Kultur mit Kind, Nachgefragt

„Da ich selbst vom Land komme, war mir unterbewusst immer klar, dass ich zurück aufs Land ziehe, wenn die Kinderplanung startet.“ / Familienrollen zum Landleben

Immer am Dienstag gibt es das Kultur mit Kind – Interview: Camilla (Blog: Bauchzwerg Und Ich) aus der österreichischen Steiermark erzählt, wie sich ihr Leben mit Kind im ersten halben Jahr verändert hat, warum sie nun gerne auf dem Land lebt und an welche Hobbies auch ihr Sohn schon teilnimmt.

Stell Dich doch bitte kurz vor. 

Tragen im Wald.

Im echten Leben heiße ich Camilla, bin 25 Jahre alt und habe vor sechs Monaten mein erstes Kind bekommen, einen kleinen Buben, der auf den Namen Leopold hört, aber meist nur Leo genannt wird.

Wenn ich nicht gerade in Elternzeit (bei uns in Österreich heißt das ja Karenzurlaub) bin, arbeite ich mit Leib und Seele als Krankenschwester. Da ich meinen Beruf sehr gerne mag, werde ich auch nach einem Jahr wieder arbeiten gehen. Nicht weil ich muss, sondern weil ich will.

Und in absehbarer Zukunft bekomme ich dann hoffentlich noch ein zweites Kind. Danach ist die Familienplanung aber abgeschlossen. Achja und ich habe gerne für alles einen Plan, wie man vielleicht merkt.

Du bist seit sechs Monaten Mutter: Was hat Dich in der ersten Zeit überrascht?

Sechs Monate Mama-Sein ist ja noch keine Glanzleistung und es kommen sicher noch viele Überraschungen auf mich zu. Was mich wirklich überrascht hat war, wie schnell der kleine Mann kein richtiges Baby mehr war. Ich habe immer gedacht, dass Babies viel schlafen und die meiste Zeit kuscheln wollen und friedlich im Stubenwagen liegen und man so, zumindest in der ersten Zeit, ganz leicht den Haushalt schmeißt. Das bisschen Haushalt… Dem war nicht so!

Nach gefühlten zwei Wochen Babyzeit, hat mein Baby tagsüber kaum noch geschlafen und der Haushalt ist schon gerne mal auf der Strecke geblieben. Dass ich für meine Hobbies weniger Zeit haben werde, war mir bewusst. Dass sich meine Wichtigkeiten ändern und meine Interessen sich verschieben, habe ich auch geahnt.

Was mich überrascht hat war, dass meine Beziehung zu meiner eigenen Mutter um einiges besser wurde, seitdem ich selbst Mama bin. Dass man plötzlich Dinge ganz anders sieht und Sachen sagt, die man davor nicht gesagt hätte. Beispielsweise „Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht“, hätte ich niemals in den Mund genommen.

Dass man indirekt etwas spießiger wird und weniger spontan, hätte ich mir auch nicht gedacht. Ich sehe mich schon in den All Inclusive Urlaub fahren, was eigentlich eine Horrorvorstellung von mir ist/war. Strandurlaub, nein danke! Jetzt vermutlich schon!

Vor der Geburt Deines Kindes hast Du in Graz, der steirischen Landeshauptstadt gewohnt, wie lebst Du heute?

Header vom Blog „Bauchzwerg Und Ich“.

Heute lebe ich wieder etwas ländlicher. Eigentlich sehr ländlich, am Waldrand mit Hund und Katzen, ohne Nachbarn und mit wenigen Kilometern bis zur Familie meines Partners.

Da ich selbst vom Land komme, war mir unterbewusst immer klar, dass ich zurück aufs Land ziehe, wenn die Kinderplanung startet.

So habe ich mich nach meiner Ausbildung zur Krankenschwester schon zum Arbeiten in einem Peripherie-Spital entschieden anstatt in der Universitätsklinik der Landeshauptstadt zu arbeiten. In meiner Stadtwohnung hatte ich nicht einmal einen Balkon, so wäre mein Kind nicht einmal ein Balkonkind geworden.

Mein Partner hatte bereits ein Haus gekauft, das alles andere als familientauglich ist. 80 Quadratmeter ohne richtiges Badezimmer, die Schlafzimmer im 1. Stock sind alle Durchgangszimmer und sowieso ist es eher eine Junggesellenbude als ein Traumschloss.

Langsam haben wir angefangen zu renovieren, mittlerweile habe ich auch ein richtiges Badezimmer mit Badewanne und Stauraum. Fertig sind wir aber noch lange nicht und es wird noch viel Arbeit auf uns zu kommen. Ich habe mich aber mittlerweile ins Haus verliebt, zwar nicht auf den ersten Blick, aber auf den dritten oder vierten und mittlerweile möchte ich auch nicht mehr umziehen.

Leben am Waldrand ohne Nachbarn mit Bach und Fischteich am eigenen Grund ist dann doch ein Kindertraum. Und Sandkasten und Schaukel warten schon in der Garage nächstes Jahr aufgebaut zu werden.

Manchmal fehlt mir die Stadt dann aber doch. Ich konnte bei uns weder Umstandsmode kaufen, noch Wöchnerinnen-Einlagen und auch für Kinderkleidung gibt es bei uns nur ein einziges Geschäft. Babyschwimmen und andere Kurse mit Baby werden nicht angeboten. Und auch daran, dass ich mir Sonntag-Nachmittag kein Sushi bestellen kann, muss ich mich erst gewöhnen, aber es wird.

Vor der Geburt Deines Kindes hattest Du viele Hobbies, einige hatten mit den 1960er Jahren zu tun: Was kannst Du aktuell davon umsetzen?

Aktuell kann ich die 60er Jahre nicht so gut umsetzen, das hat aber nicht nur was mit dem Baby zu tun. In meine liebevoll und über Jahre zusammengesammelten Kleidchen passe ich noch nicht ganz. Da ich nachts noch stille, ist mein Busen nämlich noch überdimensional groß, zumindest für mich.

Praktisch sind diese 60er-Jahre Kleidchen ja auch nicht. Ich müsste sie jedes Mal zum Stillen ganz ausziehen, weil hochziehen bei den Schnittmustern einfach nicht funktioniert.

Auf Konzerte kann ich auf Grund des nächtlichen Stillens derzeit auch (noch) nicht wieder gehen und ob ich dann die ganze Nacht auf einem Weekender tanzen möchte, wenn ich ein Kleinkind zuhause habe, sei dahin gestellt.

Für Flohmärkte wird es langsam schon zu kalt. Im Sommer habe ich sie aber mit Kinderwagen gerne besucht. So hatte ich immer meinen eigenen Stauraum mit und zumindest für den kleinen Mann habe ich meistens auch etwas gefunden.

Die Liebe zu Musik aus den 60ern kann ich aber weiterhin ausleben. So habe ich dem Sohnemann im Bauch schon „You Got The Silver“ von den Rolling Stones vorgespielt und vorgesungen wird ihm meist ein Beatles-Lied, da gibt’s ja ausreichend Auswahlmöglichkeit. Und auch mit Schallplattenbeschallung wird oft durch die ganze Wohnung getanzt.

Das gefällt dem kleinen Mann und mir sehr gut! Meist wird das gespielte Lied sehr schnell durch lautstarkes Freudengequietsche verschönert.

Und ich sehe mich schon in ein paar Jahren mit dem Sohnemann durch Vintage-Läden stöbernd, beide in passenden Chelsea-Boots.

Welche Ausflüge sind in Zukunft geplant?

Steirer Bua

Graz hat für Familien gar nicht wenig zu bieten. Hallenbäder zum Schwimmen, ein Kindermuseum, eine Märchenbahn im Schloßberg (eines der Wahrzeichen von Graz) und auch die vielen anderen Museen bieten oft eine eigene Ausstellung für Kinder an, darauf freue ich mich schon sehr!

Und in einem der vielen Parks wird jeden Sommer ein Fest gefeiert, bei dem der lokale Radiosender auch eine Bühne hat auf der heimische und internationale Bands und Künstler kostenlos spielen. Das erste Augartenfest mit Kind auf der Picknickdecke und Kindertee anstatt Radler ist für den nächsten Sommer geplant.

Jeden Samstag und Sonntag (außer im Winter) gibt es große Flohmärkte, die ich auch mit Kleinkind gerne und oft besuchen werde.

Und was mich ganz besonders freut: Wir sind ja alle älter geworden. Ein lieber Sänger, Matthäus Bär, macht seitdem er selbst Papa geworden ist, Kinderlieder anstatt Indie-Songs. Eines seiner Konzerte wird sicher auch besucht werden. Für Klein-Leo zur Unterhaltung und für die Mama zum im Erinnerungen schwelgend.

Wo sind die Zeiten hin in denen mit genau diesem jungen Herrn in Rimini zu Klängen von Adriano Celantano getanzt wurde, in kleinen Bars und Kneipen (die zum Großteil bereits zugesperrt haben) das DJ-Pult gestürmt wurde. Diese Zeiten wurden gegen Windeleimer und Tretautos eingetauscht, und die jetztigen Zeiten sind auch sehr schön. Es gibt einen Libertines-Song in dem heißt es „there were no good old days, these are the good old days“ und genauso ist es.

Wie entspannst Du?

Entspannung finde ich, je nachdem von was ich gerade Entspannung brauche: Alleine entspanne ich mit einem guten Buch in der Badewanne, mit Mann und Kind entspanne ich am liebsten beim Spazieren gehen in der Natur.

Da sich bei uns der Wald nur fünf  Meter von der Haustüre befindet, ist das ganz leicht. Letztens waren wir zum ersten Mal zusammen als Familie in der Kindertherme, das hat uns alle drei sehr entspannt und wird jetzt wohl öfters unternommen.

Mit dem Herzensmann entspanne ich am Besten bei einem gemeinsamen Essen, zu dem wir derzeit nicht so oft kommen Und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich unter der Woche mit ihm am Sofa, mit Katzen auf dem Schoß, vor dem Fernseher zu einer bayrischen Familiensendung entspanne. Jeden Tag wird bei uns nämlich „Dahoam is Dahoam“ im Bayrischen Rundfunk geschaut.

Die Geschichte zur Sendung ist aber eine lustige. In meiner wilden Jugend (von 16 bis 20) war ich in den Schlagzeuger einer Garagenrock-Band verliebt und vor jedem Auftritt in Bayern haben wir eine zeitlang gemeinsam die Sendung angeschaut, damit er sich an den Dialekt gewöhnt. Naja aus der großen Schlagzeuger-Liebe wurde nichts, wir sind aber noch gute Freunde, die Sendung ist geblieben und eine Playlist für die Entbindung hat er mir auch geschickt.

Auf den CDs (der Mann hat mitgedacht) waren aber glücklicherweise keine Garagenrock-Nummern, die hätten mich im Kreißsaal in den Wahnsinn getrieben. Wild thing, you make my heart sing.

Entspannung finde ich übrigens auch beim Autofahren. Wenn ich alleine fahre drehe ich die Musik ganz laut auf und singe/schreie mit, danach ist jeder Ärger verflogen. Und ja, dabei höre ich gerne Garagenrock-Nummern.

Vielen lieben Dank für das Interview, Camilla.

Die Bilder wurden freundlicherweise von Camilla zur Verfügung gestellt.

Alltag, Kultur mit Kind

Herrliches Herbstwetter und schöne Stunden mit Hund und Kind / Unser Wochenende in Bildern vom 7. bis 8. November 2015

In Berlin ist der Herbst nun golden. Da wir ja nicht wissen, wie lange das hält, haben wir das ausgiebig genutzt. 
Samstagmorgen werden wir von österreichischem Familienbesuch geweckt. Und auch Proviant bekommen wir. 
Zuerst natürlich erstmal Kaffee. 
Dann ging es einkaufen, denn außer dem Mitgebrachten war wenig im Haus. 
Die kleine Haushaltshilfe ist sehr niedlich. 
Unser Mittagessen wurde schon zu oft fotografiert, es ist mein Seelenessen. Im Anschluss gibt es Kekse. 
Und ein anderes Mitbringsel wird eingefahren. 
Bevor die Sonne verschwindet, auf zum Spielplatz. 
Das Laub reicht einem von uns bis zu den Knien. 

Der Abend endet mit der besten österreichischen Schokolade. 
Der Sonntagmorgen beginnt mit Frühstück. 
Und ein bisschen Blog-Plan-Zeit: auf Papier. 
Weil das Wetter so schön ist, muss die ungeschleuderte Wäsche auf die Terrasse. 
Und es geht mit Freunden – nicht im Bild – ins Hundeauslaufgebiet. 

Der Schurkenbeardie findet es großartig. 
Der Weg ist für den Buggy eher subotimal. 
Auf dem Heimweg finden wir – im großen Auto – das erste kleine Auto. 
Schurkenbeardie ist ko, und nach der Dusche auch von Kletten befreit. 
Um die Zwiebel kümmern sich die Männer. 
Es gibt Nudelpfanne. 
Und für Morgen taut das Brot auf. 
Am Montag geht es wieder früh raus, aber noch erfreuen wir uns ein bisschen am Wochenende. Auch heute wieder ohne Tatort. 
Und wie war Euer Wochenende so?

Mehr Wochenenden in Bildern gibt es wie immer bei Susanne von Geborgen Wachsen
Familienrollen, Kultur mit Kind

„Ich wünsche mir, dass sie soviel Kind sein kann, wie sie möchte.“ / Familienrollen zum Thema Patchwork / Interview mit einer Stiefmutter

Immer am Freitag gibt es die #Familienrollen: Nicole (Perfekt ist anders) erzählt vom Leben mit der „Bonustochter“, von ihren Wünschen für ihre Mädchen und von ihren eigenen Erfahrungen als „Patchwork-Kind“.

Deine Familie besteht aus Deinem Freund, Den beiden gemeinsamen Kindern und dann ist da noch die große Tochter aus der vergangenen Beziehung Deines Mannes: Wie strukturiert Ihr Euer Leben als Patchwork-Familie? 

Mein „Mann“ (fast 36) und ich (34) sind vor knapp sieben Jahren zusammen gekommen. Damals hatte er keinen Kontakt zu seiner großen Tochter. Die Gründe dafür kenne ich natürlich nur von seiner Seite, aber bei dem was ich bisher so miterleben konnte, denke ich, dass es so gewesen sein könnte.

Ich habe mit ihm oft darüber gesprochen, dass er doch zum Jugendamt gehen kann und um Hilfe bitten soll. Aber getraut hat er sich lange nicht. Zu groß war die Angst, dass seine Tochter ihn nicht mehr sehen möchte und es ihn dann noch etwas mehr schmerzt. Meine Mama hat ihn irgendwann mal gefragt, was er denn seiner Tochter sagen möchte, wenn sie irgendwann einmal vor ihm steht und wissen will, wo er denn die ganze Zeit gewesen ist. Sie sagte ihm, wenn er den Schritt zum Jugendamt wagt, dann kann er ihr wenigstens immer sagen er habe es versucht und gekämpft.

Das brachte ihn zum nachdenken und gab ihm möglicherweise auch den Mut es zu versuchen. Wir waren zu dieser Zeit ein knappes Jahr zusammen. Zuerst gab es Briefkontakt als erste Annäherung, aber es dauerte nicht so lange, da wollte seine Tochter ihn unbedingt wieder sehen. Das passierte dann die ersten Male ohne mich und zusammen mit ihrer Oma.

Weder ihr Vater noch ich stehen so auf die „Holzhammermethode“. Natürlich hat ihr Papa von mir und unserer gemeinsamen (Baby-)Tochter erzählt, die dann auch schon auf der Welt war. Meine Bonustochter äußerte dann auch selber den Wunsch uns kennenzulernen.

Sie war dann also gerade sieben Jahre alt, als wir uns kennenlernten. Ich hab mich ganz lange Zeit immer zurückgehalten. Ich hatte nie die Absicht mich ihr aufzudrängen oder Ersatzmutter zu spielen. Wir haben uns aber von Anfang an gut verstanden. Sie kam immer von allein auf mich zu und ich hab von Beginn an versucht, sie immer als gleichwertigen Teil der Familie zu behandeln. Ich hoffe sehr, es ist mir geglückt. Bisher hat sie aber noch nie geäußert, dass sie sich nicht wohlfühlt hier oder sich ungerecht behandelt fühlt. Im Gegenteil.

Der Part der bösen Stiefmutter, die ihre eigenen Kinder viel besser behandelt als das Stiefkind, wäre nichts für mich gewesen. Natürlich kann ich die Kinder nicht alle komplett gleich behandeln. Das liegt an dem großem Altersunterschied, wobei ich bei knapp zwei Jahren auch schon Unterschiede mache. Aber es gelten für alle die gleichen „Grundregeln“ und ich schaue immer, ob alles gerecht ist, soweit es eben geht.

Meine Bonustochter kommt ja leider nur an jedem zweiten Wochenende. An einem der beiden Wochenenden bin ich meist auf der Arbeit und an dem anderen versuchen wir die Zeit, so gut es geht, zu nutzen. Wir machen dann gern Ausflüge oder unternehmen etwas hier in der Gegend.

Wie gut klappen die Vereinbarungen mit der Mutter der Tochter? 

Zur Zeit klappt es wieder ganz gut. Das liegt aber zum einen daran, dass es gerichtlich geregelt wurde, nachdem sich Vater und Tochter erneut ein halbes Jahr nicht sehen durften. Und daran, dass die Tochter ihren Wunsch den Vater sehen zu können mittlerweile energischer äußert.

Bevor es gerichtlich geregelt war, war es ein einziges Auf und Ab. Wir wussten immer erst recht kurzfristig, ob die Tochter zu Besuch kommen kann und falls es einige Tage vorher abgemacht wurde, konnte man sich nie sicher sein. Auch nicht ob es dann kurzfristig wieder eine Änderung bei der Zeit gibt, wo sie zurück sein soll.

Wir konnten nichts richtig planen. Dazu kamen auch allerlei „Regeln“ der Mutter, die wir einhalten mussten, damit nicht wieder ein Kontaktverbot ausgesprochen wurde. Wir durften zum Beispiel nicht überall mit ihr hinfahren. Meine Familie war verboten.

Immer wenn etwas nicht nach dem Willen der Mutter ging, gab es Streit. Erst als ich das zweite Mal schwanger war und aufgrund dieser Situation, die wieder einmal im Streit endete, gesundheitliche Probleme bekam, hatte mein „Mann“ die Nase voll und hat einen Anwalt zu Rate gezogen. Danach ging eine Weile ganz viel über Anwälte.

Zur Zeit ist es bei uns so, dass wir nur alle vier Wochen ein Wochenende gemeinsam frei haben und daher planen wir dann einfach. Kann oder möchte meine Bonustochter nicht kommen, unternehmen wir natürlich trotzdem das, was wir geplant haben. Das ist nicht das Problem. Sollte es aber mal wieder so sein, dass sie mitten in einem Besuch irgendwo hinkommen soll oder früher wieder zu Hause sein soll, dann war es immer ein Problem.

Mittlerweile ist es aber aufgrund unserer beschränkten gemeinsamen Zeit so, dass wir, sollte darauf bestanden werden, meine Bonustochter eben nach Hause fahren, bevor wir unsere Unternehmung starten. Es mag sicher hart klingen aber es ist uns zeitlich nicht möglich mal eben einen geplanten Ausflug zu verschieben.

Und es gibt eben noch zwei Kinder hier, die sich auch auf so etwas freuen. So haben wir nicht immer entschieden. Bis vor einem guten Jahr haben wir unsere Pläne schon oft über den Haufen geworfen, damit Vater und Tochter sich möglichst lange sehen können. Dafür mussten aber die anderen beiden oft zurückstecken und das konnte einfach nicht auf Dauer so weiter gehen. Wir haben das aber auch mit meiner Bonustochter besprochen und ihr erklärt warum wir das jetzt so handhaben.

Eins der größten Probleme, die es aber lange Zeit und auch immer wieder gab, war, dass meine Bonustochter immer als Sprachrohr benutzt wurde. Es gab immer Zeiten da weigerte sich die Mutter Absprachen direkt mit dem Vater zu machen. Das klappte nicht immer sonderlich gut und war auch eine große Belastung für das Kind.

Wie geht es der großen Tochter mit der Situation?

Es belastet sie natürlich. Zum einen bekommt sie leider recht viel mit und zum anderen sitzt sie immer zwischen den Stühlen. Mittlerweile reden wir darüber. Also sie redet mit uns darüber.

Sicherlich gibt es Situationen, wo wir auch mal das Gespräch suchen und ihr etwas aus unserer Sicht erklären wollen, aber die meiste Zeit über reden wir, wenn sie es will und auch nur solange sie will.

Wir wollen sie nicht dazu drängen, mit uns etwas zu besprechen, was sie nicht möchte oder möglicherweise sogar nicht sagen darf. Solche Situationen kamen auch schon vor. Das bringt sie in eine schwierige Lage und weder ihr Vater noch ich möchten, dass es schwerer für sie ist als es ohnehin schon immer ist.

Wie ist das Verhältnis zwischen der Stieftochter und Dir und zwischen den Halbgeschwistern? 

Wir haben ein ziemlich gutes Verhältnis. Sie kommt gern zu mir um mit mir über ihre Probleme zu reden. Ich denke ich habe einen guten Draht zu ihr und versteh sie auch ganz gut. Auch über ihre Wünsche und Träume redet sie gern mit mir.

Meine Mädchen himmeln sie an. Sie ist die große Schwester zu der sie aufschauen. Sie wird oft regelrecht belagert und ich muss die beiden dann schon ab und an mal bitten meine Bonustochter etwas in Ruhe zu lassen.

Die Große kommt auch toll mit den beiden Kleinen klar. Sie spielt noch oft mit ihnen, obwohl zwischen ihnen sieben und neun Jahre liegen. Außerdem hilft sie ihnen auch gern mal, ohne dass es hier jemand erwarten würde.

Du kommst selbst aus einer „Patchworkfamilie“: Welche –  vielleicht anderen –  Erfahrungen hast Du gemacht?

Ich habe nur gute Erfahrungen machen können. Meine Eltern und etwas später auch mein Stiefpapa haben es uns einfach gemacht. Wir konnten unseren Papa immer sehen und unser Wohl stand bei allen immer im Vordergrund.

Es wurde nie schlecht über den anderen gesprochen und Absprachen wurden unter den Erwachsenen gemacht. Wir mussten uns nie zwischen beiden entscheiden. Es gab zum Beispiel auch nie Situationen, wo unsere Mama uns einen tollen Ausflug anbot an einem Tag, an dem wir eigentlich zu unserem Papa fahren würden, wie es bei meiner Bonustochter schon öfter vorgekommen ist.

Wenn wir nicht zu ihm gewollt hätten, hätten wir daheim bleiben dürfen aber wir wurden nie geködert.

Nicht so positiv sind die Kindheitserfahrungen Deines Mannes: Was ist da vorgelaufen und haben seine Erlebnisse Einfluss auf den Umgang mit dem Kindern? 

Im Gegensatz zu mir, ist mein „Mann“ eine Zeit lang bei seiner Oma aufgewachsen. Sie hat sich aber toll um ihn gekümmert und das Verhältnis zu ihr war immer gut. Seine Mutter wurde als er noch Kind war krank und leider auch nie wieder gesund. Sie starb als er ein junger Erwachsener war, kurz nachdem er das erste Mal Vater wurde.

Das Verhältnis zu seinem Vater ist wechselhaft. Mal besser mal etwas schlechter. Vielmehr kann ich darüber nicht schreiben, denn das ist nicht meine Geschichte und ihm ist es nicht recht, wenn ich zu sehr ins Detail gehe.

Ich denke schon, dass die eigene Kindheit Einfluss darauf hat, wie man später mit seinen eigenen Kindern umgeht. Wir haben was die Kinder angeht schon ziemlich ähnliche Vorstellungen trotz der unterschiedlichen Kindheitserfahrungen.

Ich bin mir sicher, dass er die ein oder andere Erinnerung nicht einfach abhaken kann aber wer kann das schon mal eben so.
Größeren Einfluss haben die Erlebnisse um seine große Tochter, allerdings auf uns beide. Schließlich habe ich sie auch sehr lieb.

Was wünscht Du Dir für die Zukunft? 

Für die Situation wünsche ich mir einfach, dass dieser Stress aufhört. Es belastet nicht nur das betroffene Kind stark,  sondern unsere komplette Familie bis hin zu meinen Eltern, die sich dann zum einen unsere Sorgen anhören und denen natürlich auch meine Bonustochter leid tut.

Mittlerweile ist es so, dass sie auch mal mit meiner Mama über die ein oder andere Situation spricht.
Leider denke ich, dass das ein Wunsch bleiben wird,  bis sie 18 Jahre ist. Egal wie sehr wir uns zurückhalten, es hilft nicht.

Für meine Kinder wünsche ich mir, dass wir es weiterhin schaffen den Stress so weit wie möglich von ihnen fern zu halten und dass sie eine glückliche Kindheit haben, mit ganz viel Liebe.

Für meine Bonustochter wünsche ich mir so viel. Ich wünsche mir, dass sie soviel Kind sein kann, wie sie möchte. Dass ihr kein Druck mehr in Bezug auf Schule gemacht wird. Dass ihr nicht weiterhin eingeredet wird, sie sei zu dick. Dass sie sich keine Sorgen mehr machen muss, dass ihre Mutter sauer wird, wenn sie sich beim Papa wohl fühlt und es auch erzählen darf. Dass sie es einfach nicht mehr so schwer hat und einfach nur glücklich sein kann. Und ich wünsche ihr den Mut, nicht nur mir im Vertrauen, sondern auch den Menschen vom Jugendamt oder gar Familiengericht zu erzählen, was sie wirklich will und wie sie sich fühlt.

Vielen lieben Dank, Nicole, für die Antworten und die Bilder. 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mal an fruehesvogerl@gmail.com. 

Kultur mit Kind, Meinung

Meteorologisch motivierte Mode

Meine vier Bloggerkolleginnen Alina (Liebling – Ich Blogge, Jetzt), Alu (Grosseköpfe), Bella (familieberlin), Dajana (Mit Kinderaugen) und ich haben das Projekt Bilderfrauen ins Leben gerufen: Jede Woche stellen wir uns Fragen, die uns zu Mode, Beauty und Lifestyle durch den Kopf gehen.

Dieses Mal wollte ich wissen: Kriegt Ihr den Jahreszeitenwechsel mit, oder: Informiert Ihr Euren Schrank rechtzeitig?

Kurze Hose im Herbst. 


Jahr für Jahr habe ich ein Problem. Während rund herum bereits Menschen in Spaghetti-Träger-Tops rumlaufen, trage ich noch meine Winterjacke. Dem Frühling traue ich noch nicht.

Kommt der Herbst stehe ich meist vor dem gleichen Problem, so recht kann ich es noch nicht glauben, und bleib vorerst bei den Sommerklamotten. Die Klamottenindustrie muss eine recht eine Freude mit mir haben, denn wer soll sonst kurze Jeans – noch unverbilligt – im September kaufen?

Doch nur jemand, der nicht glauben mag, dass der Sommer noch nicht vorbei ist. Zum Glück habe ich meine Jahreszeitenkisten, da darf das neue Teil dann einen Jahr auf dem Dachboden warten. Ich mag kaum glauben, dass ich die einzige mit dieser verspäteten Wetterwahrnehmung bin, und hab die Bilderfrauen befragt.

Und das haben die anderen auf die Frage nach dem verpassten Wechsel gesagt:

Alina von Liebling – Ich blogge, Jetzt

Herbstfreuden. 

Liebe Betti,

also das ist mir wirklich noch nie passiert 🙂 Ich merke recht schnell wie warm oder kalt es ist, zur Not laufe ich zurück und ziehe mich um.

Das habe ich im übrigen schon immer gern getan: Ich ziehe mich tausend mal am Tag um, und nachdem ich einmal draußen war gerne nochmal was anderes.

So passiert es mir vielleicht das ich am Anfang des Tages zu warm oder kalt angezogen bin, später nicht mehr. Ebenso sieht es mit dem richtigen Schuhwerk aus. Es ist schon vorgekommen, mehrmals sogar, dass ich mir unterwegs einfach ein neues Paar gekauft habe. Ich halte es nicht aus – in zu kalt oder warm.

Demnach kann es zwar passieren das ich zeitweise falsch angezogen bin aber sicherlich ist dieser Zustand nicht von langer Dauer. Ich pass mich den äußeren Umständen sehr schnell an.

Jetzt lebe ich im Herbst und freue mich riesig. Für gewöhnlich lege ich ein paar Wochen vorher schon los mit Herbst Neuheiten beziehungsweise den Neuheiten der jeweiligen Saison.

Ich freu mich auf die anderen Mädels und eure Antworten 🙂 bis bald.

Alu von Grosseköpfe

Hätte Alu mehr Ordnung im Schrank, würde sie ihre Winterjacke finden.

Liebe Bettie,

ich bin sehr beeindruckt. Du hast Kisten für Sommer und Winterkleidung? Das ist sehr vorbildlich. Ich habe einen Schrank. Einen für Sie, Ihn, K1 und K2. Für Kisten und solche Dinge. haben wir keinen Stauraum, daher haben wir eigentlich immer alles verfügbar.

Wenn der Saisonwechsel ansteht, dann räume ich schon mal Langarmshirts nach vorne und Kurzarmshirts nach hinten, aber Austauschkisten habe ich nicht.

Da sich der Berliner Winter nämlich auch gern mal bis in den Mai erstreckt, wüsste ich gar nicht wann ich denn genau welche Kiste denn nun ein,- oder ausräumen soll. Daher mache ich es mir leicht: Ich habe einen Schrank und ein bisschen Nervenkitzel beim Suchen.

Deine Alu

Bella von familieberlin

Der Jahreszeitenschrank von Bella. 

Liebe Bettie, ich habe einen Schrank für alle Jahreszeiten. Egal, ob Sommer oder Winter- ich räume nichts um oder weg und deswegen trifft mich eine neue Jahreszeit auch nicht überraschend.

Meist ist es sogar so, dass ich viele Dinge aus dem Sommer auch im Winter trage- kombiniert mit einer dicken Strickjacke oder einem schönen Schal.

Deswegen setze ich auch eher auf zeitlose Kleidung, die ich gern und lang trage. So habe ich mehr davon und werte sie je nach Jahreszeit mit einem Schal oder eine tollen Kette auf.

Oder wirst du wirklich in FlipFlops überrascht, wenn auf einmal vor dem Fenster Schnee zu sehen ist? Liebe Grüße, Bella

Dajana von Mit Kinderaugen

Liebe Bettie,

Du merkst den Jahreszeitenwechsel nicht? Also ditte habe ick och noch nie gehört. Wie muss ich mir das vorstellen? Stehste dann morgens mit Flip Flops und Kleidchen auf den Straßen Berlins und denkst „Upsi…ist ja Herbst. Bisschen kalt heute!“ Ach Du bist einfach zu niedlich. 😉

Also ick merke es, wenn die Jahreszeiten wechseln. Meinem Kleiderschrank merkt man das allerdings nicht an. Ich tausche keine Klamotten aus. Bei mir hängt alles das ganze Jahr, denn ick ziehe auch im Winter T-Shirts an. Dann halt mit Long Sleeve drunter oder Pulli drüber. Das einzige was im Winter wegkommt sind Sommerröcke und reine Sommerkleider (ick habe och Sommerkleider, die ich im Herbst oder Winter trage). Die verstecke ick bis März im Kleidersack. Und anders herum kommen die Winterjacken im April dann in den Kleidersack. Die müssen nun wirklich nicht im Sommer meine Garderobe vollstopfen. Aber ansonsten vollziehe ich keine Jahreszeiten bedingten Räumaktionen in meinem Kleiderschrank. Ales Liebe, Deine Dajana

Flip-Flops trage ich übrigens nie, deshalb kann mir das mit dem Schnee nicht passieren. Aber mit Ballerina-Schuhen im Oktober kann ich dienen. 

Seid Ihr immer jahreszeitengerecht gekleidet?

Alltag, Kultur mit Kind, Meinung, Schöne Dinge

Mein östereichisches Essen mit Rezept für die Seele

Obst, das meine Mutter auf einer Platte drapiert. Ein Gemüstestrudel mit einer selbstgemachten Soße von meiner Oma. Der Grießbrei meiner anderen Oma. Der Schokoladenpudding, den mein ehemaliger Mitbewohner immer für mich machte. Die Fischnudeln meines Mannes. Das neue Pasta-Rezept meiner Freundin. Seelenessen, oder Essen, dass einem gut tut, das bereiten für mich meist andere zu.

Aber dennoch: Ein Gericht, dass ich gerne koche, wenn ich mir oder anderen etwas Gutes tun will, habe ich doch: Frittatensuppe. Oder wie man in Deutschland oft sagt: Pfannkuchen in der Suppe.

Das Rezept ist recht simpel. Man vermenge: 180g Mehl, 6 Eier und drei Achtel Liter Milch mit einer Prise Salz. Der Teig kommt in die Pfanne. Das Ergebnis, das theoretisch mit Zucker auch eine Palatschinke sein könnte, schneidet man in Streifen und gibt es in die Suppe. Idealerweise: Viel Einlage, wenig Suppe.

Schmeckt hervorragend, auch wenn es mir in Deutschland schon passiert ist, dass ein Freund – ja, das gibt es bei uns auch für Gäste nicht selten – nach Messer und Gabel verlangt hat.

Dieser Text ist Teil der Blogparade von Papa mit Hut zum Thema #soulfood.

Kultur mit Kind, Nachgefragt

„Ich bin eine begeisterte Deutschandalusierin, und würde zum Beispiel auch im Fall einer Trennung vom Göttergatten nicht nach Deutschland zurückkehren.“ / Familienrollen mit Expat Marion

Immer wieder geht es in der Kultur mit Kind – Reihe auch um das Leben im Ausland. Marion erzählt, warum sie auch nach einer Trennung von ihrem Mann in Andalusien bleiben würde, warum ihre Kinder mit geschredderten Olivenkernen spielen und wie oft sie noch nach Deutschland kommt. 

Du bist Deutsche und lebst mit Deinem spanischen Mann und Deinen drei Kindern in Spanien. Wie hat es Dich dahin verschlagen? 

Spanien war in meinem Lebensplan an sich überhaupt nicht vorgesehen, aber meistens kommen die Dinge ja ganz anders als man denkt. Schüleraustausch in England, Erasmus-Jahr in Frankreich, aber zu Spanien hatte ich gar keinen Bezug.

Dann lernte ich in genau diesem Erasmus-Jahr in Frankreich meinen heutigen Mann kennen, einen waschechten Andalusier, der auch dort als Erasmus-Student unterwegs war, was dann zu einer sechsjährigen Fernbeziehung führte. In dieser Zeit habe ich Spanisch gelernt (und dabei mein ganzes Französisch vergessen-schade!), mein Jurastudium und das Referendariat beendet, und irgendwann war dann klar, dass wir aus der Fernbeziehung eine „echte“ Beziehung machen wollten.

Da mein Mann Landwirtschaft betreibt und außerdem familiär und kulturell sehr in seiner Heimat verwurzelt ist, ich hingegen viel abenteuerlustiger und auch sprachbegabter bin, war es dann ich diejenige, die Ende 2003 mit einem kleinen Polo voller Gepäck aufgebrochen bin- erst mal ins Haus der Schwiegermutter, und zwar- kurios für deutsche Ohren- in ein Zimmer zusammen mit meiner zukünftigen Schwägerin. Erst nach unserer Hochzeit 2004 durfte ich in das Zimmer meines Mannes wechseln, beziehungsweise kurz nach der Hochzeit sind wir dann auch ausgezogen. 2006, 2008 und 2011 kamen dann unsere drei Jungs dazu.

Wie sieht Euer Alltag aus? 

Wir leben in einer interessanten Mischung aus Stadt- und Landleben. Unter der Woche sind wir in Córdoba, einer mittleren Großstadt (übrigens eine der schönsten Städte der Erde- eine Reise lohnt sich!) mit dem dazugehörigen Komfort, was Einkaufen, Schulen und Freizeitangebot angeht, und an vielen Wochenenden und in den meisten Ferien zieht es uns auf’s Land, in das Dorf, in dem mein Mann groß geworden ist, und in dem er auch heute noch arbeitet, denn hier sind die Olivenbäume und die restliche Landwirtschaft, ebenso wie die Olivenmühle- der Mann macht Olivenöl. Das Dorfleben mit der Großfamilie, mehr Platz und ganz anderen Aktivitäten macht unser Leben abwechslungsreich.

Für mich ganz besonders wichtig ist auch, dass ich, seit meinem ersten Tag hier, arbeite, als Anwältin in Córdoba, in einer spanischen Kanzlei. Dafür musste ich hart arbeiten und viel lernen, aber es hat sich (trotz aller Probleme mit der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern, die es hier natürlich auch gibt- alleine für dieses Thema müsste ich eigentlich einen Blog einrichten) gelohnt, da ich meinen eigenen Raum habe und mein eigenes soziales Umfeld- vom finanziellen Vorteil mal abgesehen.

Viele Expats können ihrem ursprünglichen oder erlernten Beruf im Ausland aus verschiedenen Gründen nicht mehr nachgehen, und geben statt dessen häufig Sprachunterricht. Das ist nicht wertend gemeint, aber dass ich dem Beruf nachgehen kann, für den ich studiert habe, macht mich glücklich.

Als Österreicherin, die in Berlin lebt, zieht es mich alle paar Monate in meine alte Heimat: Die Familie und auch Teile der Kultur. Wie geht es Dir da mit Deutschland? 

Ich komme ursprünglich aus Baden-Württemberg, aus der Nähe von Stuttgart, dort lebt auch noch meine Familie, die wir aber nur im August besuchen. Schule, Arbeit, die Olivenernte über Weihnachten, und die Flugpreise für fünf Personen führen dazu, dass wir selten, also genau einmal im Jahr für circa zwei Wochen, nach Deutschland kommen. Meine Familie kommt uns im Herbst und Winter besuchen, meiden aber den cordobesischen Sommer, der irgendwie doch fast von Mai bis Oktober geht. Ich muss auch gestehen, dass ich auch etwas nachlässig bin, was Besuche bei Schul- oder Studienfreunden angeht.

Was bekommen Deine drei Kinder aus beiden Kulturen mit? 

Die Kinder spielen mit geschredderten Olivenkernen: ihr Sandkasten. 

Jetzt kommen wir zu einem Thema, das ich nur mit ganz schlechtem Gewissen beantworten kann: meine Kinder können nämlich praktisch kein Deutsch. Ich habe es einfach nicht geschafft, in einem komplett spanischen Umfeld (keiner außer mir versteht Deutsch- auch der Mann nicht) mit den Kindern konsequent Deutsch zu sprechen. Die Kinder verstehen Wörter und manche Redewendungen, aber an sich schauen die mich, wenn ich auf Deutsch rede, mit großen Augen an, weswegen ich dann meistens doch dasselbe nochmal auf spanisch erklären muss.

Mein Mittlerer hielt sich zeitweise die Ohren zu, wenn er etwas auf Deutsch hörte, der Kleine sagt einfach nur so oft „Hä?“, bis ich es nochmal auf Spanisch sage, und alle drei finden es total doof, wenn die Mama mit ihrem „Deutschfimmel“ loslegt. Über dieses Thema könnte ich einen Roman schreiben, man könnte das als mein grösstes Erziehungsdefizit bezeichnen, und obwohl ich mir dessen bewusst bin, kriege ich die Kurve nicht.

Mit welcher – vielleicht typisch deutschen Einstellung – eckst Du oft an in Spanien? 

Ich bin eine begeisterte Deutschandalusierin, und würde zum Beispiel auch im Fall einer Trennung vom Göttergatten nicht nach Deutschland zurückkehren. Gerade als Mutter lebt es sich hier einfacher als in Deutschland (mehr Familie und eine kinderfreundlichere Gesellschaft, weniger Perfektionismus und weniger Glaubenskriege unter Müttern, mal so schlagwortartig zusammengefasst).

Was mich aber immer noch auf die Palme bringt, sind die Unpünktlichkeit, das Organisationschaos und der Gedanke, dass alles in einer großen Gruppe, mit der dazugehörigen Lahmarschigkeit, unternommen werden muss. Die Spanier lachen oft über mich, bewundern die Organisation, Pünktlichkeit und Effizienz, wollen das aber eigentlich gar nicht anders machen als sie es gewohnt sind.

Was würdest Du anderen Frauen empfehlen, die der Liebe wegen in ein anderes Land gehen? 

Zum einen würde ich dazu raten, das neue Land, die zukünftige Schwiegerfamilie und den Freundeskreis ausgiebig unter die Lupe zu nehmen, bevor man dann tatsächlich auswandert. Ich hatte sechs Jahre lang ausgiebig Zeit, mich einzuleben, und mir war am Ende klar, wo ich hinkomme und was mich erwartet.

Böse Überraschungen gab es keine (oder kaum). Und zum anderen war in meinem Fall immens wichtig, mir ein eigenes soziales Umfeld aufzubauen. Das muss gar nicht beruflich sein, ebenso geht es über Vereine, die Mütter im Kindergarten oder in der Schule, aber ich persönlich wäre nicht glücklich geworden nur mit der Familie und den Freunden des Mannes.

Vielen lieben Dank für das Interview, Marion.

Die Bilder wurden freundlicherweise von Marion zur Verfügung gestellt.

Ihr habt auch ein Kind, dem ihr Toleranz beibringt und wollt darüber reden? Schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 

Eine Übersicht über die bisher geführten Interviews zum Thema „Kultur mit Kind“ findet Ihr hier.