Anna Hofer
Kultur mit Kind

Stillen: Mythen und ihr Wahrheitsgehalt

Mit „Elternfragen“ möchte ich ab sofort einmal wöchentlich mit Experten reden, Mythen hinterfragen und Antworten auf Fragen finden, die sicher nicht nur mich beschäftigen. Fragen stellen finde ich nicht nur bei Kindern wichtig.

Heute geht es um das Thema Stillen. Anna Hofer ist Stillberaterin: ein paar Mythen, die mir zum Thema Stillen untergekommen sind, habe ich ihr vorgelegt und sie hat geantworten.

 

„Klappt das mit dem Stillen?“ Diese Frage wird jungen Müttern gerne gestellt. Mal abgesehen davon, dass das häufig recht indiskret ist: Kann, mit ausreichend Unterstützung, wirklich jeder stillen? 
Bis auf wenige Ausnahmen, ist jede Frau körperlich in der Lage zu stillen. Ob eine Frau stillen möchte, ist ihre ganz persönliche Entscheidung. Gründe, die gegen das (ausschliessliche) Stillen sprechen, können Vorerkrankungen der Mutter sein (z.B. eine Schilddrüsen-Unter- oder überfunktion, Brustkrebs, eine Brust-OP (bei einer Brustverkleinerung können auch Milchkanäle verletzt werden) etc. Wenn das Baby ein Frühchen ist, saugschwach,ggf. eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalten oder andere neurologische Beeinträchtigungen hat, kann der Stillstart eine besondere Herausforderung sein. Auch ein Kaiserschnitt oder die Trennung von Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt kann den Stillstart erschweren. Deshalb ist eine vertrauensvolle, zeitnahe Unterstützung auch so wichtig.
Von einer Hebamme habe ich mal gehört, dass permanentes Stillen dafür sorgt, dass die Verdauung des Babys nie Pause machen kann. In den 80ern stillten viele noch nach alle vier Stunden nach der Uhr, heute spricht man häufig vom Stillen nach Bedarf: Was meinst Du dazu? 
Muttermilch ist leicht und schnell verdaulich. So werden Magen und Darm von Beginn an nicht überlastet. Denn der Magen von neugeborenen Babys ist sehr klein und hat in etwa der Größe einer Kirsche oder Walnuss. Häufige Stillmahlzeiten sorgen nicht nur dafür, dass die Milchproduktion gut in Gang kommt (und bleibt!), sondern auch, dass der kleine Magen immer wieder mit Nahrung versorgt wird.

 

Außerdem können die Babys durch das Saugen an der mütterlichen Brust entspannen und ihr Geschäft verrichten. Die meisten Babys machen in die Windeln, während sie stillen.

Babys nach Bedarf zu stillen bedeutet aber auch, sie in dem Moment abzuholen, wenn sie uns brauchen. Wir sind Essen und Getränk in einem, Einschlafhilfe und sicherer Hafen bei Schmerzen und Unwohlsein. Stillen ist ein sehr dynamischer Vorgang. Es gibt Zeiten, in denen Babys gerne stündlich stillen möchten (Wachstumsschübe sind hier charakteristisch) und dann wieder Stillpausen von 2-3 Stunden einlegen. Unsere Babys zeigen uns, was sie brauchen und wir können darauf vertrauen und entsprechend auf ihre Bedürfnisse reagiere.
Auch eine beliebte Frage: „Reicht Deine Milch?“: Woran merkt man, dass die Menge und/oder der Nährstoffgehalt nicht (mehr) ausreicht und was kann man dann tun? 
LogoDie Menge der Milch ist immer abhängig von der Nachfrage. Je mehr Milch ein Baby aus der Brust trinkt, umso mehr Milch wird auch nachgebildet. Umgekehrt gilt: Trinkt das Baby weniger, geht auch die Milchmenge zurück. Wenn ein gesundes Baby so oft angelegt wird, wie es möchte, wird in der Regel ausreichend Milch vorhanden sein. Bald etabliert sich auch ein ganz individueller Rhythmus. Der kann zwischen 2-4 Stunden liegen, je nach Alter des Babys natürlich. Ein Baby trinkt immer nach seinem individuellen Bedarf.

 

Vielleicht ist es an manchen Tagen unruhiger, verlangt ganz oft nach der Brust und scheint mehr Milch zu brauchen. Durch dieses häufige Trinken regt es die Milchbildung an und nach einigen Tagen intensiveren Stillens (Clusterfeeding) wird sich die Milchmenge wieder angepasst haben.

 

In diesen Situationen wenden sich die Mütter häufig an mich und meine Kolleginnen, da sie genau in dieser Zeit Sorge haben, ihr Baby nicht mehr ausreichend versorgen zu können.

 

Muttermilch ist zu jeder Zeit wertvoll und reich an Nährstoffen. Eine gesunde Ernährung als Mutter ist immer wünschenswert, aber nicht in diesem Maße, wie es oft propagiert wird. Viel wichtiger ist das tatsächliche Stillen nach Bedarf.

Du bist Mutter eines kleines Sohnes und arbeitest seit geraumer Zeit als Stillberaterin: Was hat Dich am Stillen so fasziniert, dass Du diesen Weg gegangen bist?

 

Anna Hofer

Im Sommer 2012 wurde mein Sohn geboren. Wir hatten einen gelungenen Stillstart, was nicht heisst, dass nicht auch mit den Klassikern der Stillfragen zu kämpfen hatte: Übervolle Brüste, mein Baby, das in meiner Milch ertrankt, Clusterfeeding (engmaschiges, oft stündliches Stillen),ein unerwarteter Stillstreik, ein schmerzhafter Milchstau, der mich völlig überrumpelt hat.

 

Es gab viele Momente, in denen man mich hätte verunsichern können, hätte ich nicht die Unterstützung bekommen, die ich brauchte. Ich hatte eine wunderbare Hebamme, ein Krankenhaus mit einer eigenen Stillambulanz, an die mich nicht nur einmal gewandt habe. Vor allem aber, habe ich auch einen Partner, der meinen Wunsch zu stillen stets voll und ganz unterstützt hat.

 

Durch Liebe und Zuspruch umschifft man manche schwere Klippe.

 

Zu dieser Zeit absolvierte ich mein Fernstudium in Angewandter Psychlogie und es erschien mir eine perfekte Ergänzung, mich als Stillberaterin ausbilden zu lassen. Damit ich eben die Unterstützung biete, die ich selbst als frischgebackene Mutter gebraucht habe. Und so arbeite ich nun schon seit drei Jahren als freiberufliche Psychologische Beraterin und Stillberaterin.
Welchen Rat hast Du für Schwangere und junge Mütter für eine harmonische Stillbeziehung? 
Ich möchte hier gerne mit einem Beispiel beginnen: Wenn wir uns in unserer ersten Fahrstunde hinter das Steuer eines Autos setzen, finden wir uns trotz all unserer anfänglichen Aufregung eigentlich schon ziemlich gut zurecht. Wir kennen die meisten Schalter, die Pedale und wissen, woaruf wir im Straßenverkehr achten müssen. Das liegt daran, dass wir bereits Jahre vor unserer eigenen Führerscheinprüfung die Möglichkeit hatten, Anderen beim Fahren zuzusehen und zu lernen. Wir haben aber auch unmittelbar neben uns unseren Fahrlehrer, den wir um Rat fragen können und der mit uns acht gibt. Da wir in unserer Gesellschaft äußerst selten die Gelegenheit bekommen, vor dem eignenen ersten Kind, andere stillende Mütter zu beoachten und / oder mit ihnen in Kontakt zu treten, ist dieses Thema für uns bis zum Zeitpunkt, an dem die Geburt abgeschlossen und das Kind an der Brust liegt, mitunter ein sehr abstraktes.

 

Wir haben kein Wissen, auf das wir zurückgreifen können und sind auf Hinweisen von Ärzten, Hebammen und auch Stillberaterinnen angewiesen. Gerne verweisen wir auf die Natürlichkeit des Stillens und die Intuition, aber diese speist sich immer ein stückweit auch aus Erfahrung, die beim ersten Kind einfach nicht gegeben ist. Daher ist meine Bitte und mein Wunsch: Fragt uns ein Loch in den Bauch. Sucht Euch einen guten Vorbereitungskurs in der Schwangerschaft, der sich auch mit dem Thema Stillen beschäftigt. Wenn das Personal im Krankenhaus ausgelastet ist, schickt Eure Männer los, damit jemand kommt und Euch beim Anlegen Eures Babys hilft. Wenn die Hebamme zu Euch zur Nachsorge kommt, schreibt Euch eure Fragen auf, damit ihr sie in Ruhe besprechen könnt. Fühlt Euch nicht falsch oder schuldig, wenn ihr Fragen habt. Ihr müsst nicht alles wissen und schon gar nicht alles können. Auf meiner Seite schreibe ich genau deshalb, dass Stillen ein Handwerk ist, das erlernt werden muss. Das ist keine Schande, sondern eine Notwenigkeit. Dafür sind wir da!

 

Vielen lieben Dank, Anna. 

 

Hier geht es zu Annas Stilberatungs-Homepage.

 

Bisherige Expterten-Interviews zum Nachlesen: Schlaf mit Nora Imlau, Trotzphasen mit Katja Seide und Reitpädagogik mit Miriam Neudeck.

Cover
Kultur mit Kind

Gewinnpiel rund um die Freitagslieblinge

Ein wirklich lesenswertes Buch gibt es zu gewinnen, ansonsten ist es ziemlich ruhig gewesen diese Woche: Das Wetter hat uns – erkältungstechnisch – ein bisschen zur Ruhe verpflichtet.

Was war diese Woche so los? Was hat uns bewegt. 

Mutter und Tochter

1. Mein Lieblingsmoment mit den Kindern.
Während ich noch überlege, was ich machen kann, dass keines der Kinder genervt wird – immerhin, sind wir die Woche über fast nur zuhause – stecken die kichernd die Köpfe zusammen . Ich schaue ein bisschen zu und freue mich: Ein bisschen Programm machen wir dann doch.

 Obst

2. Mein Lieblingsessen der Woche.

Obst. Und Käse-Chips. Eingeatmet. Muss auch mal sein.

 

 Cover

3. Mein Lieblingsbuch der Woche.

Zu Beginn der Woche hatte ich „Das sagt einem ja keiner“ von Hollie McNish im Briefkasten und dachte zuerst: „Ah, wieder so ein Buch, das lustig sein soll“. Aber: Ich fand es wirklich gut.

 

Die Geschichte einer Frau, die quasi mit dem positiven Schwangerschaftstest erfährt, dass ihr Freund keine Lust mehr auf die Beziehung hat: Und wie sich das ein paar Verwicklungen später so gestaltet. Das fand ich so spannend, dass ich den Rowohlt-Verlag gefragt habe, ob ich zwei Exemplare an Euch verlosen darf. Darf ich. Was ihr dafür tun musst, erfährt Ihr am Ende des Textes.

Blumen

4. Mein Lieblingsmoment für mich.
Reichlich unsportlich bin ich 2014 durch den Rückbildungskurs gehüpft, die Wahnsinnsmuskeln habe ich nicht mitbekommen. Aber tolle Mädels kennengelernt, die ich immer noch treffe. Am Montag war es wieder soweit, und auch wenn wir nur vier Erwachsene waren mit allen Kindern kamen wir mittlerweile auf unglaubliche 12 Leute.
 Screenshot
5. Meine Lieblingsinspiration der Woche.

Besonders toll fand ich diese Woche den Artikel bei Familie Berlin: Bella möchte sich selbstständig machen und berichtet nun Schritt für Schritt davon. Das ist der erste Beitrag einer Reihe rund um das Thema, den ich – gedanklich immer wieder das Thema Vereinbarkeit – umkreisend sehr inspirierend fand.

Wenn Ihr eines der beiden Bücher gewinnen wollt: Kommentiert doch auf dem Blog eine Sache, die in Eurer Woche besonders schön war.
Für ein Extralos helft mir doch bitte meine neue Reihe Elternfragen bekannter zu machen: Dafür könnt ihr einen der folgenden drei Artikel
Nora zum Thema Babyschlaf
Katja zum Thema Trotzphasen
Miriam zum Thema Kleinkind und Pferd
teilen und in den Kommentaren erwähnen, damit ich es auch mitkriege.
Nun wünsche ich Euch ein schönes Wochenende und wir werden jetzt mal wieder raus gehen: Sonnenschein in Berlin.
Habt es fein.

Die gesammelten Freitagslieblinge findet Ihr ab Freitagnachmittag bei Berlinmittemom.

Das Gewinnspiel endet am Montag, den 30.1. um 18 Uhr und steht in keinerlei Zusammenhang zu Facebook oder Twitter. Der Gewinn kann nicht in bar ausgelöst werden.

 

Das Gewinnspiel ist bereits beendet. Die Gewinner stehen in den Kommentaren. Bis zum 6.2.2017 habt Ihr Zeit Euch zu melden, sonst wird neu gelost.

Hochzeitsbild
Familienrollen, Kultur mit Kind

Patchwork-Familie: „Warum warten? Eine Garantie gibt es im Leben nie.“

Jeden Donnerstag erscheinen hier die Familienrollen, die eine andere Familie vorstellen. Da es das Format schon eine Weile gibt, kommen manche Interviewpartner wieder: Marie zum Beispiel, die nun nicht mehr Single ist, und viel zu berichten hat. 

Vor fast einem Jahr warst Du schon Mal zu Gast bei den Familienrollen: Link zum Interview.Damals ging es um das Thema Patchwork-Familie: Du erzähltest, dass Du mit dem Vater Deiner Tochter nicht mehr zusammen bist, aber noch zusammen wohnst. Ein neuer Partner war nicht in Sicht.

 

Paar mit KindMittlerweile bist Du frisch verheiratet und strahlst auf jedem Bild, dass von Dir zu sehen ist: Was ist da im letzten Jahr passiert?
Ja, was ist da passiert. Ich hab das schonmal aufgeschrieben, da wird aber wohl noch mehr folgen.
Also das war so: Ich hab mich irgendwann nicht mehr damit abfinden können, Single zu bleiben und habe mir nach einigen Rückschlägen eine PartnerApp auf dem Handy installiert. Mehrfach gelöscht und mich über viele Idioten geärgert. Und dann war da ein letzter Versuch und ein Match mit HerrnRaufuss.

 

Wir wohnten ziemlich weit auseinander, hatten beide eigentlich keine Kapazitäten für eine so komplizierte Sache, trafen uns dann aber doch. Und dieses Treffen hat alles verändert.

 

Jetzt sind wir gerade für ein paar Tage mit seiner Familie im Harz und genießen den Status als frisch verheiratetes Paar. Das wir heiraten und eine Familie gründen wollen war nämlich relativ schnell klar. Und warum dann warten? Wir waren uns beide sicher und sind es hoffentlich auch noch 😉 Für mich geht es gerade ganz tief aus meinem Loch wieder nach oben, Richtung Sonne oder so. Wir haben uns in meiner schlimmsten Phase im letzten Jahr kennen gelernt. Das war und ist nicht immer einfach.

 

Wir lernen viel über uns, gerade ich merke, dass mich noch sehr viel beschäftigt und ich anfangen muss, meine Themen zu bearbeiten. Aber es ist schön, nicht mehr alleine zu sein und wieder als „Wir“ denken zu können.

Deine Tochter lebte mit beiden Elternteilen in einer Wohnung, nun bist Du neu verheiratet: Wie ist die Umstellung für Vater und Kind? 
Wir haben ab Februar eine neue Wohnung, also Herr Raufuss und ich. Das Kalinchen hat ab dann zwei Kinderzimmer: Eins bei uns und eins bei ihrem Papa. Wie das wird wissen wir tatsächlich noch nicht. Mir bereitet die Umstellung oft Angst. Ich kann tatsächlich noch nicht sagen wie das wird, kommt Zeit kommt Rat oder so ähnlich.

 

Du nennst Dich im Internet Märry Raufuss, Dein neuer Partner Herr Raufuss und Deine Tochter ist das Kalinchen: Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen Euch Dreien?
Da haben sich zwei gefunden: das Kalinchen und HerrRaufuss haben sich so gern, dass sie morgens lieber zu ihm ins Bett hüpft und mich links liegen lässt. Die beiden verstehen sich super und das Kalinchen hat ihn komplett akzeptiert. Auf der Hochzeit musste sie einen Anzug haben, denn Herr Raufuss hat ja auch einen an. Und das was er macht, macht sie auch. Mittlerweile übernimmt er immer mehr Aufgaben, bringt sie ins Bett, liest abends eine Geschichte vor oder putzt ihr die Zähne. Wir wachsen stetig zusammen. Das ist ein Prozess und geht nicht von heute auf morgen. Der Start hat aber schonmal sehr gut funktioniert, die gegenseitige Sympathie macht vieles leichter.

Was sind die größten Herausforderungen und Freuden in der neuen Situation?

Ich muss mich wieder dran gewöhnen, nicht alleine zu sein. Viele Entscheidungen will ich nach wie vor alleine treffen, weil ich sie immer alleine getroffen habe. Jetzt muss ich das aber abstimmen und wir haben des öfteren kleine Streitigkeiten weil ich das noch nicht ganz in meinem Kopf habe. Unsere Freunde reagieren alle super cool und finden unsere Story super witzig. Viele fragen immer, ob das ein Scherz sei. Ne, ist es nicht. Wir haben das tatsächlich gemacht.

 

Warum warten? Eine Garantie gibt es im Leben nie. Für uns beide fühlt es sich richtig an.

PaarKürzlich las ich in einem Artikel von Dir, dass Deine Freundin Anna von Berlinmittemom denkt, dass Du eigentlich der Typ für viele Kinder bist. Du wirktest nicht abgeneigt. Was sind, nicht nur in dieser Hinsicht, Deine Pläne in nächster Zeit?
Haha. Wenn Herr Raufuss jetzt hier stehen würde ( und das tut er tatsächlich gerade) , würde er sagen, darüber machen wir uns Gedanken wenn es soweit ist. Es ist ja kein Geheimnis: ich bin mit der Kinderplanung noch nicht fertig. Da wir aber alles im Schnelldurchlauf machen, geben wir uns da Zeit. Wir müssen erstmal zur Ruhe kommen, die anderen Baustellen abarbeiten und uns als Paar und Eltern finden.

 

Und man darf ja nicht vergessen: ich studiere noch ein bisschen und das hat gerade für mich Priorität. Wir sind da aber beide nicht abgeneigt und auch das Kalinchen hat „Bedarf“ angemeldet 😉

Schon beim letzten Interview hatte ich das Gefühl, dass Du das Modell Patchwork für Euch alle sehr zufriedenstellend lebt. Nun unter neuen Voraussetzungen: Welche Tipps hast Du für Menschen bei denen das vielleicht nicht so gut klappt?
Mann und KindIch werde auch im realen Leben sehr oft gefragt, welche Tipps ich geben möchte. Ein Tipp aus dem Herzen einer Mutter: stellt euch als Eltern nicht an oberste Stelle. Das Kind muss mit der Situation klarkommen, denn nur so funktioniert es.

 

Als Pädagogin kann ich nur sagen: niemals vor dem Kind streiten. Ich kann gar nicht mehr zählen wie viele Eltern ich schon mit ultraschlimmen Auftritten erlebt habe. Beide sind nach einer Trennung gekränkt, das kann ich sehr gut nachvollziehen.

 

Streit gehört aber nicht zu Themen, die Kinder mitbekommen sollten. Natürlich sollte das Kind informiert werden, soweit es eben möglich ist.

Dabei sollte besonders auf eine altersentsprechende Thematisierung geachtet werden. Wir sind nicht perfekt, auch wir streiten, sind gekränkt, traurig und haben unterschiedliche Vorstellungen. Aber letzendlich respektieren wir uns alle und wollen am Ende das Beste für das Kalinchen.

 

Hier könnt ihr das Kalinchen und den Rest der Familie auf dem Blog besuchen.
Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.

Miriam mit Kind und Pferd
Elternfragen

Reiten: „Pferde helfen Kindern Freunde zu finden.“ Elternfragen-Experten-Interview mit Reitpädagogin Miriam

Mit „Elternfragen“ möchte ich ab sofort einmal wöchentlich mit Experten reden, Mythen hinterfragen und Antworten auf Fragen finden, die sicher nicht nur mich beschäftigen. Fragen stellen finde ich nicht nur bei Kindern wichtig.

Heute geht es um Reitpädagogik. Ist das mehr als ein Sport, und vor allem, warum können Kleinkinder schon davon profitieren: Das verrät Reitpädagogin Miriam. 

 

Du bist Reitpädagogin und bietest bereits Reitunterricht für die Kleinsten an: Wie führst Du die Kinder heran? 
Ja genau – mittlerweile bin ich 33 Jahre alt und habe mir endlich meinen größten Traum erfüllt: mein Hobby zum Beruf machen! Meine Liebe und Leidenschaft für Pferde und Kinder zu vereinen.

Da ich selbst Mutter einer nun 2-jährigen Tochter bin, habe ich wie jede Mutter von Kleinkindern, ein besonderes Gespür für Kinder in diesem Alter. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kleinen diese mütterliche Fürsorge spüren, die sich automatisch auf meine kleinen Reitkinder überträgt.
Schon bei der Begrüßung gehe ich besonders auf die Kleinen ein, begebe mich auf Augenhöhe und beginne gleich mit ihnen zu plaudern. Ob sie schon mal ein Pferd gestreichelt haben, ob sie schon mal geritten sind, was ihnen an Pferden gefällt, usw. Danach frage ich sie, ob sie Lyssi, meine Friesenstute, kennen lernen wollen und schwups habe ich schon das Kinderhändchen in der Hand und sie folgen mir in den Stall. Lyssi ist wirklich eine ausgesprochen kinderliebe Stute, nimmt immer sofort den Kopf zu den Kindern herunter und beschnuppert sie. Das gefällt den Kleinen sehr und sie beginnen sie sofort zu streicheln – spätestens jetzt ist das Eis gebrochen.

 

Einmal im Banne des Pferdes, vergessen die Kinder alles um sich herum und konzentrieren sich nur noch auf das Pferd. Ich achte natürlich besonders darauf, dass die Kinder nicht zu nahe hinterm Pferd herum gehen, falls es sich schreckt wäre das gefährlich. Sie dürfen auch nicht herumlaufen – das Pferd ist und bleibt ein Fluchttier – das sollen auch die Kleinsten von Anfang an verstehen lernen! Die Kleinen werden keine Sekunde aus dem Auge gelassen und mit einem Verlasspferd wie Lyssi macht die Arbeit wirklich sehr viel Spaß.

 
Zuerst putzen wir gemeinsam das Pferd, dann schmücken wir sie mit bunten Tüchern und Spangerln. Danach holen wir gemeinsam den Sattel (Voltigiergurt mit 2 Griffen, damit sich die Kinder festhalten können) und satteln das Pferd auf. Anschließend dürfen die Kinder gemeinsam mit mir das Pferd auf den Reitplatz führen. Dort beginne ich zuerst mit Berührungs- und Massagespielen um den Kleinen ein Gefühl für das Pferd zu entwickeln. Wenn die Kinder dann bereit sind dürfen sie aufsteigen und wir beginnen mit den Spielen.

 

Wenn man sich ein bisschen in die Thematik einliest, klingt das ein wenig wie Schwimmen mit Delfinen. Im Positiven: Reiten kann bei vielen Dingen helfen. Was sagst Du dazu?

 

Mädchen auf PferdJa, das kann ich nur bestätigen! Reiten und Pferde wirken auf Kinder in jeder Hinsicht positiv! Ich möchte ein paar Beispiele nennen.

 

1. Kinder lernen Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen
Kinder verstehen sehr schnell, dass ein Pferd ein Lebewesen ist, mit dem man vorsichtig und rücksichtsvoll umgehen muss! Ein Pferd kann sich nicht selbst versorgen und die Kinder lernen für das Pferd zu sorgen, indem wir das Pferd gemeinsam von der Weide oder aus dem Stall holen, das Pferd gemeinsam putzen und füttern! Deshalb finde ich es auch so wichtig, dass Kinder auch diese „Arbeiten ums Pferd“ erlernen und sich nicht nur auf das gesattelte Pferd setzen und los reiten, wie es in vielen Reitschulen praktiziert wird.

 

2. Pferde helfen Kindern Freunde zu finden

Gerade in den Gruppenstunden nehmen Kinder durch Bewegung und den Motivator Pferd viel schneller Kontakt zu anderen Kindern auf. Die gemeinsame Leidenschaft für Pferde verbindet und schafft oft Freundschaften die ein ganzes Leben lang halten. Auch ich pflege noch einige sehr gute Freundschaften die beim gemeinsamen Reiten mit damals fünf Jahren begannen. Wir erzählen noch heute von den lustigen Geschichten und Abenteuern, die wir damals gemeinsam mit den Pferden erlebt haben.

 

3. Pferde lehren Empathie

Rücksicht auf andere nehmen und deren Bedürfnisse zu achten – sei es nun Mensch oder Pferd! Um ein guter Reiter zu sein muss man sich mit den Tieren beschäftigen und auf sie eingehen. Das Pferd ist immer der Spiegel deiner selbst. Geduld, Demut und Sympathie machen einen nicht nur zu einem besseren Reiter, sondern auch zu einem besseren Menschen.

 

4. Kinder dürfen sich auch mal schmutzig machen.

Gerade in unserer übermäßig sterilen und antibakteriellen Gesellschaft schadet ein wenig Dreck ganz und gar nicht! Wenn man bei den Pferden im Stall ist, geht es gar nicht anders als dreckig zu werden. Die Kinder genießen das in vollen Zügen – haben wir das nicht auch in unserer Kindheit genossen?

Das sind nur ein paar Gründe wie sich Pferde positiv auf Kinder auswirken. Ich könnte hier noch ewig weiterschreiben.

 

 

Dreijährige, die sich auf das Pony schwingen: Ich finde das klingt ganz toll. Allerdings wüsste ich weder wie ängstlich mein Sohn reagieren würde, bzw. hätte auch ein bisschen das Gefühl, dass ich nervös wäre. Wie nimmst Du Eltern und Kindern die Angst? 

Miriam mit Tochter und PferdIch habe auch schon sehr ängstliche Kinder bei mir gehabt – viele Eltern kommen auch zu mir gerade weil ihre Kinder so ängstlich sind! Es ist eigentlich jedes mal wieder unglaublich wenn die Eltern freudestrahlend verkünden: „ So mutig war mein Sohn/meine Tochter noch nie“ oder „Mein Sohn/meine Tochter ist noch nie mit jemandem Hand in Hand mitgegangen wenn er/sie das erste mal gesehen hat“.
Ich denke gerade weil ich ja nicht weiß, dass die Kinder ängstlich sind und ihnen dadurch unvoreingenommen begegne, vermittle ich ihnen Sicherheit und Normalität in dem was wir gemeinsam machen. Den Rest erledigt das sanfte Gemüt des Pferdes. Und nein, ängstliche Eltern habe ich noch nie bei mir gehabt.

 

 

Reiten ist was für Mädchen und eher kuscheln als Sport: Mit welch blöden Vorurteilen dieser Art hast Du zu tun?

 

Ja diese Vorurteile kenne ich nur allzu gut – aber das stimmt einfach überhaupt nicht! Ich habe bei mir Mädchen und Jungen! Aber es fragen mich viele Eltern ob sie auch mit ihren Jungs kommen dürfen, oder ob das nur für Mädchen sei.
Reiten ist richtiger Sport, es werden alle Muskelgruppen im Körper trainiert. Wenn ich 2-3 Wochen mal nicht reite, habe ich am nächsten Tag einen ordentlichen Muskelkater. Auch mein eigener Mann hat mich immer belächelt: „Auf dem Pferd sitzen und herumgetragen werden, das kann doch jeder!“. Bis er dann seine erste Reitstunde hatte und sich die darauffolgende Woche nicht mehr bewegen konnte vor lauter Muskelkater. Es sei dazugesagt, dass mein Mann sonst sehr sportlich ist! Seither habe ich nie wieder eine Bemerkung in diese Richtung von ihm gehört!

 

Ich selbst fühle mich nach dem Reiten immer völlig ausgeglichen. Man schaltet vollkommen ab, weil man sich voll und ganz auf das Pferd konzentrieren muss. Für mich sind meine Pferde mein persönlicher Ausgleich zum oft anstrengenden Alltag. Mein persönlicher Seelenfrieden.
Welchen Tipp kannst Du Eltern geben, die planen ihrem Kind Reitstunden zu ermöglichen?

 

Ich kann allen Eltern von Herzen nur empfehlen ihren Kindern den Umgang mit Pferden zu ermöglichen!

Pferde helfen Ängste gar nicht erst entstehen zu lassen, oder diese abzubauen.
Das Miteinander zwischen Pferd und Kindern fördert das soziales Lernen und die Teamfähigkeit.
Das Reiten trainiert die Grundfähigkeiten der Motorik wie Schnelligkeit, Sprungkraft, Ausdauer, Koordination und Gleichgewicht.

Durch das Reiten und die Bewegung sammeln Kinder Wissen, sie lernen durch Bewegung. Dieses Wissen bildet die Grundlage für das Lesen, Schreiben und Rechnen.

Und der wichtigste Grund für mich persönlich:
Gerade die Reitpädagogik bietet einen Ausgleich zum Zeit- und Leistungsdruck unserer Gesellschaft, der auch vor Kindern nicht Halt macht.

Möchten wir das nicht alle für unsere Kinder?

 

Ihr könnt uns jederzeit gerne in Miri’s Pferdekinderland besuchen kommen: Ihr findet uns in Seeham im wunderschönen Salzburger Seengebiet!

 

Vielen lieben Dank für die Beantwortung der Fragen, Miriam.

 

Bisherige Expterten-Interviews zum Nachlesen: Schlaf mit Nora Imlau, Trotzphasen mit Katja Seide.

Schokolade mit Zeitspruch
Alltag, Kultur mit Kind, Schöne Dinge

Wochenende: 7 Dinge, die es immer braucht

Ob wir zuhause in Berlin sind, bei der Familie in Österreich oder uns grad ganz woanders aufhalten: ein paar gute Dinge, braucht jedes Wochenende, um als solches bezeichnet zu werden.

1.) Gemütlichkeit

 

Wenig Dinge sind mir tatsächlich so wichtig wie Gemütlichkeit. Ein Kamin, weiche Sitzgelegenheiten und das Gefühl, dass der Ort an dem man grad ist, wirklich nett ist: Kaum zu überbieten. Bevor hier falsche Bilder entstehen: Bei uns riecht es nie nach Duftkerzen und keiner trägt Joggingshosen.

 

Schokolade mit Zeitspruch

2.) Zeit

 

Nahezu jedes Wochenende nehmen wir uns irgendwas vor, was wir dann doch leicht einkürzen: Denn Stress ist furchtbar, und am Wochenende kann den sowieso keiner brauchen.

Kuchen

3.) Kuchen

 

Wahrscheinlich habt ihr es schon vermutet, bei uns gibt es nahezu an jedem Wochenende-Tag Kuchen. Selten selbstgemacht, immer mit Liebe gekauft, manchmal in Gesellschaft von Leuten, die nicht bei uns wohnen, meist auch einfach so: zuhause.

4.) Musik

 

Ich muss gestehen, dass ich schnell überfordert bin von Musik, der Rest der Familie findet das aber immer recht gut. Immer mal wieder läuft Rotznrollradio. Und dieses Wochenende hat mein Junge Helge Schneider nachgesungen. Der Vater findet es super. Nun ja.

Vater und Tochter

5.) Gespräche

 

Da wir nicht immer voller Action draußen rumlaufen, habt Ihr es vielleicht schon vermutet? Wir reden ganz viel. Meistens.

Vater und Sohn unterwegs

6.) Einkauf

 

Ob Ikea, Bioladen oder einfach der Netto um die Ecke: Irgendwie sind wir total die Samstagsshopper, mit allen Vor- und Nachteilen.

 

Uhr

7.) Rituale

 

Es gibt ja diese Leute, die lassen sich so durch den Tag treiben und haben überhaupt keinen festen Zeitplan. Total toll. Für uns ist das nicht, also bloß nicht in der Mittagszeit anrufen.

 

Und welche Punkte gehören bei Euch zu einem gelungenen Wochenende?

 

Dieser Beitrag gehört zum Wochenende in Bildern an dem ich fast jedes Wochenende teilnehme, heute einmal mit dem Hintergrund, welche Aspekte uns wirklich wichtig sind. Nahezu alle Bilder sind an diesem Wochenende entstanden.

 

Mehr Wochenenden in Bildern findet Ihr wie immer bei Susanne von Geborgen Wachsen.

Mutter und Tochter: Stirn an Stirn
Familienrollen

Hebamme und Mutter: „Ich entbinde die Frauen nicht einfach, ich ermutige sie, ihre Kinder selbst zu gebären“

Jeden Donnerstag erscheinen hier die Familienrollen, die eine andere Familie vorstellen. Diese Woche erzählt Jessi, alleinerziehende Mutter einer entzückenden Tochter, was ihr Beruf Hebamme und die eigene Mutterrolle miteinander zu tun haben. Außerdem berichtet sie, wie sie in der Anfangszeit als Mutter mit Einsamkeit umging, und was sie sich für Alleinerziehende manchmal wünscht. 

Jessi und OliviaIm Geburtsvorbereitungskurs erzählte uns die Hebamme, dass sie erst wirklich verstand, welche Rolle, die Frau bei der Geburt hat, als sie selbst ihr erstes Kind bekam. Wie hat sich Dein Berufsverständnis durch die Geburt Deiner kleinen Tochter verändert? 

 

Liebe Bettie, früher dachte ich immer ‚Ich kann eine gute Hebamme sein, auch ohne jemals geboren zu haben. Und natürlich kann man das. Da möchte ich kinderlosen Kolleginnen nicht zu nahe treten. Ich hab für mich jedoch gemerkt, dass es durchaus einen Unterschied macht. Ich bin emphatischer seit der Geburt meiner Tochter. Wobei, ich bin in vielen Dingen empathischer geworden. Ich weiß jetzt, wie lang eine halbe Stunde hochschwanger in der gleichen Position auf einer Liege zum CTG sein kann. Dass man dann zum Aufstehen schon mal gefühlt eine halbe Ewigkeit braucht.

 

Dann gibt es wiederum Dinge, die ich nicht nachvollziehen kann bzw. bei denen ich strenger geworden bin. Weil ich eben jetzt auch weiß, was eine Geburt bedeutet. Ich arbeite an einer Klinik in einer der größten Kreißsäle. Viele der Frauen möchten entbunden werden. Die klingeln an der Kreißsaaltüre und sagen ‚Mach was!‘ Die Bereitschaft selbst etwas zu tun ist dann sehr gering. Oft wird man für den Schmerz verantwortlich gemacht. Eine Geburt ist anstrengend. Eine Geburt ist schmerzhaft. Eine Geburt ist Arbeit. Aber eine Geburt ist auch so fabelhaft. Eine sehr gute Freundin und Kollegin hat ein paar Wochen vor mir geboren. Sie meinte dann zu mir ‚Ach, ich beneide dich fast ein bisschen darum, dass du dieses Erlebnis noch vor dir hast!‘ Ich dachte natürlich, sie muss verrückt sein. Jetzt verstehe ich, was sie damals gemeint hat. In dieser Hinsicht bin ich seit Olivias Geburt strenger geworden.

 

Ich entbinde die Frauen nicht einfach, ich ermutige sie, ihre Kinder selbst zu gebären. Das ist so wichtig. Ich werde niemals das Gefühl vergessen, als ich Olivia das erste Mal hoch genommen habe. Etwas, was mir schwerer fällt, seitdem ich selbst Mama bin, ist aus dem Kreißsaal zu gehen und die Frauen kurz alleine zu lassen. Ich weiß noch genau das Gefühl, wenn meine Hebamme kurz raus gegangen ist. Aber in der Klinik muss man das leider immer wieder. Das ist mir früher leichter gefallen. Da war ich einfach nur die Hebamme. Jetzt hab ich ein Mamaherz.

 

Deine Tochter hat als Baby phasenweise schlecht geschlafen. Das Schlafverhalten ist eine der Fragen mit denen sich Mütter auch an Hebammen wenden, hat Dir Deine theoretische Ausbildung bei Deinen Fragen geholfen? 

 

Baby im TragetuchOlivia ist und war die weltschlechteste Schläferin. In der Schwangerschaft war ich bezüglich Baby, Babypflege und dem Umgang mit einem Baby sehr entspannt. Die Schwangerschaft an sich war eher sorgenvoll. Es war von Anfang an klar, dass ich alleine sein werde, wenn ich mich für das Kind entscheide. Ich hatte Angst davor, wie es sein würde mit Baby. Aber eher davor, dass das Leben ganz anders sein würde, vor der Verantwortung, vor meinem gebrochenem Herzen und nicht so sehr vor dem Alltag. Dann kam Olivia. Und anfangs war ich auch noch entspannt.

 

Sie war aber leider ein so unglückliches Baby und da kann man noch so entspannt sein, irgendwann ist man es nicht mehr. Raus gehen war irgendwann fast unmöglich, weil sie sehr schnell überreizt war. In dieser Zeit war ich sehr alleine und einsam.

 

Am meisten hat mich der Satz getroffen ‚entspannte Eltern haben entspannte Kinder‘. Der gehört wirklich verboten. Das ist so verletztend, weil man natürlich mit einem unglücklichen Baby eigentlich durchgehend ein schlechtes Gewissen hat. Und weil es nicht stimmt.

 

Als Hebamme hat mich das aber darin bestärkt, wie wichtig es ist, Eltern mit untröstlichen Kindern ernst zu nehmen. Am meisten hilft da vielleicht, wenn mein einfach da ist und ein offenes Ohr hat. Nach anderthalb Jahren bin ich dann endlich in eine Schlafambulanz mit ihr gegangen. Die meinten, ich hätte schon viel früher kommen sollen. Ich glaube, wenn man alleine ist und vielleicht auch, wenn man vom Fach ist, ist man strenger mit sich. Ich wollte und möchte nach wie vor immer alles alleine schaffen und kann nur schwer um Hilfe bitten.
Du bist alleinerziehende Mutter und arbeitest mitunter Tag und Nacht: Wie schaffst Du das?

 

JessiPuh, das mit der Vereinbarkeit ist so eine Sache. Ich lese gerne und auch oft Blogs. Immer wieder lese ich von anderen Alleinerziehenden, bei denen es so einfach klingt bzw. die auch sagen, das wäre alles gar nicht so viel schwieriger.

 

Vielleicht liegt es daran, dass ich ‚richtig‘ Alleinerziehend bin, also Olivia lebt ausschließlich bei mir und ich bin die Ernährerin der Familie. Nur wenige Alleinerziehende, die mir begegnet sind, erziehen wirklich alleine. In Bayern haben Alleinerziehende und Berufstätige Paare den gleichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Das hatte zur Folge, dass ich zwar ein unbefristetes Arbeitsverhältnis hatte und aufgrund des Hebammenmangels sofort nach der Elternzeit wieder einsteigen hätte können.

 

Ich hatte aber keinen Kitaplatz und die Dame vom Jugendamt meinte, ich solle mich nicht Sorgen, ich sei Hartz4 berechtigt als Alleinerziehende. Ich habe dann ein Jahr von meinen Ersparnissen gelebt bis ich endlich einen Platz hatte und wieder arbeiten konnte. Inzwischen arbeite ich selbstständig als Beleghebamme.

 

Ich habe das Glück, dass meine Eltern nicht weit weg wohnen. Wenn ich Kreißsaal Dienst habe, dann ist Olivia bei meinen Eltern. Es ist eben ein ziemlich großer organisatorischer Aufwand. Und sobald ein Ding nicht funktioniert, muss ganz schnell umorganisiert werden. Manchmal am Ende des Monats liege ich abends im Bett und freu mich, dass alles mehr oder weniger geklappt hat und dann stell ich fest, das am nächsten Tag ja schon der nächste Monat beginnt. Ich wäre dafür, dass Alleinerziehende zwischen den Monaten ein bis zwei Tage Pause hätten vom Organisieren.
Dein Instagram-Account ist geschützt, hat man das Glück Dir folgen zu können, sieht man eine sehr liebevolle Mutter-Tochter-Beziehung. Welche Grundprinzipien sind Dir wichtig?

 

Mutter und Tochter halten sichOh, Danke für das liebe Kompliment. Die Frage finde ich gar nicht so leicht zu beantworten. Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mir dazu keine Gedanken mache und alles immer so läuft.

 

Was ich am Mamasein so schwer finde, ist auf sein Bauchgefühl zu hören. Dabei ist das glaub ich das einzige wichtige und das einzig richtige. Das ist im Grunde ähnlich wie bei einer Geburt. Oder im Wochenbett.

 

Was sagt dein Bauch? Aber mir fällt es manchmal schwer, meinen Bauch überhaupt zu hören. Gerade Leute in der Ubahn oder im Supermarkt haben mich oft zweifeln lassen. Ich werde dann als zu liebevoll und zu geduldig empfunden. {Liebevoll} Grenzen setzen, war und ist für mich die größte Herausforderung am Eltern sein. Und Olivia fordert die auch ein und zeigt mir, dass Grenzen wichtig sind.

 

Ich bin so gerne Mama. Ich finde, es ist das wichtigste für ein Kind, dass es sich geliebt fühlt. Liebe kann man nie genug haben. Und dann hoffe ich, dass Olivia später ihre Kindheit als sehr glücklich empfinden wird. Auch wenn sie nicht perfekt war und wenn wir oft nicht alles hatten, was man so ‚braucht‘.
Und Geborgenheit. Kindheit muss sich für mich geborgen anfühlen. Ein sicherer Ort an dem ich so sein kann wie ich bin. Und trotzdem geliebt werde. Oder gerade deshalb.
Was wünscht Dir für die Zukunft: als Mutter Deiner Tochter und beruflich als Hebamme?

 

Olivia liegt auf KissenAls Hebamme wünsche ich mir mehr Zeit. Mehr Zeit für die Frauen und die Kinder und weniger Bürokratie. Dass die Versicherung nicht weiter steigt. Ich bin aber eher optimistisch. Ohne Hebamme geht es nicht! Und ich wünsche mir wieder mehr Frauen, die Vertrauen. In die Geburt. In die Natur. Und, die mir als Hebamme vertrauen.

 

In allererster Linie wünsche ich mir Gesundheit! Für meine Familie und mich. ich wünsche mir, dass es irgendwann mal normal ist, dass es ganz unterschiedliche Familien gibt. In Ihrem Kindergarten ist Olivia das einzige Kind, dass nur bei einem Elternteil groß wird. Bei den anderen Kindern ist das ein ganz großes Thema und sorgt für viele Fragen.

 

Ich saß neulich in der Küche und hab einen Tee getrunken, währenddessen hat Olivia ihre neue Kindergartenfreundin durch unsere Wohnung geführt und ihr alles gezeigt. Die Freundin meinte dann ganz überrascht ‚und dein Papa? Wo schläft denn dein Papa?‘ Olivia meinte daraufhin in ganz verständnislosem Ton ‚mein Papa? Ja mein Papa wohnt doch gar nicht hier!‘

 

Das hab ich mir immer gewünscht, dass es sich für sie ganz normal anfühlt, wie es ist. Olivia würde die Frage vermutlich beantworten mit ‚Eine Schwester wünsch ich mir! Und wenn’s ein Bruder wird, dann tauschen wir ihn einfach um‘.

 

Vielen lieben Dank, Jessi.

 

Alles rund um das Thema Schwangerschaft findet Ihr im Themen-Spezial.

 

Jessi hat auch einen Instagram-Account, der allerdings privat ist, aber vielleicht habt Ihr ja Glück und dürft ihr folgen.
Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.