Kultur mit Kind, Meinung, Nachgefragt

Weggehen oder Feierei mit Kindern / Gastbeitrag von Christian vom Familienbetrieb

Da seine Kinder schön größer sind, wollte ich von Christian vom Familienbetrieb wissen, wie er und seine Freundin das handhaben mit dem abendlichen Weggehen. Sein Gastbeitrag ist, wie erhofft und erwartet, sehr kurzweilig ausgefallen. 

Ausgehalternative: Kinderbett anschauen.

Viele Eltern vermissen aus der kinderlosen Zeit, dass sie abends nicht mehr einfach spontan weggehen können, sondern lange im Voraus einen Babysitter organisieren müssen. Als unsere Tochter vor fast zwölf Jahren auf die Welt kam, hatten wir als frischgebackene Eltern erstmal gar nicht das Bedürfnis, auszugehen. Vollgepumpt mit Dopamin, Endorphinen und allerlei anderen Glückshormonen, genügte es uns, einfach die neugeborene Tochter zu beobachten und uns zu freuen, dass das Wunder des Lebens bei uns im Schlafzimmer in einem Stubenwagen liegt. Gut, ab und an wachte das kleine Geschöpf auf und brüllte so ohrenbetäubend laut, dass wir uns fragten, wie so plötzlich der Lärm der Welt in die Wohnung einziehen konnte.

Das Sofa: Der Eltern schönster Ort. 

Ans abendliches Weggehen verschwendeten wir in den ersten anderthalb bis zwei Jahren mit unserer Tochter keine Gedanken. Es schien, dass wir uns mit der Geburt metamorphosisch in ‚Couch Potatoes‘ verwandelt hatten. Wir brachten es zur Meisterschaft im ‚Cocooning‘ und entwickeln uns zu Vorzeigevertretern der ‚Generation Sofa‘. Irgendwann stellten wir mit einer Mischung aus Schreck und Scham fest, dass wir uns Samstagabends bei „Wetten dass, …?“ prächtig amüsierten.

Spätestens da wussten wir: Es ist an der Zeit, mal wieder auszugehen. Zu zweit. Ohne Kind. Nur wir beide. Wie so ein hedonistisches DINK-Pärchen (DINK = Double Income No Kids). Aber der Entschluss zu einem außerhäuslichen Abendvergnügen ohne Kind ist leichter gefasst, als in die Tat umgesetzt. Lassen Sie mich ein paar der Widrigkeiten schildern, mit denen sich ausgehwillige Eltern konfrontiert sehen.

Zunächst gilt es, eine adäquate Kinderbetreuung zu finden. Wenn die Großeltern nicht vor Ort wohnen, zu denen du den Nachwuchs abschieben kannst, benötigst du einen Babysitter. Dieser oder diese sollte in der Lage sein, sich pädagogisch wertvoll mit deinem Kind zu beschäftigen, bei kleineren Wehwehchen tröstend einzugreifen, etwas Nahrhaftes und Gesundes zum Abendessen zuzubereiten und das Kind ohne größere Probleme ins Bett zu bringen und es zu beruhigen, sollte es in der Nacht aufwachen. Aber wo findet man eine examinierte Kinderkrankenschwester mit abgeschlossenem Pädagogikstudium (Schwerpunkt: Kleinkinderziehung) und erfolgreich absolvierter Kochlehre (vorzugsweise in einem Bio-Restaurant), die mehrere Jahre als Kinderanimateurin gearbeitet hat und darüber hinaus über eine praxisbewährte Nahkampfausbildung verfügt?

Die nächste Herausforderung ist die Zusammenstellung eines angemessenen und Vergnügen bereitenden Abendprogramms. Da ist man als junge Eltern unter Umständen ein wenig aus der Übung. Wie geht das nochmal, dieses Weggehen? Zunächst könnte man in das Lieblingslokal gehen. Wenn man noch weiß, wie es heißt und wo es liegt. Ganz entspannt essen und sich in Ruhe unterhalten. Nicht wie sonst, wo man alle sechzig Sekunden das Kind ermahnt, nicht zu zappeln, wo man permanent umfallende Gläser und herunterfallendes Besteck antizipieren muss, und das Essen hastig herunterschlingt, um möglichst schnell das Restaurant zu verlassen, bevor das gelangweilte Kind durch das Lokal wandert, sich an einem Tischtuch festhält und slapstickhaft das gesamte Geschirr samt Speisen und Getränken herunterreißt.

Nach dem Essen könnte man im Kino mal wieder einen richtigen Erwachsenenfilm anschauen. Also, Erwachsenenfilm im Gegenteil zu Kinderfilmen wie „Lauras Stern“ oder „Bibi und Tina“, nicht im Sinne eines XXX-Movies, der in einem schmierigen Bahnhofskino läuft. Die Auswahl des richtigen Films ist mit sehr viel Sorgfalt vorzunehmen. Schließlich möchte man nicht, wenn man einmal im Jahr ins Lichtspielhaus geht, ein cineastisches Machwerk anschauen, das von so unterirdischer Qualität ist, dass es selbst bei der Wahl zur ‚Goldenen Himbeere‘ durchfällt. Andererseits möchte man sich auch nicht mit einem französischen Arthouse-Film überfordern, bei dem wenig gesprochen wird und die seltenen Dialoge ebenso wie die groteske Handlung so rätselhaft bleiben wie das Orakel von Delphi.

Alkohol: Von Eltern fernzuhalten. 

Einen besonderen Problemfall des Weggehens stellt die Einladung zu einer Party dar. Für Eltern, die sich nicht mehr daran erinnern: Bei einer Party handelt es sich um ein soziales Ereignis, bei dem mehrere Personen zusammenkommen, sich unterhalten, unter Umständen zu lauter Musik tanzen und alkoholische Getränke konsumieren (meistens zu viele). Gerade letzteres ist äußerst problematisch, wenn man kleine Kinder hat. Dann ist es wenig ratsam, dich auf einer Fete den Alkohol reinzuschütten wie ein englischer Tourist beim Binge-Drinking auf einem Pub-Crawl. Dem Nachwuchs ist es am nächsten Morgen nämlich herzlich egal, dass sich der letzte Cocktail mit einem der acht Biere darum streitet, wer als erstes wieder ans Licht kommen darf. Darauf, dass sich Vatis Kopf anfühlt, als trüge er eine mindestens sechs Nummern zu kleine Mütze, nehmen Kinder ebenfalls keine Rücksicht. Von daher ist vom Genuss von Alkohol auf Partys dringend abzuraten. Aber wie viel Spaß macht es, sich den ganzen Abend an einem Glas Wasser festzuhalten und die anderen Gäste bei ihremn alkoholbedingten motorischen, sprachlichen und geistigen Verfall zu beobachten? Genau, überhaupt keinen.

Billige Ausgehalternative: Fernsehschauen. 

Die größte Hürde für das elterliche Weggehen stellt zuletzt die Finanzierung des Abends zu zweit dar. Denn die Kosten für Babysitter, Restaurantbesuch, Kino mit Getränken und Süßigkeiten sowie der Heimfahrt im Taxi summieren sich schnell zu einem hohen drei- bis niedrigen vierstelligen Eurobetrag. Also muss man bei seinem Bankberater um einen zinsgünstigen Kleinkredit betteln und außerdem einigen unnützen Tand aus dem Keller auf Ebay verscherbeln. Zur Not kann man noch eine Niere auf dem Organhandel-Schwarzmarkt feilbieten.
Sieht man sich mit all diesen Herausforderungen konfrontiert, breitet sich schnell eine ermüdende Erschöpfung aus und man fragt sich, ob sich das Weggehen überhaupt lohnt. Schließlich kommt am Samstag „Verstehen Sie Spaß“. Das ist doch auch ganz schön.

Dieser Text ist Teil der Gastbeitragsserie im Geburtstagsmonat August. Ein herzliches Dankeschön dafür.

Und Eure Erfahrungen?

Alltag, Kultur mit Kind

Spätsommer, Sonne und Süßes / Wochenende in Bildern vom 22. bis 23. August 2015

Anscheinend kommt bald der Herbst. In Berlin ist davon die Tage noch nicht so viel zu merken. 
Samstagmorgen machen wir uns auf ins Grosseköpfe-Hauptquartier. Damit wir dort auch gut gelaunt auftauchen, besorgen wir uns noch Kaffee, der ist nämlich aus. Das mit dem Fotografieren habe ich dort dann vergessen. Aber: Schön dort. 
Die besten Macarones gibt es übrigens in einem großen Kaufhaus. 
Na, erkennt jemand den Lift?
Ein bisschen peinlich ist Berlin manchmal auch. 
Unser Mittagessen nehmen wir im Auto ein. 
Den Nachtisch gibt es Zuhause. 
Natürlich im Garten. 
Und weil ja noch Sommer ist: Eis gibt es auch. 
Früher fand ich Schnurrbärte doof. Aber in kleinen Größen machen die sich gut auf T-Shirts. 
Seit dem mir meine Cousine Chelsea Cain ans Herz gelegt hat, kann ich kaum aufhören und bin schon bei Teil 3. Bald Halbzeit. 
Wir sitzen – trotz der aufkommenden Frische – noch ein bisschen im Garten. 
Sonntag wollen wir es ruhig angehen und noch mal das Wetter genießen. 
Natürlich mit Grillen. 
Die Socken sind überflüssig. 
Es gibt Kuchen: für alle. 

Einer haut ab. 

Zwei machen es sich gemütlich. Ich bin, wie überraschend, viel am Lesen. 

Und wie war Euer Wochenende so?

Mehr Wochenende in Bildern gibt es wie immer bei Susanne von Geborgen Wachsen
Familienrollen, Kultur mit Kind

„Wer eine Mama hat, der darf sich auch mal fallenlassen, der darf den erfahrenen Rat annehmen und immer ein bisschen Kind bleiben“. / Kein Kontakt zu den eigenen Eltern: Saskia in den Familienrollen

Was kann eigentlich mit den #familienrollen passieren, wenn Kinder ihre Eltern beim Vornamen nennen? Darüber und wie sich ihre „andere Kindheit“ auf ihr Leben, mit selbst vier Kindern, auswirkt, hat mir Saskia vom Blog Essential Unfairness erzählt. 

Ich heiße Saskia, bin 38 Jahre alt und habe vier Kinder (1, 8, 11 und 12 Jahre alt). Ursprünglich bin ich Familienpflegerin, arbeite jedoch seit acht Jahren als Texterin. In meiner knappen Freizeit nähe ich gerne. Beim Bügeln verschlinge ich Hörbücher und bin nach 12 Ehejahren immer noch verliebt.

Als Familienpflegerin habe ich natürlich eine Menge sehr verschiedener Familienkonstellationen – und Beziehungen kennengelernt. Ich traf allerdings nur auf eine Familie, in der die Kinder ihre Eltern mitunter beim Vornamen nannten. Ich selbst habe das als Kind so erlebt.


Das Kinder ihre Eltern beim Vornamen nennen, ist ein umstrittenes Konzept.  Was hatte es auf Eure Beziehung für Auswirkungen? 

Wer beispielsweise mit einer Sabine und einem Peter statt mit einer Mama und dem Papa zusammenwohnt, der hat fürsorgliche Mitbewohner. Aber eben „keine“ Mama und keinen Papa. So hart würde ich das ausdrücken. Ich gehe mit einem Menschen anders um, wenn ich ihn duze – das weiß jeder.
Wer beispielsweise einem Amts- oder Würdenträger gegenübersteht, der kann sich ausmalen, wie es wäre, ihn einfach beim Vornamen zu nennen. Der Papst wäre dann einfach der Franziskus. Oder gleich der Franzi. Dass einem dabei Dinge verloren gehen, spürt man, wenn man sich das mal so vorstellt. Klar wäre es auch im Fall des Papstes verlockend unmittelbar, menschlich und nah. Aber zugleich verlöre ein gläubiger Mensch auf diese Weise sicherlich einen Teil des von ihm selbst gewünschten Respekts, der geistigen Anleitung und der Orientierung, der sich durch den Titel ausdrückt.

So ähnlich war es dann für mich auch bei meinen Eltern. Ich selbst kam auf die Idee, sie bei ihren Vornamen zu nennen und behielt das bis zum Ende unserer Beziehung zueinander so bei. Warum ich das damals mit vielleicht neun Jahren so wollte? Das weiß ich nicht. Aber sie fanden es toll. Später, als ich diesen Umgang mit den Vornamen selber kritisierte, sagten sie, ich wäre dafür ja wohl alleine verantwortlich, denn ich hätte es schließlich gewollt.

Mir fehlte es immer, meine „Mama“ anzurufen und um Rat zu bitten. Ich habe eben nur die Lebensbegleiterin mit dem Vornamen. Da fehlt einfach sehr viel, das man mit dem Titel „Mama“ assoziiert. Wer eine Mama hat, der darf sich auch mal fallenlassen, der darf den erfahrenen Rat annehmen und immer ein bisschen Kind bleiben.

Du hast einen Artikel darüber geschrieben, dass in Deiner Familie vieles „anders“ war. Was waren die groben Züge und wie sind die Auswirkungen heute? 

Meine Eltern leiden beide an Persönlichkeitsstörungen. Und mit ihnen litten wir Kinder, mein Bruder und ich, darunter. Im Rahmen der psychologischen Defizite war es für unsere Eltern angenehm, sich durch das Fehlen der elterlichen Titel innerlich aus der Verantwortung stehlen zu können. Meine Mutter sah ich immer mehr als meine Freundin. Eine zuverlässige und verlässlich wohlwollende Mutter zu sein, das lag einfach nicht in ihren psychischen Möglichkeiten.
Mein Vater hielt sich aus familiären Dingen gerne heraus und ging seinen Interessen nach.

Man kann ein so großes Thema, wie das Leben mit psychisch kranken Elternteilen, nur schwer zusammenfassen.
Ich versuche es einmal so: Ich war immer auf die Gefühle und Bedürfnisse meiner Mutter fixiert. Da sie sich selbst nicht gut regulieren und stabilisieren konnte, tat ich das von außen.
Bis heute spüre ich täglich die Auswirkungen: Meine Gefühle unterdrücke ich, balanciere meine Gegenüber emotional aus, bin niemals impulsiv oder affektiv. Ich zeige meine Gefühle meist erst nach innerer Reflexion. Oder eben gar nicht. Oft nehme ich sie nicht wahr. Ich spüre zum Beispiel Wut erst, wenn ich längst Verdauungsprobleme oder Halsschmerzen habe. Ich somatisiere also.
Ein weiteres Beispiel wäre, dass ich die schlechte Laune naher Bezugspersonen automatisch abzufedern versuche. Ist zum Beispiel mein Mann mies drauf, versuche ich sofort, dies auszugleichen.
Ich bin innerlich oft angespannt, in Hab-Acht-Stellung. Ich bin schnell verunsichert und habe Angst, mich falsch zu verhalten, weil ich noch die (kindliche) Angst in mir habe, mein Gegenüber könnte aus mir nicht sofort ersichtlichen Gründen unvorhersehbar negativ auf mich reagieren.
Es gibt noch viele weitere Folgen, doch diese sind im Alltag die präsentesten.


Du hast selbst vier Kinder. Was machst Du in der Erziehung Deiner Kinder ganz anders und was hast Du vielleicht sogar übernommen?

Meine Mutter war neben ihren starken Beeinträchtigungen eine sehr gute Beobachterin. Sie hat daher oft sehr treffende Sprüche geprägt, die ich übernommen habe.

Ich habe auch die christlichen Grundwerte übernommen, die meine Mutter mich lehrte. Weil ich diese als für ein menschliches Miteinander wertvolle Grundlagen sehe. Und so bieten meine Kinder älteren Menschen ihren Sitzplatz an, haben Mitgefühl, sind empathisch, können vergeben, lernen sich wie andere zu lieben und sich selbst reflektieren.
Sie sind dankbar und wissen das Glück ihrer weitgehend unbelasteten Kindheit zu schätzen. Dies alles ist mir wichtig.

Ansonsten habe ich von Anfang an alles daran gesetzt, eine unbedingt emotional zuverlässige, vertrauenswürdige und ehrliche Mutter zu sein. Das war sehr anstrengend, da ich mich dauernd reflektierte, um nur ja nicht wie meine Mutter zu sein. Das tat ich, bis mir ein Fachmann sagte, ich müsse nicht befürchten, wie meine Mutter zu sein, weil ich es eben ganz einfach nicht wäre. Ich habe ihre Erkrankung eben nicht. Da habe ich mich dahingehend entspannt. Allerdings waren die Kinder da auch schon im Grundschulalter und ich hatte sehr viel Energie investiert, um sie vor etwas zu beschützen, das so nie vorhanden war. Aus meiner Liebe heraus wollte ich alles Andere für sie, als das sie Ähnliches wie ich erleben müssen.

Du hast mit Deiner Ursprungsfamilie keinen Kontakt mehr. Wie geht Deine Familie, Dein Mann und die Kinder, damit um? 

Zuerst brach ich den Kontakt zu meiner Mutter ab. Das tat ich, nachdem durch meinen Therapeuten bestätigt wurde, was ich längst befürchtete, nämlich die Diagnose ihrer Erkrankung. Ich begriff schlagartig und sehr schmerzhaft, dass sie niemals zu einer echten Form von Liebe fähig sein kann. Ich bedauerte sie zutiefst und mich ehrlich gesagt auch gleich mit. Dann trauerte ich. Letztlich teilte ich meinem Vater damals diese Erkenntnisse bezüglich der Krankheit mit und er verarbeitete das so, dass er sich von ihr trennte. Zugleich übertrug er die Verantwortung für alles, das in unserer Familie falsch gelaufen war, auf sie.

Ich hatte mir wegen der Kinder wirklich den Kopf zerbrochen. Oft waren meine Eltern nicht bei uns zu Besuch gewesen. Das emotionale Interesse an den Enkeln und mir war vielleicht nicht sehr groß, so hingen die Kinder nicht so sehr an ihnen. Wenn sie kamen, brachten sie tonnenweise Spielzeug sowie massig selbstgestrickte Pullover mit und mein Vater tobte mit den Kindern. Das waren die Haupteindrücke von diesen Großeltern.

Als ich den Kindern dann mitteilte, dass ich den Kontakt zur Oma abbrechen möchte und erklärte, wieso ich mich dazu entschlossen hatte, da fühlte ich mich furchtbar. Irgendwie raubte ich ihnen doch die Oma! Dann musste ich auch gleich noch sagen, dass der Opa sich scheiden lassen wollte.

Während ich mir den Kopf zerbrach, sagte unsere damals neunjährige Zweitgeborene:
„Erstens: Die Oma hat uns nie wirklich lieb gehabt. Das haben wir immer gespürt. Die hat nur geguckt, dass wir nur ja ihre Klamotten nicht dreckig machen. Und Zweitens: Schön, dass der Opa endlich bemerkt hat, dass man mit der Oma nie glücklich sein kann.“
Sie waren abgeklärter als ich. Das war unfassbar. Die Älteste meinte dann noch in fast tröstendem und spaßigem Ton zu mir:
„Sag mal, müssen wir dann diese widerlichen, juckenden Pullover nie mehr anziehen? Großartig!“

Sie haben unheimlich Größe bewiesen, diese Kleinen. Sie wollten mich sicherlich auch beschützen und begriffen, dass die Oma mich sehr verletzt haben musste. Sie waren auf meiner Seite. Ich habe dennoch immer wieder gefragt, wie es ihnen damit geht. Zudem habe ich ihre Fragen beantwortet. Allerdings wissen sie bis heute nicht, wie weit die Verletzungen durch meine Mutter gingen. Ich werde dafür in der Zukunft den richtigen Zeitpunkt erspüren müssen, um es ihnen zu sagen. Sie teilten mir bereits, dass sie spürten, dass es Dinge gibt, die ich ihnen nicht sage und dass sie das ärgern würde.

Mein Mann hat unter der anstrengenden Beziehung zu meinen Eltern auch gelitten und war eher erleichtert.

Als ich dann entschloss, meinen Vater mit dem Teil seiner Verantwortung zu konfrontieren, wurde dieser sehr verletzend und forderte eine Kontaktpause. Ich habe ihm letztlich ausrichten lassen, dass nach seinem abschließenden Verhaltung zu beurteilen nie ein Vater aus ihm werden würde. Und dass ich daher den Kontakt nicht mehr aufnehmen möchte.

Das war für die Kinder etwas härter. In der Zeit nach der Trennung von meiner Mutter hatten mein Vater, mein Bruder und ich uns oberflächlich gesehen nämlich sehr schön zusammengerauft. Wir hatten zum Beispiel ein unvergesslich entspanntes und schönes Weihnachtsfest – eine Erinnerung, für die ich trotz allem sehr dankbar bin. Und die Kinder auch.
Sie waren sehr traurig, dass das Wagnis, sich mehr auf meinen Vater einzulassen, leider so schlecht geendet war. Auch dies konnte ich ihnen erklären. Ich wollte nicht, dass sie zu meinen Gunsten für ihre Trauer zu wenig Raum bekamen und ließ ihnen Platz für ihre Gefühle.
Loyalität halte ich für eine Tugend. Doch sie kann eben auch einengen und binden. Gerade Kinder sind zu Unglaublichem fähig, wenn es um ihre Eltern geht. Daher belaste ich die Kinder nicht mit meinen Gefühlen, sondern begleite sie eher durch ihre eigenen.

Lässt sich Dein Erleben vergleichen?

Prinzipiell kann man meine Ursprungsfamilie nicht gut mit anderen vergleichen – daher ist das Bei-den-Vornamen-Nennen eine Erfahrung, deren Auswirkungen vielleicht nur bedingt auf andere Familien übertragbar sind.

Allerdings würde ich bei einer losgelösten Analyse immer noch betonen, dass eine Schieflage der klassischen Konstellation entsteht. Es gibt gute Gründe dafür, seine Eltern zu „betiteln“. Wer aus Gründen der Idee einer partnerschaftlichen Erziehung glaubt, diese Titel besser wegzulassen, der ahnt vielleicht nicht, dass Kinder die Orientierung und Sicherheit dieser Titel aber brauchen. „Mama“ und „Papa“ stehen für verantwortliche Erwachsene. Sie kümmern sich. Jeder weiß, was zum Mama- und Papasein dazugehört und die Kinder können sich darauf verlassen, ein Stück weit entfernt vom Individuum hinter diesen Titeln, zu bekommen, was sie brauchen.

Danke Dir für Deine Offenheit, Saskia.

Die Bilder wurden von Saskia zur Verfügung gestellt.

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mal an fruehesvogerl@gmail.com. 

Kultur mit Kind, Meinung, Nachgefragt

MEIN BLICKWINKEL: FAMILIEN, BLOGS und ICH / Gastautor Konstantin von Grosseköpfe

Einer meiner liebsten Internetschreiberlinge ist Konstantin, der gemeinsam mit seiner Frau Alu den Familienblog Grosseköpfe betreibt. Im Gastbeitrag erzählt, er heute wie er so zu Familienblogs steht.

Die schauen nicht immer so. 

Folgende freundliche Vorgabe erreichte mich vor Kurzem (und ich habe mich SEHR gefreut): „“Andere Blickwinkel“, das heißt es sind nur zwei bis drei Elternblogger dabei, der Text sollte für Elternblogger sein […] Deine Erfahrungen als Familienblogger. Was ist gut? Was nervt vielleicht? Was hast Du bisher mitgenommen? Was möchtest Du ganz anders haben? Klar, was ich ungefähr meine? (aus der Mitteilung der zu vertretenden Bettie): JA und ich hoffe ich habe irgendetwas davon mit den folgenden Zeilen getroffen.

ICH BLOGGE GERN. Aber zugegebenermaßen, außer Konkurrenz. Und die ist groß. Meine Frau sammelt da viele Erfahrungen und ich gleich mit.

Wir Elternblogger sind eine bunte, unüberschaubare Truppe. Schreibprofis, Schreibfreudige, andere, oder einfach Leute, die wie ich, das Bloggen als therapeutisches Mittel verstehen.

So wie ich, der mit dem Texten den horror vacui der Doktorarbeit und die von allen Deutschlehrern, teilweise Dozenten und sogar Vorgesetzten bei mir (besser: meinen Texten) wahrgenommene Distextualie (frei nach Diskalkulie) zu korrigieren erhofft.

Das Feld der Familienblogger wird gerade, wie so oft längst überfällig (in unserer Selbstwahrnehmung natürlich verspätet) entdeckt – und es entdeckt sich selbst.

Dabei geraten Wunsch und Wirklichkeit teilweise auseinander. Eine Art Goldgräberstimmung macht sich breit. „Was du darfst zu Krauss-Maffei um den neuen Tiger 3000 zu testen? Warum darf ich nicht?

Familienevent bei Netflix. 

So, Jetzt rede ich weder real noch virtuell –sagen wir mal- drei Wochen nicht mit dir. Und deinen Beitrag like ich nicht und mache die Augen zu, wenn du mir irgendwo weltweit begegnest.“ (Von mir weitergedacht – nicht, dass das zuvor geschriebene nicht real wäre) Denn ich habe es auch verdient (mehr noch als du, eigentlich)! Wir sind privat und freundschaftlich miteinander – aber das bitte professionell.

Ein Kumpel von mir, mit dem ich Digitales mache und der echt mehr Ahnung hat (von wegen Beruf und lang dabei und so) sagte: „Ey Alta [musste in dieses vollechte Zitat einfach rein, d. Verf.], das was bei den Familyblogs gerade abläuft, ditt gab ett och schon vor zehn Jahren, als Häussler und Co dit Bloggen entdeckten.“

Und wirklich ich frag mich: Wen interessiert das was ich schreibe –und muss es das überhaupt?
Allzu leicht bekommt man ab und zu das Gefühl man wäre die bessere Frankfurter Rundschau, oder doch die BILD? Dabei habe ICH begonnen, ohne andere Blogs zu lesen – eben um mich zu erproben (s.o.)

Erst langsam habe ich verstanden, dass mich der „nächste Blog“ -Knopf bei meinem Blogportal zu einem weiteren Blog trägt – einer Seite mit Zielen, Sinn und ggf. Inhalt. Ich glaubte es kaum, doch auch dort schreiben Menschen, die sich wahrgenommen fühlen und – etwas seltener – es auch werden.

Und dann noch eins: Stefan Heiser hat wohl 2011 geschrieben: Das Internet laufe Gefahr eine „Echogesellschaft der Gleichgesinnten“ zu sein. (Damals habe ich noch nicht mal gewusst was Bloggen ist – damals waren Foren in meiner Wahrnehmung noch das Nonplusultra).

Mittlerweile meine ich: Wir müssen aufpassen, dass wir Blogger mehr sind als NUR hermeneutische Selbstbespaßer! Nicht kleinkariert, sondern freie Medien sollten (und wollten) wir sein.

Zusammenhalt.

Wir, die sich gerne als „Dreamteam“ mittelalterlich bewirten lassen, die wir aber auch Ihren Kopf nicht ausschalten. Mein Kumpel sagte heute zu mir „Ditt sind doch och allet, Jornalisten, diese Blogger, is ja och nicht jeschützt [Jornalist], Alta [selbes muss wie oben, d. Verf.].“

Am Ende des Tages sind wir Echtleben-Menschen. Und dazu noch ganz Nette. Nur so wird aus der Vielstimmigkeit eine ernstzunehmende Viralität, i.S.v.: viele kleine Einspeiser unterschiedlicher (!) Meinungen. Denn machen wir uns nichts vor, die wirklich „Großen der Branche“ reichen lange noch nicht für ein vielschichtiges Meinungsbild – das man dann bitte auch aushalten können muss!

NUR das war mein Ziel: Wer „katholischen Kirchenbau in Berlin“ sucht, findet meinen Wissenschaftsblog  (und ich finde 20 Vorbeischauer am Tag, geschätzte 80 Bots schon abgezogen, sind vielmehr als ich bei so einem Thema zu Träumen erhofft habe).

Wer „familien“ und „betrieb“ (ausversehen ;-)) eingibt, der findet familienbetrieb.de und wer „vogel“ und „früh“ sucht findet – neben klugen Sprüche-Seiten – diese hier (besser noch gleich „frühes vogerl“ suchen – ich denke die Suchidee ist ausreichend illustriert) usw. usf..

So könnte es eines Tages geschehen, dass die Werbefutzis (Ja OK, eigentlich machen wir doch alles „was mit Medien“) von Krauss-Maffei, wirklich meine Texte gelesen und verstanden haben, bevor sie mich lobhudelnd einladen – und ich dann trotzdem schreiben kann, dass ich Panzer nicht einmal bedingt gut finde (Nachdem ich damit 100l Diesel verbratend durch den Wald gebrettert bin – ich romantischer, alter –fast-  Pazifist und bekennender Kriegsdienstverweigerer).

DENN ICH SCHREIBE IMMER NOCH VORRANGIG FÜR MICH und dann für Euch ;-).
Übrigens Familie habe ich auch.

Euer
Großer Kopf – Konstantin

PS: Vielen Dank an die Herausgeberin dieser Internetwiese, Bettie
PPS: Vielen Dank an meine Redaktionsleitung und Frau, Alu
PPSS: Vielen Dank an Christian von betriebsfamilie.de, erst durch ihn habe ich lange Klammern in Texten als Erweiterung der Satzlänge (neben Komma und Gedankenstrich) kennen (und schätzen) gelernt.

Dieser Text ist Teil der Gastbeiträge vom Geburtstagsmonat August.

Kultur mit Kind, Nachgefragt, Schöne Dinge

Familie in Serie / Gastbeitrag über Serien streamen von Dobrila

Seit gut zehn Jahren machen aufwendig produzierte, komplexe Fernsehserien einen wichtigen Teil in der Freizeitgestaltung vieler Menschen aus. In den Feuilletons hieß es über Serien wie The Wire, Breaking Bad oder Game of Thrones, sie seien die neuen Filme, vielleicht sogar die neuen Romane – schließlich böte ihr Format viel mehr Raum, um ausschweifende, komplexe Geschichten zu erzählen und die Entwicklung der Protagonisten in ungeahnte Richtungen zu verfolgen.

Dieses große Potenzial des Serienformats nutzen die Serienmacher häufig, um nicht nur die Geschichte um eine einzelne Figur, sondern gleich eine ganze Schicksalsgemeinschaft zu erzählen: die Familie. Schließlich ist Familie noch immer zentrales Motiv und Wurzel vieler Erzählungen – hier versammeln sich hochspannende Themen wie Generationenkonflikte, Geschwisterrivalitäten, prägende Kindheitserlebnisse, der Kampf zwischen Tradition und Moderne, die Bewahrung kollektiver und die Ausprägung individueller Identitäten. Seit jeher war die Familie eine Art Schatzkiste für die Erzählung großer Romane und inzwischen auch großer Fernsehserien.


Fünf neuere Familienserien seien euch ans Herz gelegt:

MILDRED PIERCE (2011)

Worum geht’s?
Kalifornien, 1931: Die Weltwirtschaftskrise hat die amerikanische Gesellschaft fest im Griff und der Mittelstandsfamilie von Mildred Pierce droht der Ruin. Mildred nimmt ihr Leben in die Hand, wirft ihren untreuen, arbeitslosen Ehemann hinaus und kämpft sich hoch: Von der Kellnerin zur Restaurantbesitzerin und Unternehmerin. Eine glorreiche Emanzipationssaga, könnte man meinen – stünde nicht ein brisanter Mutter-Tochter-Konflikt im Zentrum dieser fünfteiligen Serie.

Denn Mildreds Tochter Veda wächst in all den Jahren des mühsamen Aufstiegs ihrer Mutter vom verwöhnten Gör zu einer durchtriebenen, gar bösartigen jungen Frau heran. Einerseits profitiert sie vom wachsenden Vermögen ihrer Mutter, zugleich blickt sie aber auf deren ‚niederer‘ Stellung als Gastronomin herab. Mildred unterdessen kann, so sehr sie Vedas Taten und Worte auch missbilligt, nicht umhin, ihre künstlerisch veranlagte Tochter zu bewundern und zu finanzieren. Erst am Ende wird ihr klar, wozu Veda fähig ist.

Wieso anschauen?
Die HBO-Serie Mildred Pierce beruht auf dem gleichnamigen Hard-Boiled-Krimi von James M. Cain, der bereits 1945 mit der großen Joan Crawford in der Hauptrolle verfilmt wurde. In dieser Serienversion spielt Kate Winslet die Hauptrolle – mit gewohnt feinem Gespür für psychologische Tiefenschärfe in ihrer Darstellung. Gebannt verfolgt man die Auswüchse der destruktiven Beziehung von Mildred und Veda (wunderbar durchtrieben: Evan Rachel Wood) mit. Eine bestürzende Geschichte über eine Frau, die ihrer Tochter ein Leben ermöglichen will, das ihr selbst nicht vergönnt war und dafür das Gegenteil von Dankbarkeit erntet. Nebeneffekt: Das dringende Bedürfnis, mit seiner Mutter zu telefonieren.

Trailer.
Zu sehen bei: Streaming-Dienste Watchever und Netflix
Auf DVD erschienen bei Warner

LES REVENANTS (The Returned) (seit 2012)

Worum geht’s?

Ein französisches Bergdorf in Frankreich: Eine überschaubare Gemeinde lebt hier und man kennt sich untereinander, weiß um den Lebenswandel der Einzelnen, ihre Liebeleien und Schicksalsschläge. Von letzteren sind einige Einwohner betroffen, die auf unterschiedlichste Arten in den vergangenen Jahren Familienmitglieder verloren haben. Durch harte Trauerarbeit haben sie sich schließlich von dem Gedanken verabschiedet, die Verstorbenen jemals wiederzusehen. Es mutet also wie ein grausamer Scherz an, wenn plötzlich einer der seit Jahren Begrabenen plötzlich vor der Tür steht, als wäre kein Tag seit dem letzten Wiedersehen gegangen. So ist etwa Claire, deren 15-jähige Tochter Camille bei einem Busunglück vor vier Jahren ums Leben kam, fassungslos, als diese plötzlich in der Küche steht und ein Butterbrot verschlingt. Einige Zeit später stellt Camille entsetzt fest, dass ihre eineiige Zwillingsschwester um vier Jahre gealtert ist. Und der junge Mann Simon, der vor zehn Jahren kurz vor seiner Hochzeit ums Leben kam, erfährt bei seiner Rückkehr, dass seine einstige Verlobte erneut vor den Traualtar tritt. Weitere Totgeglaubte kehren zurück ins Dorf und können sich nicht entsinnen, jemals gestorben zu sein. Ihre Heimkehr wird irritiert und verängstigt von den Dorfbewohnern aufgenommen und es scheint, als hätten sie keinen Platz mehr im fortgeführten Leben ihrer Familien.

Wieso anschauen?
Les Revenants zeigt anhand seiner fantastischen Wiedergänger-Geschichte, wie Schicksalsschläge und die anschließende Trauerbewältigung ein Leben prägen und umformen. Die von der plötzlichen Rückkehr betroffenen Charaktere in dieser Serie mögen sich eine Rückkehr ihrer Liebsten einst gewünscht haben, aber sind durch die Jahre später erfolgte Erfüllung ihres Wunsches überfordert – schließlich ist der Tod eine Gewissheit, deren plötzliche Bezweiflung das menschliche Fassungsvermögen sprengt. Dieser Themen nimmt sich die vom französischen Sender Canal+ produzierte Serie an und präsentiert eine spannende Geschichte im düster-melancholischen Gewand, die zugleich ergreift und verängstigt.

Trailer:.
Zu sehen bei: Streaming-Dienste Watchever und Netflix
Auf DVD erschienen bei STUDIOCANAL

THE AMERICANS (seit 2013)


Worum geht’s?
Washington D.C., 1981: Elizabeth und Philip Jennings führen ein beschauliches Familienleben in einem ruhigen Vorort. Sie betreiben gemeinsam ein Reisebüro, unterstützen ihre zwei Kinder bei ihren Schulprojekten und gehen hin und wieder aus. Ein Durchschnitts-Ehepaar (das überdurchschnittlich gut aussieht). Lediglich der neue Nachbar, ein FBI-Agent, macht sie nervös. Denn in Wirklichkeit heißen Elizabeth und Philips Jennings Nadeshda und Mischa, stammen aus Russland und sind zwei vom KGB beauftragte Spione, die nachts, während die Kinder schlafen, ihre Aufträge ausführen. Ihre amerikanischen Identitäten sind perfektionierte Lügen, ihr Ehe- und Familienleben dient der Aufrechterhaltung des Scheins, aber ist dennoch real: Elizabeth und Philip lieben ihre Kinder und kommen sich plötzlich, nach 15 Jahren angeordneter Zweckehe, näher, als es ihren Vorgesetzten lieb ist.

Wieso anschauen?
The Americans ist Agentenkrimi, Familiendrama und Politthriller zugleich, ohne dabei das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren: Das bemerkenswerte Doppelleben zweier Menschen, die den perfektionierten Schein und ihr wahres Sein nicht mehr unter auseinanderhalten können – und wollen. Mit Spannung verfolgt man als Zuschauer mit, wie Elizabeth und Philip Folge um Folge verhindern, dass ihre wahre Identität auffliegt – denn es gibt kein Zurück aus diesem Lügenkonstrukt, das ihnen inzwischen als ihr Leben bekannt ist. Diese Serie besticht durch ihren außergewöhnlichen Plot und das besondere Augenmerk auf die innere Zerrissenheit der Charaktere.
Bild:

Trailer.
Zu sehen bei: Streaming-Dienst Netflix
Auf DVD erschienen bei Twentieth Century Fox

THE LEFTOVERS (seit 2014)

Worum geht’s?

Drei Jahre ist es her, dass sich weltweit ein unfassbares Phänomen abgespielt hat: Von einer Sekunde auf die andere sind einige Menschen einfach verschwunden. Vor den Augen ihrer Kollegen, Freunde, Familienmitgliedern oder Unbekannten haben sich zwei Prozent der Weltbevölkerung quasi in Luft aufgelöst. Nach unzähligen Untersuchungen und Spurensuchen in diesen drei Jahren konnte das plötzliche Verschwinden dieser Menschen immer noch nicht aufgeklärt werden.

Die hinterbliebenen Angehörigen haben Mühe, diesen unerklärlichen Verlust zu akzeptieren und ihr Leben fortzuführen. So auch in der amerikanischen Kleinstadt Mapleton, die einen beachtlichen Teil ihrer Einwohner aufgrund dieser plötzlichen ‚Entrückung‘ verloren hat. Hier ist inzwischen ein Kampf entbrannt zwischen Betroffenen, die ihr Leben endlich weiterführen wollen und einer aggressiven Sekte, die konstant an das Ereignis erinnern will. Der örtliche Polizeichef Kevin Garvey versucht verzweifelt für Recht und Ordnung zu sorgen, während seine Familie an dem Ereignis bereits zerbrochen ist – obwohl sie keinen Verlust zu betrauern haben.

Wieso anschauen?
Die erste Staffel von The Leftovers beruht auf dem gleichnamigen, empfehlenswerten Gesellschaftsroman vom Tom Perrotta, der auch an der Konzeption der Serie mitgewirkt hat. Auch wenn diese dramatische Serie natürlich die Frage nach dem Grund für das plötzliche Verschwinden aufwirft, fokussiert sie vielmehr den Umgang der Hinterbliebenen mit dem Unfassbaren und die gesellschaftlichen Auswirkungen. Mit viel Liebe zum Detail widmet sich diese Serie der Charakterzeichnung und zeigt das Leben der zentralen Figuren vor und nach dem drei Jahre zurückliegenden Ereignis auf, so dass seine Tragweite erst deutlich wird. Dementsprechend keine heitere Serie, sondern ein aufwühlendes Gedankenspiel.
Mehr dazu auf culturshock.de: http://www.culturshock.de/site/kritik_rezension_the_leftovers.448.0.html

Titelsequenz.
Zu sehen bei: Pay-TV-Kanal Sky

BLOODLINE (seit 2015)

Worum geht’s?

Bloodline spielt in einer Idylle, zu der sich die meisten von uns unter (familiärem) Stress wohl gern hin träumen: die Florida Keys mit ihren weißen Stränden, der sanften Brise und dem azurblauen Meer, aus dem man hin und wieder einen Delfin springen sieht. Hier unterhält das Ehepaar Rayburn seit Jahrzehnten eine erfolgreiche Hotelanlage und bereitet anderen Familien eine schöne Ferienzeit. Ihren 45. Hochzeitstag feiern sie mit Freunden und der Familie – darunter ihre drei wohlgeratenen Kinder John (County-Sheriff), Kevin (Bootsverleih-Betreiber) und Meg (Anwältin). Und dann wäre da noch Danny, das schwarze Schaf der Familie. Danny wohnt in Miami und besucht seine gut betuchte Familie äußerst selten. Er trinkt gern, war schon häufiger in krumme Geschäfte verwickelt und wird von seinen übrigen Geschwistern als unheilbringender Taugenichts misstrauisch beäugt. Und tatsächlich trübt sein Erscheinen bei der Feier augenblicklich die sorgsam heraufbeschworene Heiterkeit. Denn die Rayburns verbergen viel hinter ihrer professionell-fröhlichen Fassade.

Wieso anschauen?
Zugegeben, man braucht eine Weile, um in Bloodline hineinzufinden, denn diese Serie lässt sich genüsslich viel Zeit beim Enthüllen der schmerzhaften Risse in der Familienfassade. Doch nach den ersten zwei bis drei Folgen sind genügend Spannungsfaktoren da, um den Rest der ersten Staffel im Nu zu verschlingen. Denn die Stärke von Bloodline liegt in der sorgsamen Charaktergestaltung: Zu Beginn meint man, Danny, seine Geschwister und die Eltern einschätzen und wohlbekannten Rollen zuordnen zu können. Aber im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass diese Charaktere zu unentschieden, zerrissen und – einfach zu menschlich sind, als dass man ihre Handlungen und Motivationen vorherahnen könnte. Und so beobachtet man als Zuschauer erstaunt mit, wie sich über dem makellosen Urlaubsdomizil der Rayburns ein Sturm ungeahnter Größe entfaltet.

Trailer mit deutschen Untertiteln.
Zu sehen bei: Streaming-Dienst Netflix

Dobrila Kontić rezensiert für das Online-Magazin culturshock.de aktuelle Filme, Bücher und Serien und ist außerdem eine sehr liebe Freundin, deren Serienwissen mich seit jeher begeistert. Dieser Beitrag ist Teil der Serie Geburtstagsmonat August.

Kultur mit Kind, Nachgefragt

„Ich bekenne, das ich immer noch nicht die Brote in Herzform schnitze, sondern lediglich das klassische Schulbrot bevorzuge“. / Kultur mit Kind Interview über Fach-Pflegefamilien, Elternblogs und das Leben auf dem Bauernhof

Im Kultur mit Kind – Interview erzählt mir diese Woche Thomas, warum er kein Papablogger mehr sein will, was er seinen Kindern kulturell mitgeben möchte und wieso er Köln verlassen hat, um in eine ländlicher Region zu ziehen. 

Du bist Vater einer Tochter, und von zwei Pflegekindern, wohnst auf einem Bauernhof. Beschreib doch mal Deinen Alltag dort. 

Meine Name ist Thomas, ich bin 48 Jahre alt und wohne mit meiner Familie auf einem alten, kleinen Bauernhof – mitten im Nationalpark Eifel. Nach 45 Jahren Köln hatte ich keine Lust mehr auf die überfüllte und stinkende Stadt.

Außerdem wollte ich meiner Tochter ermöglichen so frei wie möglich aufzuwachsen. Und das können Kinder hier prima. Genau 20 Meter gehen und wir stehen mitten im Nationalpark. Wir haben fünf Hühner (mein persönlicher Protest gegen die industrielle Hühnerhaltung), drei Katzen, vier Kanninchen, zwei große Hunde (Hund fängt für mich ab Kniehöhe an) und ein deutsches Reitpony, das gerade ausgebildet wird. Von Beruf bin ich staatlich anerkannter Erzieher (mit jeder Menge Weiterbildungen zum Thema traumatisierte Kinder), verheiratet und habe eine leibliche Tochter (fast 8). Zusammen mit meiner Frau „leiten“ wir eine FACH-Pflegefamilie mit zwei traumatisierten Kindern.

Mein Alltag:
Eigentlich fängt mein Tag absolut spießig an. Ich stehe um 05:45 Uhr auf und bete mich in den Tag. Gegen 06:00 lasse ich die Hühner raus, schnappe mir die Hunde und gehe ca. 20 Minuten spazieren. Danach gönne ich mir zwei Becher Kaffee, rauche die ein oder andere Zigarette und lese auf meinem iPad „Die Welt“.

Ich brauche diese Zeit morgens für mich alleine um in den Tag zu kommen. Ich bin nämlich der absolute Morgenmuffel. Um 07:00 wecken meine Frau und ich die Kinder. Das heißt, meine Frau macht die beiden Pflegekinder (16 Monate und 5 Jahre) fertig und ich wecke unsere Tochter.

Während sich meine Lieblingszicke fertig macht, mache ich das Frühstück und mache die Schul- bzw. KiTa-Brote fertig. Ich bekenne, das ich immer noch nicht die Brote in Herzform schnitze, sondern lediglich das klassische Schulbrot bevorzuge.

Während sich meine Frau dann fertig macht, frühstücke ich mit den Kindern. Meine Frau fährt dann die Tochter und den Pflegesohn in die Schule und in die Kita. In der Zeit füttere ich die Hunde und gehe mit dem Kleinen die Hühner füttern. Dann steht eigentlich so das übliche an: Einkauf, Haushalt, Berichte schreiben, Buchführung machen.

Ab 11:30 beginne ich mit dem Kochen während meine Frau wieder die beiden Kinder einsammelt. Dann Mittagessen, Hausaufgaben, Mittagsschlaf bei den beiden Pflegekindern und dann ist es auch schon 15:30 Uhr. Dann gehen wir eine große Runde mit den Hunden spazieren, sind im Stall beim Pferd und toben uns müde. Gegen 19:00 Uhr gibt es Abendbrot. Danach gehen die beiden Jungs ins Bett und unsere Tochter hat noch exklusive Mama-Papa-Zeit. Um 20:30 ist dann auch für unsere Tochter Schicht und wir haben auch langsam Feierabend. Es sei denn, es müssen noch dringende Berichte an die Jugendämter raus.

Auf Twitter hast Du mir erzählt, dass Du gerne malst und musizierst. Wie lässt sich das mit drei Kindern bewerkstelligen? 

Natur. 

Zum Thema malen muss ich vorwegschicken, dass es mehr und mehr von der Fotografie zurück gedrängt wird. Diese Leidenschaft teile ich mit meiner Tochter. Da bin ich auch schweinestolz auf sie. Was sie schon einen Blick für das Bild hat und umsetzt ist wirklich der Hammer. Eventuell werde ich mal ein paar Bilder von ihr in meinen Blog hauen. Was das Thema Musik angeht: Ich spiele Keyboard. Und Gott sei Dank interessiert sich meine Tochter auch dafür. So kann ich auch dies mit meiner Tochter super unter einen Hut bringen.

Leider ist unser älteres Pflegekind so stark traumatisiert, dass sein Gehirn immer noch „nur“ die Funktion des Überlebens übernimmt. Aber der Kleine haut mit Begeisterung mit beiden Händen auf die Tasten und lacht sich schlapp. Meine Frau hält mir für diese Zeit super den Rücken frei. Ein fettes Danke und einen ebensolchen Kuss an dieser Stelle für meine tolle Frau.

Was möchtest Du Deinen Kindern mitgeben?

Luna – deutsches Reitpony

Kulturell möchte ich nicht nur meinen Kindern Folgendes mitgeben: Sag nicht von vornherein NEIN. Sei neugierig, bleib neugierig. Sei stets dem Neuen aufgeschlossen. Gefällt mir nicht kann man dann immer noch sagen. Aber lasst Euch einfach auf Kulturelles ein. Und ganz wichtig: SCHOCK DEINE ELTERN – LIES EIN BUCH 😉

Und ganz wichtig ist mir auch, dass meine Kinder Folgendes mitnehmen: Wir sind alles Menschen. Egal, welche Hautfarben wir haben und an welchen Gott wir glauben. Meine Familie und ich können froh sein in diesem Land zu leben. Und das ist nichts, worauf man sich etwas einbilden kann oder gar stolz drauf sein kann. Es war das pure Glück, dass ich und meine Kinder hier geboren wurden. Und Rassisten sind Arschlöcher, egal in welchem Land.

Ich schaue auch jeden Abend mit meiner Tochter Logo. Die Nachrichtensendung für Kinder auf KiKa. Finde ich persönlich sehr wichtig.

Welche Ausflüge für Familien kannst Du in Deiner Gegend empfehlen?

Ausflugsziel: Schalkenmehrener Maar. 

In meiner Gegend kann ich empfehlen: Jegliche Anlaufstellen im Nationalpark Eifel, den Rursee, den wilden Kermeter, das Freiwildgehege Hellenthal und natürlich unseren kleinen Hof. Nach Anruf ist jeder herzlich willkommen.

Du warst als Papablogger unterwegs, hast pausiert, bist wieder gekommen und nun bist Du wieder weg. Was hat Dich gestört am Bloggen? 

Nein, nein, nein. Ich bin da wie lange nicht mehr *grinst beim tippen* Allerdings zähle ich mich jetzt zu den Free-Bloggern. Back to the Roots. Zurück zu den Idealen von 2004 🙂 Das bedeutet, ich unterwerfe mich keinem Thema mehr, sondern blogge nur noch über das was mich wirklich begeistert und nicht mehr über die Themen, die von mir erwartet werden. Da wird eine ganze Menge passieren, auch an Überraschungen.

Aber warum ich als Papablogger aufgehört habe hat zwei Gründe:

1. Ich war leer und ausgebrannt. Nicht durch meine Arbeit, nein durch meinen Blog. Als PapaWahnsinn bloggte ich über meine Erfahrung als Fach-Pflegevater. Ich schrieb Artikel wie man einen guten Träger findet, wie man sich selber prüfen kann, ob man überhaupt geeignet ist als Pflegefamilie und so weiter.

Ich erhielt viel Feedback in Form von Kommentaren, viel Fragen per Mail und auch per Telefon/Skype beantwortete ich Fragen.

Aber das Ganze wuchs mir dann über den Kopf. Vor allem als andere Pflegefamilien mich um Hilfe baten. Es ging um Ärger mit dem Träger, Konflikte mit dem Jugendamt und um pädagogische Fragen zu deren Pflegekindern. Am Tag gingen zum Schluss um die 4 Stunden an „Support“ drauf.

Einerseits machte es mich stolz, andererseits merkte ich, wie meine Kraft von Tag zu Tag schwand. Denn ich hatte ja auch noch meinen Job als „Leiter“ meiner Fachpflegefamilie.

Oft saß ich bis Nachts um 02:00 Uhr noch am Mac und um 05:45 ging der Wecker.

Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Immer neue, hochwertige Artikel, die ja auch helfen sollten. Dazu die Pflege der üblichen Social Media Plattformen.

2. Ich hatte die Szene der Mama-Papa-Blogger gründlich satt. Du merktest den meisten Blogs an, dass es nur noch um Monetarisierung ging. Dazu kamen diese honigsüßen Blogs immer stärker auf. Und man hatte sich nur noch lieb und alle sind die süßesten und besten Blogger und man war ja sooo dankbar, dass man sich kennengelernt hat. Ganz ehrlich: Ich war sauer, nein wütend, auf diese neue Bloggergeneration. In meinen Augen haben sie die Ideale der Blogger im wahrsten Sinne des Wortes verkauft. Und als dann auch noch meine absolute Lieblingsbloggerin auf diesen Zug aufsprang war das Thema endgültig für mich gestorben.

Auch wenn es arrogant klingt: Ich wollte zu dieser Szene nicht mehr gehören. Gemäß dem Song der Onkelz: Ihr hättet es wissen müssen!

Und meine Lieblingsfrage: Wie entspannst Du? 

Beim Thema Entspannung bin ich ein absolut egoistisches Arschloch. So sehr ich die Zweisamkeit mit meiner Frau genieße, aber richtig abschalten und entspannen kann ich nur mit Musik. Dann heißt es bei mir den Sennheiser auf, die Böhsen Onkelz rein und fast bis zur Schmerzgrenze aufdrehen.

Dankeschön für das Interview. 

Die Bilder wurden freundlicherweise von Thomas zur Verfügung gestellt.

Und hier geht es zu Thomas‘ Blog.

Ihr habt auch ein Kind, interessiert Euch für Kultur und möchtet darüber reden? Schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 

Eine Übersicht über alle bisher geführten Interviews findet Ihr hier.