für mich selber wünsche ich mir, endlich anzukommen.

Danke Dir für Deine Offenheit, liebe Emely und alles Gute für die Zukunft. 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 

Alltag, Kultur mit Kind

Sommer in Berlin / Unser Wochenende in Bildern vom 30.4. bis 1.5.2016

Nach dem vergangene Woche wieder der Winter in Berlin war, haben wir an diesem Wochenende so richtig Glück mit dem Wetter und wollten das auch nutzen. 
Samstagvormittag müssen wir aber trotzdem erstmal los in ein Einkaufszentrum: In wenigen Wochen ist eine Feier, und mindestens einer von uns braucht noch einen Anzug. 
Wir landen in der Mall of Berlin: Ich gestehe an dieser Stelle, dass ich Einkaufszentren wirklich sehr mag. 
Sogar plakative Sprüche gehen dort. 
Das Mittagessen ist allerdings so naja: Wir sind in die Touristenfalle geklappt. Teuer und schmeckt kacke. Na ja. 

Den Nachmittag verbringen wir zuhause, nur Abends geht es noch mal einkaufen: mit dem Auto. 
Und am Abend werde ich bekocht: Unter anderem gibt es Tomatensalat. Dieses Wochenende bin ich irgendwie sehr schwangerschaftserschöpft. 

Vor ein paar Tagen habe ich über meine neue entdeckte Lust für historische Romane geschrieben, das geht soweit, dass ich in dieser Woche schon beim dritten Teil der Sturmzeit-Trilogie (Was für ein Name ;)) gelandet bin. 
Sonntagmorgen gibt es bei uns – unter anderem – Obst. Es ist der erste Mai: In Kreuzberg ist das Myfest. Hatten wir letztes Jahr ausprobiert, war zu hektisch. Wir entscheiden uns für einen 1. Mai an einem meiner liebsten Orte: Zuhause. 
Und wir machen einen Spaziergang: Alles blüht. 

Auch fremde Gärten sehen mitunter nett aus. 
Die Jungs verbringen fast den ganzen Nachmittag draußen, grillen an und ich mache ein bisschen Schreibtischkrams. Irgendwie finde ich jetzt schon fast ein bisschen zu warm. Also nicht so, dass ich jammern möchte, aber doch so, dass ich nicht acht Stunden draußen sein kann.  
Zum Abendessen treffen wir uns alle wieder drinnen. 

Und dann ist fast schon wieder Montag. Kommende Woche bin ich viel unterwegs, die Bloggerkonferenz re:publica ist drei Tage lang und am Donnerstag ist auch schon die Blogfamilia mit vielen, vielen Elternbloggern.

Und was steht bei Euch diese Woche auf dem Programm?