Elternfragen, Kultur mit Kind

Musik für Kleinkinder: „Alle Kinder sind von Hause aus musikalisch.“

Mit „Elternfragen“ möchte ich einmal wöchentlich mit Experten reden, Mythen hinterfragen und Antworten auf Fragen finden, die sicher viele beschäftigen. Fragen stellen finde ich nicht nur bei Kindern wichtig. 

Heute geht es um Kinder und Musik: Was ist dran an frühmusikalischer Bildung, ist eigentlich wirklich jeder Mensch musikalisch und warum ist Musik eigentlich schon bei Kindern so wichtig? Das und mehr hat die Musikpädagogin Vivien anschaulich beantwortet. 

 

„Wer wirklich Profi-Musiker werden will, muss vor dem dritten Geburtstag mit seiner Ausbildung anfangen.“ – Diesen gruseligen Satz habe ich mal von einem Musikprofessor gehört. Was denkst Du: Was ist dran? 

 

 

Das sehe ich ein bisschen anders! Ein Profi-Musiker ist für mich im weitesten Sinne jemand, der mit Musik sein Geld verdient und das Musikmachen nicht nur als Hobby betreibt. Im zarten Alter von 3 oder 4 Jahren sind – und das sage ich aus praktischer Erfahrung heraus – die wenigsten Kinder schon rein von der feinmotorischen Entwicklung her in der Lage, Unterrichtsinhalte an einem Instrument umzusetzen.

 

Natürlich KANN man sein Kind so früh schon zum Unterricht anmelden; signifikante Fortschritte wird es allerdings zu 99% erst ab dem Vorschul- oder Schulalter machen. Ich selbst zähle als studierte Musikerin ja ebenfalls zu den Profis und habe erst mit 9 Jahren mit dem Unterricht begonnen! Ich halte es für empfehlenswert, dass Eltern sich um die Zeit des Schuleintrittes Gedanken um eine mögliche musikalische Ausbildung machen.
Unglaublich viele Eltern habe ich schon sagen gehört, wie unglaublich musikalisch ihr Kind ist. Woran erkennen wirklich die musikalische Begabung ihres Kindes schon im Kleinstalter?
Ich würde sogar so weit gehen und behaupten: ALLE Kinder sind von Hause aus musikalisch! Denn im Bauch der Mutter sind sie 9 Monate lang von Klängen und Geräuschen umgeben: Mamas Herzschlag, das Rauschen des mütterlichen Blutes, Magen- und Darmgeräusche und allen voran natürlich die Stimme der Mutter. Um die 23. Schwangerschaftswoche ist das Gehör soweit ausgebildet, dass das Baby diese akustischen Reize bewusst wahrnehmen kann.

 

Das Kind kommt also schon mit einem gewissen „Repertoire“ an Klängen und Geräuschen auf die Welt und wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch nach der Geburt große Freude daran haben, wenn es von Mamas vertrauter Stimme beim Wickeln kleine Lieder vorgesungen bekommt.

 

Etwas später, wenn Kinder in der Lage sind, selbst Geräusche zu erzeugen und „Musik zu machen“ , finden sie Kochlöffel und Kochtopf, Rasseln, Trommeln und Xylophon faszinierend. Wichtig zu wissen ist außerdem, dass jeder Mensch eine ausbildungsfähige mMusik Kitausikalische Begabung besitzt. Die meisten Menschen verfügen über ein mittleres Maß an musikalischer Begabung; nur sehr wenige sind hochbegabt, andererseits gibt es auch nur sehr wenige, die kaum musikalisch begabt sind! Erstaunlich, oder? Hört man doch oft Eltern sagen, dass sie gänzlich unmusikalisch seien und deshalb nie gedacht hätten, dass ihre Kinder erfolgreich ein Instrument lernen können. Wie sich die individuelle musikalische Begabung dann entfalten kann, ist von Umwelt und Übung abhängig.
Unabhängig davon, ob sich ein Kind besonders für Musik interessiert, oder vielleicht sogar ein besonderes Gespür dafür hat: Wie kann man das als Eltern fördern?

 

 

Wichtig ist, dass Kinder schon früh in Kontakt mit Musik kommen, sei es durch hören, singen, tanzen oder klatschen. In vielen Kindergärten ist die Musikalische Früherziehung fest im wöchentlichen Ablauf integriert. Aber auch für noch jüngere Kinder und sogar Babys gibt es spezielle Kurse, die Eltern zusammen mit ihrem Nachwuchs besuchen können. Diese Kurse dienen allerdings nicht nur dazu, die Kinder schon frühzeitig zu „fördern“, sondern sie sollen in erster Linie den (eventuell „unmusikalischen“) Eltern zeigen, in welcher Weise sie sich mit ihren Kindern zu Hause musikalisch und pädagogisch sinnvoll beschäftigen können, so dass alle Beteiligten Spaß am gemeinsamen Musikmachen haben.
In meiner Kindheit mussten alle 6-jährigen Flöte spielen: Das war grausam. Was denkst Du: Wie finden Kinder heute ihr Instrument und vor allem wann?

 

vorschule musikWir werben mit dem Slogan „Dein Instrument wartet auf dich“ und sind der festen Überzeugung, dass nicht der Schüler sein Instrument, sondern das Instrument seinen Schüler findet! Oft ist es dann „Liebe auf den ersten Blick“ (bzw. Ton). Viele Musikschulen bieten das sog. Instrumentenkarussell an, bei dem man im 4-Wochen-Rhythmus verschiedene Instrumente ausprobieren kann. Außerdem kann man sich nach einem Tag der offenen Tür erkundigen oder Eltern lassen sich gemeinsam mit dem Kind im Musikfachgeschäft beraten.

 

Ich finde gut, wenn Eltern ihre Kinder unterstützen wollen im Lernen eines Musikinstrumentes, kann aber nur dringend davon abraten, im Spielzeugladen eine Gitarre, ein Keyboard oder Ähnliches zu kaufen. Wie der Name schon sagt, sind das keine richtigen Instrumente, sondern eben nur bunte Spielzeuge, die mit ihren „echten“ Kollegen nicht viel gemeinsam haben!

 

Aber egal, welches Instrument sich ein Kind aussucht – entscheidend ist in jedem Fall, dass es sich regelmäßig damit beschäftigt und von den Eltern auch dahingehend ermutigt und unterstützt wird. Erfolg ist nur zu 10% Talent. Zu 90% steckt hinter jedem Erfolg harte Arbeit.
Singspiele für kleine Kinder und musikalische Reime im Kindergarten: Warum ist Musik schon für Kinder so wichtig?

 

Wie schon bei Frage 2 und 3 erwähnt, sollte musikalische Früherziehung ein Bestandteil jeder Kindheit sein! Dabei klingt das Wort „Früherziehung“ so nach Drill, nach stillsitzen und zuhören. Das ist es gar nicht, im Gegenteil! Es geht nicht um musikalische Leistung, sondern darum, die kindliche Persönlichkeit durch Singen, Tanzen, Musizieren und Musik hören zu fördern, also Freude an Klängen und Bewegung zu entwickeln. Mit einem ganzheitlichen Lernkonzept (sehen, fühlen, hören, entdecken, verstehen) werden Kinder in ihrer Entwicklung musikalisch begleitet und wird die Lust am Musizieren geweckt. Die Kleinsten entdecken die Verbindung von Rhythmus und Sprache bei Fingerspielen und Kniereitern, die Größeren haben im Vorschulalter Spaß an Hörerziehung, musikalischen Grundbegriffen und erstem spielerischen Kennenlernen der Notenschrift, wodurch der Grundstein für eine spätere musikalische Ausbildung gelegt wird. Musik macht übrigens nicht nur Spaß, sondern auch klug, wie Prof. Dr. H.-G. Bastian in Langzeitstudien nachgewiesen hat. Soziale Kompetenzen, Motivation, Teamfähigkeit, Kreativität und überdurchschnittlich gute schulische Leistungen trotz zeitlicher Mehrbelastung sind nur einige der positiven „Nebenwirkungen“, die das aktive Musizieren mit sich bringt. Und welches Instrument wartet auf DICH?

 

Vielen lieben Dank für das Interview, Vivien. 

 

Und das sagt Vivien über sich: Ich leite gemeinsam mit meiner Mutter und meinem Mann seit 2010 unsere eigene Musikschule, „Viva Musica“, in Berlin. Die jüngsten Schüler sind 3 und die ältesten 70 Jahre alt. Aber eines verbindet sie alle: der Spaß und die Freude am Musizieren!

 

Außerdem bloggt sie auf Mama 2.0.

Bilderbuch
Kultur mit Kind

Ein Wochenende in 12 Bilderbüchern

Dieses Wochenende hatten wir Besuch und waren gut beschäftigt. So gut beschäftigt, dass ich tatsächlich die Sache mit dem Bilder machen ein bisschen vergessen habe. Wie gut, dass noch die Bücher im Wohnzimmer rumliegen, mit denen sich mein Junge und das süße Besuchskind am Wochenende befasst haben.

 

Momentan eines der beliebtesten Bücher bei uns daheim.

Diese Reihe kommt immer gut an.

Das – leicht nervende – Buch vom Besuchskind war der Knaller.

Erstmals kommen wir mit Elsa und Anna in Berührung.

Mein persönlicher Grusel heißt allerdings Conni.

Gleich mehrfach vertreten.

Endlich weiß ich, warum so viele Eltern so genervt sind von Conni.

Auch kleine Bücher sind dabei.

Und Malbücher.

Und Tiptoi lernen wir kennen.

Die Besucher hatten ein tolles Buch für meinen Jungen mit.

Bilderbuch

Und für mein Mädchen.

 

Erkenntnisse des Wochenendes: Das war schön mit diesem Besuch. Erkenntnisse der Bilderbücher vom Wochenende: Tiptoi ist lustiger als gedacht, und Conni nervt. Also wirklich.

 

Seid Ihr schon in Kontakt gekommen mit Conni und dem Tiptoi: Und wenn ja, wie findet Ihr das?

 

Mehr Wochenenden in Bildern gibt es wie immer bei Susanne von Geborgen Wachsen.

Mehr 12von12 gibt es wie immer bei Draußen nur Kännchen.

 

Familienrollen

Gewalt: „Jedes Mal, wenn jemand die Hand über den Kopf hebt, zucke ich zusammen.“

Jeden Donnerstag erscheinen hier die Familienrollen, die eine andere Familie vorstellen. Yasmin hat eine gewaltsame Erziehung hinter sich, wie sich das auf ihre eigene Mutterrolle auswirkt und was ihr besonders wichtig ist: Das erzählt sie im Interview. 

 

Die Anlehnung an die Erziehung der eigenen Eltern: Du hast Dich bewusst dagegen entschieden. Wie war Deine Kindheit? 
Yasmin mit TochterJedes Mal, wenn jemand die Hand über den Kopf hebt, zucke ich zusammen. Noch immer. Das fasst meine Kindheit gut zusammen, denn sie war geprägt von physischer und psychischer Gewalt: Meine Mum hatte es nicht leicht. Sie war Alleinerziehende mit zwei Kindern, mein Vater war mal besser, mal schlechter zuverlässig. Irgendwie musste sie alles stemmen, immer wieder einen neuen Job finden. So kam es, dass wir fast jährlich umgezogen sind. Immer dem Job hinterher. Damit hatte ich keine Gelegenheit feste Freundschaften zu knüpfen.

 

Ich war ohnehin eher schüchtern, fand und finde schwer Freunde. Meine Kindheit war also auch einsam. Natürlich hatte ich meinen Bruder, einen kleinen Anker. Als Ältere fühlte ich mich verantwortlich für ihn. Meine Mum war oft am Ende, sie schrie uns an, wir mussten zur Strafe verbranntes Essen essen. Es gab auch mal nur Brot, oder Nudeln mit Ketchup, viele Tütensuppen… Das Geld war knapp. Der Stress riesengroß. Wer nicht hörte bzw. funktionierte, wurde auch mal geschlagen: Mit der Hand, dem Schuh, dem Kochlöffel, dem Gürtel. Was eben gerade greifbar war.

 

Yasmin in Klein

Yasmin in Klein

Dann lernte meine Mum den „Stiefvater“ kennen. Anfangs war der „Stiefvater“ auch sehr nett, lockte uns und sie immer mit kleinen Geschenken. Sie zogen zusammen und das echte Märtyrum begann.
Aus dem netten Mann wurde ein jähzorniger, kleiner Diktator. Meine Mutter durfte keinen Kontakt mehr zu anderen Menschen haben, er hat sie Stück für Stück von anderen Menschen (vor allem Männer) abgegrenzt. Sie bekamen mehrere Kinder (das letzte wohl unfreiwillig…). Je länger sie zusammen waren, desto gewaltvoller wurde er. Nicht nur gegenüber unserer Mutter (er schlug sie in der Schwangerschaft, sie verlor das Kind), sondern auch uns. Auch meine Mutter schlug immer öfter zu. Wenn ich dem Schlag auswich und dabei stolperte, dann trat sie eben zu. Später meinte sie zu mir, dass sie uns schlagen musste: Damit der „Stiefvater“ nicht zuschlagen würde. Seine Schläge seien härter und gewaltvoller. Sie wollte uns auf eine verrückte Art und Weise beschützen. Damals war ich ihr sehr böse deswegen, mittlerweile verstehe ich, dass sie absolut überfordert war und keine Hilfe gesucht hat. Ich nehme an, dass sie auch eine Art von Depressionen hatte oder sogar noch hat, die ihr übriges getan haben.

 

Irgendwann zeigte das Spuren an meinem Bruder. Er wurde ebenfalls gewalttätig, natürlich gegen Schwächere. Er prügelte sich in der Schule, wurde auch mir gegenüber anders. Das Jugendamt entschied, dass er bei seinem Vater besser aufgehoben sei. Ich blieb bei meiner Mutter, hatte das Gefühl sie beschützen zu müssen. Nicht nur sie, auch meine Geschwister. Mit 15 war meine Kindheit dann aber vorbei, denn ich entschied, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Ich hatte meinen ersten Freund und mein Stiefvater ist durchgedreht. Er bezeichnete mich als Hure, dumme Fotze mit einem fetten Brauereigaul-Arsch. Mich trafen die Worte hart, denn ich haderte mit meiner Figur. Ich bin ausgezogen, meine Mutter half mir dabei. Ich kam in einem 1-Zimmer Appartement bei ihrer Freundin unter. Dachgeschoss – noch nie waren meine Sommer so heiß. Knapp 2 Jahre habe ich mich dann mit Putzjobs, dem Kindergeld und 100 Euro Unterhalt meines Vaters so durchgeschlagen. Zur Abi-Phase hin, hatte sie ihn endlich verlassen. Also zog ich für ein paar Monate zurück, ehe ich dann nach Bayern abgehauen bin – zu meiner zweiten großen Liebe.

 

Zusammengefasst kann man sagen, dass meine Mutter die Erziehung ihres Vaters kopiert hatte. Er war sehr gewalttätig, hatte furchtbare Strafen für seine Kinder. Das war größtenteils Kindesmisshandlung. Noch immer reagiere ich sehr emotional, wenn ich angeschrien werde. Mir schießen entweder sofort die Tränen in die Augen, oder ich werde zur wilden Furie und wehre mich mit allen Mitteln.

 

Welche Erziehungsmaxime stehen bei der Erziehung Deiner Tochter Claire ganz oben?

 

Yasmin mit Mann und Kind

SONY DSC

Ich möchte gern auf Augenhöhe mit ihr leben und versuchen ihre Wünsche und Ziele zu respektieren. Das klappt natürlich nicht immer. Schon allein durch den eng getakteten Tag, der zwei Vollzeitjobs mit sich bringt, muss das Kind auch mal „funktionieren“. Manche Abläufe müssen automatisch geschehen und dann, wenn sie auch mal nicht möchte. Beispielsweise das morgendliche Aufstehen – sie ist wie ich ein Morgenmuffel. Sonst klappt es einfach nicht. Termine werden nicht eingehalten, alles kommt durcheinander, die Chefs sind sauer, die Arbeitszeit nach hinten verlängert sich… Es geht hier einfach nicht. An Tagen, an denen ich Home Office mache oder gar Urlaub habe, klappt es viel besser. Keine Termine im Nacken, keine Chefs und plötzlich läuft es rund. Die Urlaubswoche im letzten August war wundervoll. Ich hatte mich noch nie so gut mit Claire verstanden, wir waren beide sehr entspannt und konnten Konflikte so gut wie immer friedvoll lösen. Da wurde mir klar, dass ich den Alltag entschleunigen muss und habe Stunden reduziert. Leider reicht es noch nicht aus, um den Druck ganz zu nehmen, es bringt mich dem Ziel aber näher.
Ich würde Claire gern völlig gewaltfrei erziehen, ohne Schläge, ohne Schreien ohne Zwang. Auch das gelingt nicht immer. Manchmal, da schreie ich. Oder ich nehme sie unter den Arm und trage sie vom Spielplatz, nachdem ich es 15 Minuten mit Diskussionen, Alternativen und Kompromissvorschlägen versucht habe. Dann setze ich mich durch. Ich versuche Claire so viel wie möglich „einfach machen“ zu lassen. Aber mir sind auch Grenzen wichtig. Sichere Schranken, die aufzeigen „Bis hier hin und nicht weiter“. Besonders kommt das im Verkehr zum Tragen. Aber auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Es geht beispielsweise nicht, dass sie uns schlägt. Sie darf toben, meckern – aber geschlagen wird nicht.
In solchen Situationen würde ich ihr gern Trost spenden, aber, wenn sie mich schlägt, bin ich manchmal auch sauer oder eher verletzt. Ich frage mich immer, was ich falsch gemacht habe, dass sie ihre Wut nun so ausdrückt und mir absichtlich weh tut. Manchmal reagiere ich dann eingeschnappt und muss den Raum verlassen. Das würde ich gern ändern, aber es geht manchmal nicht anders.
Generell wäre ich lieber viel gechillter, einfühlsamer und verständnisvoller, wenn es zu Extrem-Situationen kommt. Ich wäre gern eine dieser perfekten Mütter, die das alles weglächeln und souverän meistern. So eine bin ich aber nicht. Ich bin eine Mutter, die dann selber unruhig wird, sauer wird und manchmal tobt. Es ist seltener geworden, kommt je nach Tagesform oder Stresslevel aber dann doch zum Tragen. Mein Ziel wäre, diese Situationen gar nicht mehr aufkommen zu lassen. Immer ihr Anker zu sein und auf sie eingehen zu können.

 
 In wie weit lässt Du Deiner Mutter im Umgang mit Deiner Tochter freie Hand?

 

 

Meine Mutter passt mittlerweile nicht mehr auf Claire auf. Als sie ein Baby war, kam das vor, aber nun nehmen wir Claire einfach überall hin mit, wenn wir bei meiner Mum zu Besuch sind. Vielmehr passt die Mutter meines Mannes regelmäßig auf Claire auf J Sie gestaltet das meist sehr liebevoll, hat immer neue Spiele und Ideen auf Lager. Bisher habe ich ihr völlig freie Hand gelassen und mich darauf verlassen, dass sie weiß was sie tut. Nur an manchen Punkten war ich bisher unzufrieden und bat meinen Mann dies anzusprechen.
Wie hat sich Eure Beziehung verändert, seit dem Du selbst Mutter bist?

 

Mutter und Kind im ZooUff. Das ist schwierig zu beurteilen. Wir sehen uns häufiger, damit Claire den Kontakt zur Oma und ihren Onkels und der Tante aufrechterhalten kann. Allerdings kritisiere ich meine Mutter mittlerweile häufiger und sehr direkt. Sie hat noch immer Kinder im Haus und ich bin manchmal sehr entsetzt, dass sie einige Verhaltensweisen aus der Vergangenheit beibehalten hat. Manches kann ich mittlerweile nachvollziehen und verstehen. Aber in einigen Punkten habe ich doch eine sehr feste Meinung. Als Claire noch ein Baby war, hatte ich mir oft noch Rat bei Krankheiten geholt (wie senke ich das Fieber, bei Bays beispielsweise). Mittlerweile ist das seltener geworden, weil wir einfach verschiedenen Generationen angehören und „damals alles anders“ war. Das macht die Beziehung und manchmal angespannter.
Bist Du die Mutter geworden, die Du immer werden wolltest? Und wenn nicht: Was wünscht Du Dir dafür für die Zukunft?

 

Nein, ich wollte ja nie Mutter werden. Claire war eine große Überraschung und in der Schwangerschaft habe ich mehr den „Schock“ überwunden, dass ich nun überhaupt Mutter werde und versucht mein Leben zu sortieren und mir erstmal darüber klar zu werden, was ich will. Mir war klar, dass ich nie so werden wollte, wie meine eigene Mutter. Emotionslos. Wir wurden nie in den Arm genommen. Sie hat nie „Ich liebe dich“ zu uns gesagt. Ich erinnere mich an keinen einzigen emotionalen Moment mit ihr.
Erst nach und nach kamen dann weitere Vorstellungen hinzu: Auf Augenhöhe, kompromissbereit. Anfangs war ich auch so eingestellt, dass die „Kinder eben Folge zu leisten haben“. Dass sie X und Y machen müssen. Das war normal für mich. Und dann hielt ich das Baby im Arm und dachte mir: Du musst gar nichts, außer glücklich sein! Von dem Gedanken bin ich daher weitestgehend abgerückt.
Ich weiß zwar nicht, welche Mutter ich mal sein wollte, ich weiß aber, dass ich die Mutter, die ich bin, ganz gut leiden kann. Es gibt Verbesserungsbedarf – keine Frage. Mit dem Alter wachsen auch die Anforderungen, verändern sich. Darum werde ich ohnehin nie perfekt sein oder einem Wunschbild entsprechen. Für die Zukunft wünsche ich mir einfach, dass ich weiterhin versuche mit meinen Kindern zu wachsen und nicht irgendwann das Handtuch werfe. Ich wünsche mir stetig Kraft auf die Bedürfnisse eingehen zu können und nicht derselben Ohnmacht zu erliegen, wie meine Mutter eines Tages.

 

Vielen lieben Dank für Deine Offenheit, Yasmin.

 

Und hier geht es zu Yasmins Blog Rabenmutti.

 

Ihr habt auch eine Geschichte, die Ihr gerne in den Familienrollen erzählen wollt? Dann meldet Euch doch unter fruehesvogerl@gmail.com bei mir.

Kultur mit Kind

EQUITANA 2017 –
DIE Weltmesse für Pferdesport:
Werbung mit Gewinnspiel

Anzeige. In diesem Frühjahr ist das Thema Pferd hier recht präsent. Warum ist das so? Als Kind, später als Teenager, bin ich gerne geritten: Bei zwei dicken Ponys hatte ich sogar kurzzeitig eine Pflegeschaft. Und dann ist das Thema wieder ein bisschen in Vergessenheit geraten. Bis vor ein paar Jahren. Schwanger, oder kurz nach einer Geburt ist das allerdings nur für echte Profis zu empfehlen. So sagte man mir.
Unbedingt möchte ich wieder reiten, und vielleicht auch meine Kinder dafür begeistern. Vor Kurzem hatte ich mich dafür auch mit einer Reitpädagogin unterhalten. (Interview) und im Sommer möchte ich endlich wieder selbst auf einem Pferd sitzen. Bevor es wieder so richtig los geht, habe ich noch ein bisschen Zeit mich zu informieren.
Da die Geburt meiner Tochter grad mal ein halbes Jahr her ist, ist meine Herangehensweise noch sehr theoretischer Natur. So schmökerte ich auf der Homepage der Pferdemesse EQUITANA 2017, die vom 18. bis 26. März in Essen stattfindet, um mich dem Thema wieder zu nähern.

Neun Tage lang dreht sich dort alles um das Thema Reitsport: Fast hätte ich vergessen, wie zentral dieses Thema sein kann und bin nach kurzem Scrollen auf der Seite wieder mittendrin. Logistisch ist es mir leider ein bisschen zu weit, um dort mal eben vorbei zu schauen, aber Inspiration finde ich auf der Seite und Ihr seid ja vielleicht näher dran.

Vor zwei Jahren fand die Messe zum letzten Mal statt und rund 850 Aussteller werden nun auch im März erwartet.

Quelle: Behrendt und Rausch

 Sehr schnell merke ich, dass es eine Menge Dinge zu beachten gilt, die ich so gar nicht mehr auf dem Schirm hatte: Reitstiefel, Pferdedecken, Klamotten, Sattel und alles was dazu gehört. Nach fast 20 Jahren Pferdeabstinenz habe ich nichts mehr davon zu Hause.

Auf der Messe geht man, und das gefällt mir besonders gut, auch auf die Kleinen ein: ein eigener Thementag wurde für die Kinder geschaffen. Find ich super, denn auch ich frage mich: Ob mein Junge wohl Pferde mag? Ohne Ausprobieren finden wir das nicht raus und eine Anleitung ist von großem Vorteil.

Quelle: Behrendt und Rausch

Bei der EQUITANA 2017 werden die Kinder auch an das Voltigieren herangeführt: die Königsdisziplin und in meiner Kindheit nur den wirklichen Pferdemädchen eigen. So richtig ran getraut habe ich mich nicht, aber immer schon sehr gerne zugeschaut.

Auf der Messe gibt es dazu auch eine Extra-Show. Am Sonntag, den 26. März, von 14 bis 16 Uhr ist Volti-Magic, zu sehen und ich darf zwei Karten an Euch verlosen.

Was Ihr dafür tun müsst: .

Quelle EQUITANA/Sven Cramer

Verratet mir bis zum 20. Februar 2017 Eure Pferdegeschichte und nehmt an der Verlosung teil: Reitet Ihr von Klein auf, seid auch ein bisschen aus der Übung, oder überlegt Ihr erstmalig überhaupt damit anzufangen? Ich bin gespannt.

 

Der Gewinn steht in keinem Zusammenhang zu Facebook und kann nicht in bar ausgelöst werden..

Katja Grach
Elternfragen, Kultur mit Kind

Eltern-Sex: „Bewusst Nein zum Sex zu sagen ist vermutlich das größte Tabu in einer Partnerschaft.“

Mit „Elternfragen“ möchte ich einmal wöchentlich mit Experten reden, Mythen hinterfragen und Antworten auf Fragen finden, die sicher viele beschäftigen. Fragen stellen finde ich nicht nur bei Kindern wichtig. 

 

Heute geht es um ein Thema, dass eher selten in Krabbelgruppen besprochen wird: Sex. Der Sex von Eltern. Mit der Sexualpädagogin Katja Grach habe ich mich darüber unterhalten, welche Fragen dabei auftauchen, wie sich Paare durch die Geburt eines Kindes verändern können und was sie jedem Paar rät.

 

Du arbeitest als Sexualpädagogin: Was machst Du da eigentlich und wer sucht Dich auf?

 
Bei Sexualpädagogik geht es eigentlich wie bei jeder anderen Form von Pädagogik um Vermittlung von Wissen. Das was ich mache, lässt sich unter dem Begriff der Sexuellen Bildung ganz gut zusammenfassen. Das hat aber in erster Linie nichts mit Kamasutra oder Paarberatung zu tun. Generell bin ich bzw. sind meine Kollegen und Kolleginnen und ich meist diejenigen, die andere „aufsuchen“. Ganz oft sind wir in Schulklassen oder Jugendzentren unterwegs mit mehrstündigen Workshops in denen es um alles rund um Liebe, Sexualität, Körper, Schönheitsideale, Pornos und Rollenbilder geht. Zu anderen Gelegenheiten halten wir Vorträge und Weiterbildungen zu diesen Themen für Eltern und Menschen, die beruflich mit Menschen zu tun haben, wo Liebe & Sexualität ein Thema sind. Also fast eh alle.

 

Je genauer mensch sich die Sexuelle Bildung anschaut, desto klarer wird, dass es eigentlich überhaupt nicht schmuddelig oder Schweinekram ist, sondern ein Querschnittsthema, dass in alle Lebensbereiche wirkt.
Die, die uns wirklich direkt aufsuchen im Sinne einer Problemstellung sind meist diejenigen, die ein sexualpädagogisches Konzept brauchen für ihre Wohneinrichtung, in der Menschen mit Behinderungen leben; oder diejenigen, die wissen wollen, wie sie präventiv mit dem Thema sexualisierte Gewalt in ihrer Einrichtung umgehen können.
Aber ganz egal wie fachlich oder sachlich oder eben „unschmuddelig“ wir mit dem Thema umgehen, wo Sex drauf steht, ist Kichern drin. Gerade Lehrpersonen sind oft verunsichert, was wir denn in so einem „Sex-Workshop“ wohl machen. Aber auch wenn du jemandem von deinem Beruf erzählst, merkst du recht schnell, dass da wohl Vorstellungen von Dildoparties oder ähnlichem rumgeistern müssen. Viele sagen dann „interessant“ und wechseln das Thema. Andere meinen „da kannst du mir ja sicher noch was beibringen.“ Und manche fangen uns ganz unverfänglich von ihren Praktiken, private Problemen, Verhütungsmethoden oder ihrem Herzschmerz zu erzählen an.

 

Ganz oft wird der Beruf auch mit Beratung, Therapie oder Sexualassistenz verwechselt. Aber generell gehen entweder alle Schranken hoch, oder sie fallen komplett. Letztens hat mir ein Servicetechniker im Pensionsalter die Balkontür eingehängt und gefragt was ich so mache. Dann hat er mir gleich von seiner Jugendliebe erzählt, und wie sie ihm das Herz gebrochen hat. Andere reden gleich übe ihre Vasektomie mit dir. Ganz selten kommt es vor, dass jemand ehrlich zu gibt, dass er*sie nicht so recht weiß, was er*sie davon halten soll, oder sich schwer tut mit dem Thema. Das fände ich eigentlich am sympathischsten.

 

 

Paare, die gemeinsam Kinder haben, und weiterhin ein reges Sexualleben haben wollen: Suchen Eltern Dich eigentlich oft auf? 

 

Da ich keine Beratung mache – das wäre eine eigene Ausbildung, kommen solche Paare nicht zu mehr. Mit Eltern habe ich eher zu tun, wenn es um geschlechtersensible Gewaltprävention geht, um die Frage „darf ich Kleinkinder auch schon aufklären?“ und „Ist das normal was mein Kleinkind macht (zB Doktorspiele)?“

 

Aber generell hat mich die Frage ja selber auch schon beschäftigt. Deshalb hab ich vor einiger Zeit eine Umfrage für krachbumm.com gestartet und die Ergebnisse dann zusammengefasst. Viele glauben, sie müssten öfter Sex haben und fühlen sich schuldig. Aber die meisten sind halt auch wahnsinnig müde. Schlaf ist Luxus. Das merkt mensch eben erst mit der Geburt eines Kindes. Gleichzeitig wird uns medial suggeriert, wir sollten alle dauernd Sex haben und sogenannte Studien werden uns präsentiert, welche Nation wie oft im Schnitt Sex hat. Ganz ehrlich: Wer antwortet denn hier nicht sozial erwünscht? Und die Frage ist auch: Was sagt eine Zahl über die Qualität, die Nähe und Intimität aus?
Natürlich ist Sex auch eine Form von Kommunikation und es macht schon Sinn, sich als Paar auf dieser Ebene auch auszutauschen, oder zumindest irgendeinen Raum für Nähe zu schaffen. Aber wenn ich ansonsten schon dauernd Konflikte austrage und ich eigentlich während dem Sex die to dos für den nächsten Tag durchgehe, dann sollte ich mir schon die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellen und vor allem nach der Wertschätzung – meiner eigenen und die meines Partners*meiner Partnerin. Wenn ich mich selbst nicht einmal so viel spüre, dass ich präsent bei der Sache bleiben kann, und die andere Person das vielleicht auch gar nicht mal merkt, dann läuft da einiges schief.

 

Bewusst Nein zum Sex zu sagen ist vermutlich das größte Tabu in einer Partnerschaft.

 

Aber es spielt einfach so viel Unterschiedliches mit gerade als Eltern.

 

In dem Artikel, für den 150 Mütter und 1 Vater Antworten geliefert haben zeigt sich deutlich, wie unterschiedlich das ist, was Eltern mit Kindern erleben. Nicht nur die Veränderungen des partnerschaftlichen Sex, auch die „Hindernisse“, oder ob sich eine*r wohl fühlt im eigenen Körper. Gerade traumatische Geburtserlebnisse können einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Sexleben haben. Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben können zB vom Geburtserlebnis re-traumatisiert werden. Aber auch jede Art von Bindungserfahrung hat eine Auswirkung auf unser sexuelles Erleben. Fehlgeburten ganz genauso. In einer Rezension zum Buch Soulsex von Eva-Maria Zurhorst habe ich auch darüber mal geschrieben.

 
Was denkst Du, müssen sich Paare nach der Geburt eines Kindes neu definieren? 

 
Pizza-Sex-MetapherNach der Geburt eines Kindes sind halt nicht mehr zwei Menschen in einer Beziehung, sondern eigentlich drei. Jede*r muss seinen*ihren neuen Platz finden. Das ist nicht einfach. Darum trennen sich auch viele innerhalb des ersten Jahres wieder.

 

In Texten von Geburtsanzeigen steht immer so schön: „Nun ist das Glück perfekt“, dabei ist dann erst richtig die Kacke am Dampfen.

 

Beispielsweise kann eine Partnerschaft so vordergründig gleichberechtigt sein wie nur irgendwie möglich. Doch kaum ist ein Kind da, fallen beide ganz leicht in traditionelle Rollenmuster, so schnell kannst du gar nicht gucken. Dabei geht es dabei weniger um Zeit oder Tätigkeiten. Das kann mensch sich alles einteilen. Vielmehr sind es die Erwartungen und Verantwortungen, die wir plötzlich automatisch geschlechtergetrennt annehmen oder auch nicht. Das birgt irrsinniges Konfliktpotential. Und dann soll mensch auch noch Sex haben. Alle sind überfordert, suchen Rat, keine*r ist wirklich vorbereitet darauf, was eine*n erwartet beim ersten Kind, da kann mensch noch so viel vorablesen. Und dann sind Kinder auch noch wunderbare Trigger für all die eigenen Bindungsgeschichten, die mensch sowieso schon mitbringt, aber eben noch um ein vielfaches verstärkt.

 

Manchmal entwickeln sich da plötzlich komische Dynamiken, die mensch sich absolut nicht erklären kann. Da empfehle ich grundsätzlich die SAFE-Kurse nach Karl-Heinz Brisch, weil die auch die Paardynamik mitdenken und immer ein Auge darauf haben.

Abgesehen davon schadet meiner Meinung nach ein Babysitter so früh wie möglich ganz sicher nicht dem Beziehungsleben.

 

Jemand hat mir letztens erzählt, er habe gelesen, dass früher so an die 8 Bezugspersonen für ein Kind bereit gestanden haben.

 

Einfach mit der ganzen Verwandtschaft auch, die oft mit im Haushalt gelebt hat. Das kann ich mir gut vorstellen. Und wieviele sind heute oft involviert? Zwei. Manchmal auch nur eine Person. Und die soll*en dann alles schaffen: Elternschaft, Haushalt, Beziehung und Berufstätigkeit. Am besten alles zu 100%. Das ist irre. Und das tut niemandem gut. Natürlich werden die Kleinen so schnell groß. Aber die Zeit, die ich als Paar (oder auch für mich selbst) versäume, die kommt nicht wieder. Die Ressourcen, die aufgebraucht sind, die kann ich nicht so schnell wieder auftanken. Wie heißt das so schön immer im Vergleich mit Flugzeugen: Zuerst sich die Maske anlegen, dann dem Kind. Wenn ich nicht für mich selbst (oder meine Paarbeziehung sorgen kann), dann wird’s auch mit dem Kind schwer. Und die Frage ist auch: Was möchte ich meinem Kind über Paarbeziehungen mitgeben? Schließlich sind die ersten paar Jahre am Einprägsamsten.

Gott sei Dank denken heute nur noch wenige Leute, dass das Beiwohnen einer Geburt für den Mann negative Auswirkungen auf die spätere Sexualität zwischen einem Paar haben kann. Aber abgesehen von blöden Vorurteilen aus den 80ern: Was denkst Du verändert sich durch die Geburt bei der Wahrnehmung beider Partner? 

 

Puh, das ist eine schwere Frage. Mit Generalisieren tu ich mir ja schon ein bisschen schwer. Gerade wenn es um Geschlechter geht. Viele berichten ja, dass sie jetzt mehr Respekt vor den Leistungen der Frauen hätten. Ich glaube aber auch, dass viele Männer eine Scheißangst haben, weil Geburt nunmal eine Naturgewalt ist, und du kannst nicht alles kontrollieren und du weißt schon gar nicht, was beim ersten Mal auf dich zukommt. Eingriffe gibt es ziemlich oft, und dann heißt es Notkaiserschnitt und mensch muss sich mit der potentiellen Sterblichkeit auseinander setzen. Ich vermute, dass viele Paare da gar nie ehrlich drüber reden, wie sie die Geburt wirklich jeder für sich wahrgenommen haben. Auch weil es ein großes Tabu gibt für Männer, über Ängste und Hilflosigkeit zu sprechen.

Ganz was anderes, das mensch aber auch auf jeden Fall entmysthifizieren sollte ist die Legende, dass Frauen nach der Geburt irgendwie ausgeleiert seine. Natürlich schadet Beckenbodentraining nicht. Aber genauso wenig, wie die Vagina durch „zu viel“ Sex geweitet würde, genauso wenig tut sie es durch ein Kind. Sie ist kein Schlauch sondern passt sich immer flexibel an.

Was sich vielleicht tatsächlich in der Wahrnehmung verändern könnte – aber darüber muss mensch als Paar halt auch reden: Wie der Busen gesehen wird. Unsere Gesellschaft ist sehr brustfixiert. Und kommt mensch plötzlich drauf: upps, das ist ja für was anderes gedacht. Da kann es schon passieren, dass es zu Schwierigkeiten auf beiden Seiten kommt, Brüste noch als sexuell wahrzunehmen. Da kann auch mal die Milch stören, die plötzlich raustropft, oder vielleicht wird die eine oder andere auch ein bisschen gefühlstaub und Berührungen haben nicht mehr den gewünschte Effekt.

Stillen ist keine Verhütung, besser keinen Sex im Wochenbett und immer wieder liest man, dass Eltern so viel mit dem Kind kuscheln, dass Körperkontakt oft ausreicht. Sonst wird das Sexualleben junger Eltern meist kaum besprochen. Was rätst Du jungen Eltern, die Dich aufsuchen? 

 

 

Kaffee MethapherWie gesagt, suchen mich ja Eltern nicht zu diese Themen direkt auf. Dafür ist das Thema viel zu schambesetzt. Aber in Interviews und Magazinen werde ich immer wieder danach gefragt. Das was mensch raten kann, ist sich mal folgende Fragen zu stellen:

 

1.) Sind wir mit unserem Sexleben zufrieden? (Wenn ja, warum dann daran herummäkeln?)
2.) Wie wichtig ist Sex für unsere Beziehung? (Wenn Sex sehr wichtig ist, dann müssen wir uns wohl Zeit dafür schaffen – wenn es daran liegt – und einmal ausmisten, was an Tätigkeiten/“Verpflichtungen“ dafür weggelassen werden könnte. Wenn es nicht an der Zeit liegt, sondern an anderen Faktoren, ist auch die Frage da: Was können wir weglassen oder ändern? (zB in punkto Schlaf – abwechselnd ausschlafen am Wochenende?) oder wie können wir daran arbeiten (zB in punkto Schmerzen, fehlende Libido oder fehlende Leidenschaft).
3.) Welche Erwartungen haben wir an unser Sexleben? ( Woran oder an wem orientieren wir uns? An Zeitschriften, die uns sagen, was wir noch alles tun müssten und an Erfahrungen haben sollten? An Bekannten, bei denen das alles kein Problem ist? An unsere Beziehungen vor dem Kind? An unserem Single-Leben? Was wünschen wir uns für unser Sexleben unbedingt? Was ist das dringlichste, das sich ändern soll? Wäre öfter schon besser, auch wenn öfter trotzdem leiser und schneller ist als früher? Wäre gleich „selten“ ok, wenn es dafür leidenschaftlicher und intensiver zur Sache geht? Wo liegen unsere Prioritäten?)

 

Bei Schmerzen ist das Thema so komplex, das kann so viele Gründe haben. Auch bei unterschiedlicher Lust. Im Grunde ist dabei nur eines wichtig: Wenn es weh tut, oder wenn eine*r nicht will: Nicht überreden oder krampfhaft etwas versuchen. Das erzeugt nur noch mehr Druck und ist abgesehen davon grenzüberschreitend. Wenn wir mit Jugendlichen das Thema haben, dass der*die Partner*in nicht will, komm oft einmal die Antwort: „Dann hab ich immer noch meine Hand.“ Die Erwartungshaltungen schwirren sowieso im Kopf herum, frustriert ist die Person, bei der es „nicht funktioniert“ ebenfalls. Über beides lässt sich reden nach dem Motto „geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Gegenseitiges Einfühlungsvermögen wäre da spitze. Aber Überreden, oder halt trotzdem mitmachen schadet nicht nur der Beziehung, sondern dem Gefühl eigene Grenzen und die von anderen wahrnehmen und respektieren zu können. Und das ist das aller höchste Gut, wenn es um Sexualität geht.

 

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Katja.

 

Katja ist für  liebenslust*-Zentrum für Sexuelle Bildung und Gesundheitsförderung tätig, von dort stammen auch die Grafiken. Außerdem betreibt sie den krachbumm-Blog. Die Fotorechte von Katjas Porträtbild liegen bei Anna Lisa Chang.

 

Ebenfalls Lesenswertes zu dem Thema gibt es beim Mamablog von Einerschreitimmer: Dort zeigt Anne satirisch auf, warum sie heute keinen Sex haben wird.

 

Bisherige Expterten-Interviews zum Nachlesen: Schlaf mit Nora Imlau, Trotzphasen mit Katja Seide und Reitpädagogik mit Miriam Neudeck und Stillen mit Anna Hofer.

 

Sarah mit Großfamilie
Familienrollen

Großfamilie: „Geschwister sind wie beste Freunde, sie kennen dich einfach wirklich gut.“

Jeden Donnerstag erscheinen hier die Familienrollen, die eine andere Familie vorstellen. Diese Woche erzählt Sarah (von Schwesternliebeundwir), wie sie das Leben in der Großfamilie geprägt hat und welche Dinge, sie auf jeden Fall aus ihrer Ursprungsfamilie übernehmen will. 

 

 

Du bist Mutter von zwei Mädchen und kommst selbst aus einer sogenannten Großfamilie: Wie war das Aufwachsen in dieser? 

 

 

Sarah mit TochterIch habe fünf jüngere Geschwister, zwei Brüder und drei Schwestern. Wir vier Großen sind sehr dicht hintereinander geboren. Meine beiden jüngsten Geschwister kamen mit einem deutlich größeren Abstand dazu.
Ihre Geburten habe ich sehr stark wahrgenommen. Vor allem in der Babyzeit meines kleinen Bruders haben meine Schwestern und ich oft auch Mama-Aufgaben übernommen. Ich war damals zum Beispiel gerade in der 12. Klasse und hatte morgens öfter später Schulbeginn. Es war damals selbstverständlich, dass ich aufstand wenn mein Bruder aufwachte und ihn erst einmal anzog und wickelte. Auch für meine Schwestern waren solche Aufgaben immer normal.

 
Für mich war das Leben mit vielen Kindern immer selbstverständlich. Mein Papa kommt selbst aus einer Familie mit 11 Kindern. Inzwischen sind knapp 40 Cousins und Cousinen! Wenn wir früher ein Familientreffen veranstaltet haben, mussten wir ein komplettes kleineres Hotel mieten.
Auch die Freunde meiner Eltern hatten alle immer mindestens drei Kinder. Die meisten mehr. So empfand ich als Kind auch Familienkonstellationen von 10 oder mehr Kindern nicht als außergewöhnlich. Ich kannte es wirklich nicht anders, denn meine Eltern umgaben sich zum größten Teil nur mit Großfamilien.
Da ich nicht wirklich in den Kindergarten ging und zu anderen Kindern nur sehr lockere Kontakte im Ballett- und Musikschulunterricht knüpfte, kam ich auch selten mit anderen Familienmodellen in Kontakt.

 

 

Das Gefühl, dass wir mehr sind kam erst sehr spät. Ich glaube da war ich schon 11 oder 12 Jahre alt. Ich besuchte einfach öfter allein meine Freunde aus der Schule und merkte dann schnell, dass viele Familien anders sind.

 

Mir kamen „Kleinfamilien“ immer komisch vor und ich habe mich oft gefragt, ob den Kindern da nicht langweilig wird.

Ich habe diese große Familie schon immer als etwas Wunderbares empfunden. Auch heute noch. Meine Geschwister und ich genießen es sehr, wenn wir alle zusammen sind. Mit unserer erweitern Familie geht es uns nicht anders. Zusammen mit meinen Cousins und Cousinen veranstalten wir aller 2-3 Jahre ein Treffen. Wir alle gehen da total gerne hin und merken immer wieder wie erstaunlich ähnlich wir uns doch sind. Es ist einfach total schön so eine große Familie zu haben, die auch wenn sie sich nur sehr selten sehen kann, so viele Gemeinsamkeiten hat.

Auch wenn das jetzt alles sehr harmonisch klingt, so ist es an vielen Stellen natürlich auch Schwierigkeiten wenn so viele Menschen so eng zusammenleben. Meine Mama, die Maschinenbauingenieurin ist, hat zum Beispiel nicht gearbeitet. Da sie ihre Arbeit wirklich geliebt hat, war das natürlich manchmal etwas schwierig für sie. Auf der anderen Seite wollten meine Eltern natürlich auch genau dieses Familienmodell. Das Schöne war, dass mein Papa jahrelang als Sänger am Theater gearbeitet hat. Er konnte sich immer morgens um uns Kinder kümmern und ging dann vormittags zur Probe. Am Nachmittag war er wieder Zuhause und hatte Zeit für uns. Er fuhr zum Beispiel immer mit mir zum Ballettunterricht. Am Abend hatte er dann meist wieder Proben oder Auftritte.

 

 

Welche Vorteile ziehst Du heute daraus, mehrere Geschwister zu haben?

 

 

Mit meiner Schwester, die nur 1,5 Jahre jünger als ich ist, habe ich wohl schon immer das engste Verhältnis. Trotzdem ist sie nicht wirklich mein Lieblingsschwester. Alle meine Geschwister haben komplett unterschiedliche Charaktere und so sind sie immer auf die eine oder andere Weise eine Lieblingsschwester oder -bruder.

Genau da liegt wohl auch der große Vorteil. Mit meinem Bruder würde ich zum Beispiel nicht zusammen kochen, mit der einen Schwester macht shoppen Spaß, mit der anderen Ausflüge in den Wald. Ich bin zum Beispiel immer der Ansprechpartner, wenn wir irgendetwas für unsere Eltern organisieren wollen.

Geschwister sind wie beste Freunde, sie kennen dich einfach wirklich gut. Ich würde fast behaupten meine Geschwister wissen das meiste über mich, da wir wirklich viel zusammen waren. Bei so vielen Geschwistern habe ich immer für jede Situation den richtigen besten Freund.

 

Wenn Du Dich an Deine Kindheit zurück erinnerst: Wie wurde Euch als Großfamilie begegnet?

 

Ich kann mich nicht an negative Reaktionen erinnern. Das liegt wohl einfach daran, dass wir die meiste Zeit einfach mit Familien verbracht haben, die auch viele Kinder haben.

Meine Oma mütterlicherseits hat immer ganz stolz ihren Freundinnen und Kolleginnen erzählt, dass ihr Tochter so viel Kinder hat – und die auch alle noch von einem Mann! Die Familie meiner Mama ist klein, sehr klein. Sie selbst ist ein Einzelkind und viele in ihrer Verwandtschaft empfanden es immer als wunderschön, wenn mal so viele Kinder da waren.

Du hast einen sehr berührenden Blogbeitrag geschrieben, dass Du hoffst bald mit dem dritten Kind schwanger zu sein: War Dir von Anfang an klar, dass Du auch eine Großfamilie gründen möchtest? Das ist man ja in Deutschland bereits mit drei Kindern. 

 

 

Sarah mit Mann und KindernInzwischen bin ich ja schwanger. Eine Schwangerschaft, auf die ich wirklich lang gewartet und gehofft hatte. Und ja, für mich war es immer klar mindestens 3 oder 4 Kinder zu haben. Ich könnte es mir wirklich nicht vorstellen „nur“ zwei Kinder zu haben. Christian und ich sind da glücklicherweise komplett auf einer Wellenlänge: wir wollten immer früh Kinder und auch definitiv mehr als zwei.

Geschwister sind einfach etwas Wunderbares. Das spüre ich jeden Tag bei meinen Töchtern, die wirklich einen wundervollen Umgang miteinander haben.

 

 

Was möchtest Du Deinen Kindern mit auf den Weg geben? 

 

Dass es nichts Wichtigeres gibt als Liebe und Zeit. Genau das haben meine Eltern immer wieder gelebt. Unsere Familie stand immer an erster Stelle. Meine Eltern hatten oft Geldprobleme, Probleme die wir als Kinder nie gespürt haben. Denn sie wurden einfach nicht so wichtig genommen, wie die gemeinsame Zeit miteinander. Meine Eltern wären nie auf die Idee gekommen mehr zu arbeiten um mit uns jedes Wochenende teure Ausflüge zu machen. Ausflüge waren für mich immer Waldspaziergänge, Besuche bei befreundeten Familien oder ein Ausflug zu meinen Großeltern. Ich habe nur selten einen Zoo von innen gesehen und im Kino war ich einmal mit meinen Eltern. Auch gingen unsere Urlaube bis maximal an die Ostsee und fanden auch oft in kleinen Bungalows oder auf Zeltplätzen statt. Wir hatten trotzdem immer eine wunderschöne Zeit zusammen. Zeit die sich meine Eltern immer gern genommen haben und die wertvoller für mich war als all das materielle.

 

Vielen lieben Dank, Sarah.

 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.