Kultur mit Kind, Nachgefragt

„Auch als Vater einer Tochter kann man ganz ich selbst bleiben.“ / Kultur mit Kind mit Johnny vom Weddinger Berg

Wie lebt es sich eigentlich im Berliner Bezirk Wedding, wo braucht er noch mehr Geduld und wo sind seine alten Freunde hin? Das und mehr im „Kultur mit Kind“-Interview mit Johnny vom Familienblog Weddinger Berg. 


Stell Dich doch bitte kurz vor. 
Ach, ich bin ein Mann mit vielen Namen. Viele nennen mich bei meinem Spitznamen Johnny. Meine Mutter taufte mich allerdings auf den eher bürgerlichen Namen Tobias. Ich bin mittlerweile fast Mitte Dreißig und verdinge mich nebenher als Museumspädagoge und Redakteur. Seit der Geburt meiner töchterlichen Urgewalt papablogge ich zudem als Einlings- und Erstlingsvater regelmäßig auf meinem Blog. Dort geht es vor allem um Themen, die mich persönlich als Vater beschäftigen. Manchmal meldet sich auch meine Freundin dort zu Wort und macht den Blog zu einem echten Familienblog.

Denjenigen, die sich über den etwas sperrigen Namen wundern: Weddinger Berg ist ein Fantasiename, der sich aus den zwei Berliner Bezirken Wedding und Prenzlauer Berg zusammensetzt. Es ist ein Wortspiel, welches ich ohne groß darüber nachzudenken dann auch als Blogname gewählt habe. Im Nachhinein hätte es wohl auch passendere Familienblognamen gegeben. Was soll ich sagen, ich war jung und ungestüm.

Was hat sich verändert seitdem Du Vater geworden? 
Seitdem ich vor zirka eineinhalb Jahren dieses mysteriös-verschlungene Vaterdickicht betreten habe, bin ich immer wieder erstaunt. Ich habe zum Beispiel überhaupt nicht den Eindruck, mich seit der Geburt in irgendeiner Weise verändert zu haben. Ich dachte, es gäbe vielleicht einen großen Knall und danach wäre alles anders. Als wäre die Geburt der Tochter auch so etwas wie eine Vatergeburt. Der große Knall blieb aus und auch die große Veränderung. Heute weiß ich, dass das eine gute Sache ist, denn: Auch als Vater einer Tochter kann man ganz ich selbst bleiben.

Natürlich gehe ich heute nicht mehr so viel aus wie früher. Und wenn, dann kehre ich natürlich sehr viel früher wieder heim. Wir sitzen auch nicht mehr so oft gemeinsam zu zweit auf dem Balkon mit einer Flasche Wein. Vor allem letzteres vermisse ich glaub ich schon ein wenig – vor allem in den lauen Sommernächten. Ich würde das nicht als Veränderung deuten, sondern als das Bewusstsein für Verantwortung.

Mein Umfeld hat sich hingegen teils radikal verändert. Heute habe ich fast ausschließlich Eltern im Freundeskreis. Natürlich dürfte hierbei auch das Bloggen ein wenig nachgeholfen haben, wer weiß. Die alten Freunde sind jedenfalls mit wenigen Ausnahmen in die hinteren Ränge gerutscht und scheinen sich’s dort mittlerweile gemütlich eingerichtet zu haben. Darüber, wie sich der Freundeskreis in den letzten Monaten verändert hat und warum ich das als etwas Positives sehe, habe ich natürlich auch gebloggt, nämlich hier.

Alles in allem kann ich sagen: Ich trauere dem alten Leben nicht hinterher. Ich lebe im Hier und Jetzt. Als Vater einer knapp eineinhalb jährigen Tochter kann ich es mir ohnehin nicht erlauben, in der Vergangenheit zu leben.

Du schreibst auf Deinem Blog über das Leben im Berliner Wedding, ich kenne Deinen Bezirk nicht, was empfiehlst Du dort jungen Familien?

Wir wohnen zu dritt im wunderschönen Wedding. Der Wedding hat seinen schlechten Ruf völlig zurecht, doch wie jeder Bezirk, hat der Wedding eben auch seine schönen Ecken. Und wir haben das seltene Glück, genau eine solche bewohnen zu dürfen. Und wenn ich so aus dem Fenster schaue, dann scheinen wir nicht die einzigen jungen Eltern zu sein, die das mittlerweile erkannt haben.

Wir leben nahe der Seestraße, also im dem ältesten Teil des Afrikanischen Viertels und sind dort umgeben von Bäumen, Parkanlagen und vielen neuen Spielplätzen. Mit unserer Tochter sind wir besonders im Sommer häufig an zwei Orten wiederzufinden: Zum einen in den weitläufigen Rehbergen mit seinen kleinen Seen und dem Freigehege. Die Rehberge bieten ein vielfältiges Stück Stadtnatur, in dem man wunderbar spazieren gehen und vor allem entspannen kann. Zum anderen sind wir häufig im Schillerpark. Dort gibt es an besonders warmen Tagen eine öffentliche Plantsche. Für Familien mit Kindern im Sommer natürlich ein magischer Ort. Auch deswegen, weil es direkt nebenan neben Eis, Limo auch die, für ein vollkommenes Badeerlebnis unabdingbaren Pommes käuflich zu erwerben gibt.

Überhaupt lebt es sich sehr grün und aufgeregt im Wedding. Was man aber auf jeden Fall vor dem Besuch im Park machen sollte ist, bei Cevik in der Antwerpener Straße vorbeizuschauen. Cevik ist ein türkischer Bäcker, der 24 Stunden am Tag, also auch sonntags geöffnet hat und das frischeste Fladenbrot der Stadt anbietet. Behaupte ich jetzt einfach mal. Na gut, eigentlich ist es gar kein klassischer Bäcker, sondern ein Bäcker, der andere Bäcker beliefert. Das Prozedere ist beinah schon konspirativ: Man klopft vorsichtig an eine unscheinbare weiße Tür oder an der milchige Fensterscheibe und wartet. Dann muss alles ganz schnell gehen. Man bestellt, bezahlt und geht hopplahopp seiner Wege. Nicht nur für Parkgänger, sondern auch für Eltern, deren Kinder einkaufsungünstige Schlafzeiten haben, ist dieser Bäcker manchmal ein wahrer Lebensretter.

Was funktioniert bei Euch so gut, dass Du Dich zu einem Tipp aufschwingen würdest?Wir versuchen immer, also auch als Familie, die Dinge immer so entspannt und ergebnisoffen wie möglich zu gestalten. Dieser Ruf, also besonders entspannt zu sein, der eilt uns mittlerweile schon voraus. Besonders als Vater habe ich gelernt, dass man nicht zu viel von sich selbst erwarten sollte. Nicht alles klappt sofort und manchmal erleidet man Rückschläge. Viele Dinge wie Bindung zum Kind, neues Finden in der Partnerschaft, Arbeitsteilung etc. erfordern viel Zeit und noch mehr Geduld.

Meine Lieblingsfrage: Wie entspannst Du?
Ein weiterer Tip für andere Väter und Mütter ist natürlich, freie Stunden so gut wie möglich zu nutzen! Ich schaue gerne Serien oder schreibe, um mich zu entspannen. Beides geht am besten, wenn ich allein und für mich bin. Mittlerweile habe ich aber auch gelernt, die Arbeitszeit als etwas Schönes und Entspannendes zu sehen. In meinem Beruf als Pädagoge gibt es sehr viele schöne Momente, die ich mittlerweile einfach besser zu schätzen weiß.

Ihr habt auch ein Kind, interessiert Euch für Kultur und möchtet darüber reden? Schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 

Eine Übersicht über alle bisher geführten Interviews findet Ihr hier

Alltag, Kultur mit Kind

Schwüles Wetter, Sushi und Schokoladenkekse (WIB/12v12 vom 11.+12.Juli 15)

In meiner Kindheit gab es in Österreich den Fernsehfrosch der immer das Wetter angesagt hat. Sein Name war Quaxi. Für Quaxi wäre das Berliner Wetter dieses Wochenende wahrscheinlich eine echte Herausforderung gewesen. Es war schwül und man konnte sich auf nichts einstellen. 
Ein Obstquetschie ist die Zeiteinheit für den ersten Kaffee am Samstagmorgen. 
Auf unserem Klopapier findet sich ein Bild, das nach frühem Vogerl aussieht. REWE sei Dank. 
Nach dem Frühstück schreibe ich einen Text über Tätowierungen, und wie ich auf dem Spielplatz eine merkwürdige Begegnung hatte. 
Als Jause gibt es Melone und Kekse (Mann) und Melone und Butterbrot (Kind). 
Im Supermarkt ist überraschend wenig los. 
Im Anschluss hole ich Essen, und warte in der Sonne. 
Die Wahl fällt auf Sushi. 

Der Sonntagmorgen beginnt mit einem Spielchen. 
Ich suche meine blaue Brille und finde nur andere. 
Zweites Frühstück und antesten der Cousinen-Marmelade. Hervorragend. 
Im Anschluss machen wir einen kleinen Spaziergang. 
Mittagsschlaf und Garten. 
Mein neues Buch verrät mir auf Seite 4, dass hier ein kleines Kind stirbt. Sieht zumindest stark danach aus. Wenn mir nicht jemand erzählt, dass das nicht stimmt, lese ich nicht weiter. 
Nachmittags ist Palatschinkenzeit. 
Das Spielzeug hat immer noch Aktualität. Wir warten noch immer auf ein paar Päckchen. 
Bei uns ist einer krank, drum liegen überall Taschentücher. 
Kurz nach vier trinke ich den letzten Kaffee des Tages. 

Bei diesem komischen Wetter bewegt sich der Schurkenbeardie kaum. 
Im Wohnzimmer liegen Muscheln, das Mitbringsel einer Freundin. 

Mehr Wochenenden gibt es wie immer bei Susanne von Geborgen Wachsen.

Die 12 Bilder vom Sonntag sind zudem Teil der Aktion von Draußen nur Kännchen, immer am 12 des Monats den Alltag in 12 Bildern zu zeigen. 
Und wie war Euer Wochenende so?
Kultur mit Kind, Meinung

Zeichnungen auf der Haut / Tätowierungen

„Der Vater des schrecklichen Kindes war auch noch zugehackt bis oben hin: Kein Wunder.“. Diesen Satz sagte eine Frau, schätzungsweise um die 30, zu ihrer Freundin. Und ja, das war tatsächlich 2015. Und es war tatsächlich mitten in Berlin.

Symbolbild.

Bis zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass Tätowierungen heute so etwas sind wie Haarklammern, Mützen, bunte Schuhe oder lustige Lippenstifte: ein weiterer Ausdruck der Persönlichkeit. Nicht mehr und nicht weniger. Anscheinend nicht für jeden.

Deshalb habe ich mich auch sehr gefreut, als meine Bloggerkollegin Bella eine neue Interview-Reihe vorgestellt hat. Unter #elterntattos stellt sie jede Woche eine Mutter vor, die sich die Symbole für ihre Kinder versinnbildlicht auf die Haut hat stechen lassen. Das erste Interview kommt gleich von der großartigen Rike Drust, Autorin von Muttergefühle.

Bella hat die Reihe ins Leben gerufen, um Ideen zu sammeln, wie sie selbst die Geburt ihrer Tochter auf ihre Haut transportieren könnte.  Bella erzählt von einer überwältigen Resonanz. Es bleibt also zu hoffen, dass die Mütter wohl doch eher noch ein Einzelfall sind. Ich selbst habe übrigens nur ein Tattoo, mittlerweile fast ein Jahrzehnt alt. Warum es nicht mehr wurden? Mir tut das einfach zu weh.

Und wie steht Ihr zu Tätowierungen?

Kultur mit Kind, Meinung

Eine Stimme für die Hebammen

Im neunten Monat schwanger hatte ich eine kurze Rückfrage zur Abrechnung meiner Beleghebamme. Ich rief bei meiner Krankenkasse an, wo mir eine Dame erklärte, dass sie der Meinung war, dass Beleghebammen unnötig wären und außerdem viel zu teuer. Sie riet mir, weitere Angebote einzuholen. Das müsse doch auch anders gehen.

Ziemlich verdutzt erwiderte ich, dass das wohl nicht ihre Sache sei, der Zeitpunkt wohl etwas spät, ich rundherum zufrieden und sie ganz bestimmt nicht mein Ratgeber sei. Ich schimpfte noch ein bisschen vor mich hin, und legte dann, recht schnell, einfach auf.

Im Tipps-verteilen-die-keiner-braucht scheint sie aber in guter Gesellschaft zu sein. 

Nun geistert ein Bild durch die sozialen Medien in dem die stellvertretende Pressesprecherin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen auf NDR Info gesagt haben soll, dass wir keine freiberuflichen Hebammen brauchen. 

Wer ist denn dieses WIR?

Ich möchte keine Minute missen, die mir meine Hebamme zur Seite stand. Vor, während und nach der Geburt. Und auch sonst. Schon einen Text habe ich über meinen Lieblingsprofi geschrieben.

Und ich wünsche jeder Frau, die sich ein Kind wünscht, die ein Kind bekommt oder auch ein Kind verliert, eine Hebamme. Eine Hebamme, die in der ersten Zeit hilft, wo so viele Fragen sind. Die zur Seite steht, ohne die eigene Meinung in den Vordergrund zu stellen und die einem Ruhe gibt.
Vielleicht findet nicht jeder so eine gute wie die meine. Aber ich bin mir sicher es gibt eine Menge guter Hebammen da draußen.

Zumindest habe ich bisher nur Profis kennengelernt, das kann ich nicht von jeder Berufsgruppe behaupten.

Hebammen sind so unglaublich wichtig. Aber es gibt anscheinend immer noch Menschen, die es nicht begriffen haben. Auch wenn ich die Aussage der stellvertretenden Pressesprecherin nicht gehört habe, habe ich immer noch die Stimme von der Sachbearbeiterin im Ohr und bin froh, dass ich natürlich nicht auf sie gehört habe. 

Hier geht es zur Petition.
Kultur mit Kind, Meinung, Nachgefragt

Die sichtbaren Männer der Mamablogger / Blogparadenzusammenfassung

Vor ein paar Wochen frage mich meine Freundin, damals hochschwanger, wie es denn so aussieht mit den Männern der Mamablogger. Kaum einer sei ihr je beim Lesen begegnet und ein bisschen wirke es so als wären wir in den 50ern. Also blogtechnisch.
Dass das nicht ganz so stimmt, wollte ich ihr gerne beweisen und habe Ende Mai zur Blogparade „Männerrollen“ aufgerufen, um Stimmen zu sammeln.

Den Anfang machte ich selbst, in dem ich den Vater vom frühen Vogerl in einem Interview kurz vorstellte. Dieser berichtete von unserem Kneipenvorleben und wie unser Hund auf das Kind vorbereitet wurde. Besonders mochte ich auch die Liebeserklärungen einiger Bloggerinnen, die durch die Blogparade zu mir kamen.

Liebe: sichtbar gemacht.

Sarah von mamaskind.de zum Beispiel bedankt sich bei ihrem Mann dafür, dass er immer den Rücken freihält. Katarina von blogprinzessin.de bedankt sich in einem Brief bei ihrem Mann, dass sie seine Frau sein darf. Jessi von feiersun.de stellt fest, dass er der Verstand und sie das Herz ist, und warum das gut so ist. Sehr berührend fand ich den Artikel von cosmopolimam.com, deren Liebe zu ihrem Mann über den Sohn begann. Einer meiner liebsten Beiträge kommt von der Zweifachmama: Sie beschreibt, wie sich die Liebe ändert, wenn die Kinder größer werden. Sarah von Zwergenzimmerchen erzählt, dass sie ihr Mann wirklich lieben muss, sonst hätte er sicherlich nicht zwei Schwangerschaften mit ihr überlebt. Heike von Emma und Lukas geht davon aus, dass jeder glaubt, dass er mit dem besten Mann verheiratet ist, und berichtet, warum sie sicher ist, dass es ihr Mann wirklich ist. Schön fand ich auch den Text von Mama hoch Drei über die Vereinbarkeit vom Eltern-sein-und-Paar-bleiben.

Gewohnt pragmatisch berichtet die liebe AndalusienMutti, warum der Mann so selten vorkommt, einfach weil er nicht so häufig da ist. Endlich kann ich mir das mal ein bisschen vorstellen, mit dem Alltag bei ihr in Spanien.
Sehr gerne lese ich den Blog von Susanne von Nullpunktzwo, und habe mich gefreut über ihren Beitrag mit plausiblem Grund, warum der Mann so wenig Thema ist. Anna von Familie Motte überlegt, ob ihr Mann ein kleines Interview geben soll und ich wäre sehr dafür. Warum die Männer Randfiguren, auf dem Blog und nicht im Leben, sind berichten auch Bella von familieberlin, Dani von Glucke und So und von Frau Venus von dailydress. Zum Redigieren oder Bilder absegnen treten die Männer von Spinnliesl und Biene von Klitzekleinedinge in Erscheinung.

Warum sie die Anonymität besonders schätzt, ihr Zahnarzt, nicht aber ihr Mann eine Rolle in dem Blog hat, berichtet Wunschkindwege. Gleich mit zwei kontroversten Beiträgen ist das Stadtlandkind dabei, einmal warum sie findet, dass sich eingespeichelter Keksbrei und Sex leider ausschließen und über Diskussion mit dem Mann, wenn Frau trotz krankem Kind arbeiten möchte. Eine meiner Lieblingsbloggerinnen hat auch gemacht, wer ist eigentlich der Mann von Rieke von Nieselpriem? Der Mann von der Bloggerin Meermond hat in seinem Bollerwagen seine Zwillingsjungs, statt Bier, und wird deshalb besonders geliebt. Und wie das Leben so ist als Teil eines Twitterpärchen hat schließlich Anne von aenny-cant-sleep beigesteuert. Fast untergegangen wäre der sehr lesenswerte Beitrag von Saskia von Essential Unfairness. Sie schreibt darüber, wie es ist wenn der Familienblog vom Mann gestartet wird.

Ich danke Euch für die vielfältigen Beiträge.

Habt Ihr verpasst, daran teilzuhaben? Oder wollt Ihr erzählen, warum die Männer bei Euch keine Rolle spielen? Weil Ihr alleinerziehend seid, mit einer Frau zusammenlebt oder ganz andere Erfahrungen gemacht habt? Dann kommentiert, oder schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. Ich bin gespannt. Und meine Freundin, die Skeptikerin, sicher auch.

Kultur mit Kind, Nachgefragt

„Vor einiger Zeit meinte der Mann zu mir, dass er den Zwerg als sein Kind sähe“. / Alleinerziehend und Vereinbarkeit

Wie sie das Leben als Alleinerziehende meistert, was sich verändert, wenn da plötzlich ein neuer Partner ist und über Probleme in der Arbeitswelt: Darüber habe ich mit Jessica vom Blog Zwerg und Meer gesprochen. Meine „Kultur mit Kind“ Interviewpartnerin kommt diese Woche aus Greifswald. 

Stell Dich doch bitte mal kurz vor. 

Mir wurde der Name Jessica gegeben. Hatte da leider kein Mitspracherecht. Mittlerweile zeigt die Uhr 29 Jahre an, aber das ist ja nur eine Zahl. Geboren bin ich an der Küste. Eine (für mich) kleine Stadt : Greifswald. Geprägt durch unsere Uni und einige bekannte Personen, die hier mal gelebt haben.
Wegen der Arbeit bin ich Ende 2007 nach Hamburg gezogen. Dort fand ich auch die Liebe. Und ich verliebte mich sofort in die Stadt, würde da ja nur zu gern wieder leben, aber leider nicht gerade das billigste Flecken Erde. 2011 kündigte sich, recht spontan, der Zwerg an. Da das Leben nicht immer fair spielt, zog ich dann wieder in die Heimat. Familie und so. Manchmal geschehen Dinge ja aus Gründen. Seit dem sind wir beide auf uns alleine gestellt.
2013 kam ich dann zum Bloggen. Mein kleiner Ausgleich zum Alltag. Dort schaffe ich es, mir Dinge von der Seele zu schreiben, die ich sonst nirgends erzählen kann. Zwischendurch hatte ich eine kleine Pause, mir fehlte der Elan zum schreiben. Doch mittlerweile bin ich wieder gern am Rechner und schneide so manche Themen an.  Ich

versuche darüber auch zu zeigen, wie das Leben als Alleinerziehende so ist. Denn die Medien stellen es manchmal komisch verzerrt da. Was so nicht stimmt. Und man hat da so einiges zu erzählen.
Seid diesem Jahr bin ich auch nicht mehr allein. Der Mann ist da. Alles noch recht frisch, manchmal chaotisch, aber wir lieben uns und müssen in dieses Leben erstmal hineinfinden.
Der Zwerg ist bisher der Mini-Chef im Haus. Und das wird auch noch lange so bleiben. Irgendwann wird es, neben dem Sternchen, noch ein Geschwisterchen für ihn geben. Bin selber mit zwei kleineren Brüdern aufgewachsen und finde es schöner, wenn man nicht alleine ist. Doch dafür müssen erst noch ein paar Baustellen angegangen werden.

Du bist alleinerziehend. An welchen Stellen empfindest Du das als besondere Herausforderung? 
Alleinerziehend zu sein ist nicht immer ein Spaziergang. Ausgesucht habe ich es mir nicht, daher versuche ich das Beste draus zu machen. Mein Vorteil ist wohl, das ich es von Beginn an so kenne. Bereits in der 8. Schwangerschaftswoche entschied sich das so. Doch es gab für mich keinen Zweifel daran, das ich es nicht schaffe. Im ersten Jahr war es für mich zeitweise die Hölle. Wenn der Zwerg abends seine Schrei-Bock-Phasen hatte. Manche Abende ließ ich ihn, denn ich konnte nicht mehr und musste selber erstmal weinen.
Mit der Zeit haben wir uns eingespielt. Hier und da ecken wir noch an, aber wir lernen ja noch.
Kurz vorm zweiten Geburtstag kam der Zwerg in die Krippe. Für mich eine Wohltat. So hatte ich endlich Zeit für mich. Ungewohnte Freiheiten. War ich doch vorher 24/7 Mutter, hatte ich endlich einmal die Möglichkeit durchzuatmen. Doch bin ich halt immer noch die meiste Zeit im Dienst.
Eher selten schläft der Zwerg mal bei der Oma. Das ist für mich dann schon purer Luxus. Meist sind wir zusammen. So ist es dann oft schwer, wenn man am Abend allein dabei sitzt und Zeit zum Nachdenken findet. Man zweifelt manches an. Aber es bringt einen nicht weiter. Das ganze hat mich auch ein wenig in die Depression gebracht. War vorher ab und an schon mal. Aber dadurch wurde es wieder mehr. Ich musste mir einen Weg suchen, das Ganze in den Griff zu kriegen.
Alles was den Zwerg angeht, entscheide ich selber, finanziere ich selber. Seid beginn. Vom Kindesvater ist da nie groß was gekommen. Er hat ne neue Familie gegründet. Anfangs war ich so sauer und wünschte ihm die Pest an den Hals. Doch nun sag ich mir „Irgendwann kriegt jeder das was er verdient“. Ich rege mich nicht mehr drüber auf. Möchte der Zwerg ihn irgendwann mal kennenlernen, darf er das. Dem würde ich nie im Wege stehen.
Der Punkt des „Alleinerziehend seins“ ist besonders bei der Arbeitssuche ein großer negativer Punkt. Denn die meisten Bewerbungen sind bisher bei mir ohne Reaktion geblieben. War dann mal ein Vorstellungsgespräch, war das Kind immer der Grund warum es nicht klappte. Ich habe nur die Kindergartenzeiten, welche sich ab August endlich etwas bessern. Er könnte dann von 6-17 Uhr gehen. Und das reicht leider nicht. So kann ich nicht mehr groß Anforderungen stellen.
Klar wir haben die Oma, die mich auch unterstützt, aber es kann ja nicht sein, das ich neben der einen Betreuung noch eine zweite brauche. Wenn ich das bezahlen müsste, diese dopplete Last, müsste ich nicht arbeiten gehen. Sorry, aber so ist es leider, denn dann würde das meiste Geld nur allein dafür drauf gehen. Nun hat sich zum Glück endlich was getan und ich kann als Aushilfe arbeiten. Ohne die Oma aber nicht machbar. Dann hätte ich diesem Job nicht zustimmen können. Dringender Handlungsbedarf in der Politik.

Auf Twitter habe ich gelesen, dass Du seit Kurzem einen neuen Partner hast.Wie gut lässt sich das Vereinbaren, Dates und Familienleben, und wo gibt es Überschneidungen?
Die Suche nach einem neuen Partner war nicht leicht. Dates sind nicht wirklich planbar. Ich denke, da wir uns beide schon eine Weile kannten (unser 3. Anlauf) war das unser Vorteil. Bisher hatten wir aber nur einen Abend ohne Kind. Der dann aber nicht so gut war. Er kommt am Abend zu mir, wenn der Zwerg meist schon im Bett ist. Ich hätte gerne ab und an mal einen Paarabend, wo nur wir beide sind. Doch das lässt sich schlecht einplanen. Er ist sehr viel beschäftigt und bei mir mangelt es dann am Babysitter. Da Bedarf es dann schon Planung und frühzeitigem Bescheid sagen bei der Oma. Anders gehts halt nicht. Und Geld für einen fremden Babysitter auszugeben? Nein, ich könnte keinem Fremden mein „Baby“ überlassen.
Da er selber Kinder hat, ist es für ihn nichts Fremdes. Und der Zwerg findet alles super. Der ist total begeistert vom Mann und ich bin dann immer abgemeldet. Es ist seine erste männliche Bezugsperson, was man dabei schon sehr merkt. Sie mögen sich beide, was wirklich schön ist. Das war aber schon von Anfang an so. Vor einiger Zeit meinte der Mann zu mir, dass er den Zwerg als sein Kind sähe. Das war für mich natürlich der Punkt, wo ich mir gesagt hab, der bleibt 🙂
Es ist noch viel Arbeit, um das Familienleben besser in Einklang zu bringen. Denn auch der Zwerg möchte mit einbezogen werden. Was ich manchmal ankreide, da der Mann das nicht so auf dem Schirm hat. Ich habe mich aber an diese „Macke“ bereits gewöhnt.
Die Umstellung von Single auf Beziehung ist aber alles andere als einfach. Machte man vorher alles alleine, plante und organisierte: Ist da nun jemand, der auch miteinbezogen werden möchte und sollte. Es ist ein Spagat, dem Ganzen gerecht zu werden. Und in manchen Punkten bin ich schnell gereizt und reagiere über. Hat sich zwar schon gebessert, ist aber noch ausbaufähig.
Für mich war es am Anfang am schwersten, den Mann so nah an den Zwerg heran zu lassen. Ich konnte nicht richtig loslassen. Sie verstanden sich von Anfang an und machten was zusammen. Da musste ich lernen, das ich nun auch mal ein wenig abgegen kann. Mir einen Moment Ruhe gönnen kann.

Du wohnst in Greifswald. Welche Ausflüge kannst Du in dieser Gegend für junge Familien besonders empfehlen? 

Wo man hier was machen kann? Puh, ich muss zugeben, manches kenne ich immer noch nicht. Und es gibt einiges, wo man mal hin kann. Direkt in Greifswald fällt mir nur die Klosterruine ein, was aber für einen Familienausflug dann doch etwas wenig ist. Dafür muss man schon weiter. In Stralsund ist der Tierpark einen Besuch wert. Da sind wir öfter. Und auf jedenfall das Meeresmuseum. Als Kind war ich schon immer da und nun darf der Zwerg das erleben. Da ist ein Besuch ein Muss und ich kann es empfehlen. Fährt man noch ein wenig weiter kommt man nach Rostock. Der Rostocker Zoo ist ganz klar einen Besuch wert. Möchte man den ganzen Tag irgendwo verbringen dann ab zu Karl´s Erbeerhof. Den liebt der Zwerg. Es kostet nichts. Wenn man es schafft nichts im Hofladen zu kaufen, was aber schier unmöglich ist. Und man kann den ganzen Tag da verbringen. Wir sind regelmäßig da.
Auch Rügen ist wirklich schön. Dort gibt es viele Ecken, wo man mal gewesen sollte. Kreidefelsen und so. Möchte man Meer und Sand dann ab nach Usedom. Eine Badeort reiht sich an den nächsten. Wasser und Strand ohne Ende. Traumhaft kann ich nur sagen.
Das wären jetzt so ein paar Punkte, die mir hier in der Nähe einfallen würden. Gibt bestimmt noch mehr, aber wir haben auch noch lange nicht alles für uns entdeckt. Der Zwerg wird ja erst noch groß, da haben wir noch genug Zeit.

Und meine Lieblingsfrage: Wie entspannst Du?
Am besten schaffe ich das Entspannen in der Badewanne. Dazu ein wenig Musik und ich kann abschalten. Gerade nach einem stressigen Tag mit dem Zwerg, kann das sehr gut tun.
Wobei ich aber auch sehr entspannen kann ist die die Nähmaschine. Das Nähen ist für mich eine Art Therapie geworden. Einfach an nichts denken und dabei was schaffen. Dazu Musik auf die Ohren und ich bin danach total entspannt. Daran stört mich auch niemand.

Danke. 

Die Fotos wurden freundlicherweise von Jessica zur Verfügung gestellt.

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Ihr habt auch ein Kind, interessiert Euch für Kultur und möchtet darüber reden? Schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 

Eine Übersicht über alle bisher geführten Interviews findet Ihr hier