Kultur mit Kind, Meinung

Ein Wochenende in Bildern: Deutschland wählt: Ich nicht.

Berlin ist zugepflastert mit Wahlplakaten. Sie sind überall. Es gibt die wirklich gruseligen der AFD, die sagen, dass man sich hier zu Lande „Neue Deutsche selber macht“ und die weniger gruseligen von anderen Parteien. Manche sind beschmiert. Manche sind es nicht.

 

Ich schaue sie mir alle an, wenn ich mit dem Auto dran vorbei fahre. Es sind Plakate für Politiker, die in dem Land, in dem ich lebe, regieren wollen: Sie wollen Stimmen. Meine kriegen sie alle nicht. Denn obwohl ich seit 13 Jahren in Deutschland lebe, habe ich hier keine Stimme.

 

Mein Wochenende besteht also nicht aus Aufrufen zur Wahl: mein Wochenende hat mit der Wahl wenig zu tun.

 

Wir gehen spazieren. Zu Fünft.

 

Wir gehen durch den Prenzlauer Berg zu Viert und hängen dort ab.

 

Wir essen Kuchen.

 

Kein Bild. 

Sonntagnachmittag verschwindet mein Mann kurz. Und wählt.

 

Aber natürlich darf ich auch wo wählen. An einem Ort an dem ich schon lange nicht mehr wohne, deren Politik aber mir dennoch nicht egal ist. Aber dafür habe ich noch ein bisschen Zeit.

 

Heute bin ich erstmal mit ängstlich, denn auch wenn das Land meine Stimme nicht haben will, werde ich die Auswirkungen spüren und hoffe auf ein gutes Ergebnis.

 

Was ist mit Euch: Ward Ihr wählen?

 

Mehr Wochenenden in Bildern gibt es wie immer bei Susanne von Geborgen Wachsen: Sicher auch mit dem einen oder anderen Selfie aus der Wahlkabine. 

Kultur mit Kind, Schöne Dinge, Unterwegs

Kinderhotel Post: Unser Ausflug nach Unken (Pressereise)

Wir sind die Urlauber, die gerne einen Rückzugsort haben. Wir sind die Urlauber, die gerne in die Einöde fahren. Wir sind aber auch die Erwachsenen, die es als Kinder toll fanden, wenn sie dort Urlaub gemacht haben, wo Gewusel war. Als Kinder waren wir Eltern (getrennt, nicht gemeinsam) in italienischen Appartments, in Clubanlagen und auf Campingplätzen unterwegs und fanden die vielen Leute dort toll.

 

Vielleicht auch unsere Kinder? Das wollten wir rausfinden und so ging es für drei Tage nach Unken ins Kinderhotel Post. Ob ein Hotel, das extra für ganz kleine Leute konzipiert wurde, für uns Erwachsene auch entspannend sein kann? Genau das wollten wir herausfinden.

 

Sonntagnachmittag: Unser Urlaubsort Unken ist im Salzburger Land. Da wir Familie ums Eck haben, und immer ein bisschen auch in Österreich Zuhause sind, war unsere Anreise vergleichsweise kurz. Der Parkplatz ist bereits voll und wir sind gespannt, was uns erwartet.

 

Am Empfang macht uns ein netter Typ mit dem Hotel vertraut, führt uns durchs Hotel und während die Jungs sich kurz zum Frischmachen auf die Toilette verziehen, verrät er uns Mädels, wo er eigentlich herkommt. Er ist aus Berlin.

Wir kommen gerade rechtzeitig, um die Nachmittagsjause noch zu genießen. Brötchen, Obst und Kuchen: Ich verliebe mich ein bisschen in die Sacherschnitten und bin ein klein wenig irritiert, weil anscheinend jeder hier Mitte 30 ist und alle Kinder im Alter zwischen 1 und 4 haben. Auf der Heimfahrt werde ich mir selbst die Antwort dazu geben: In Österreich ist gerade Ferienbeginn, größere Kinder haben einfach schon anderswo zu tun.

 

Den Nachmittag verbringen wir in der hoteleigenen Therme: Bei 35 Grad schwimmen wir ins Freie und sind begeistert, obwohl der Parkplatz voll war, verläuft es sich. Kein Gewusel, kein Geschrei und im Kinderbecken ein paar Leute, die einen wirklich netten Eindruck machen.

 

Auf 18 Uhr ist das Kinderbuffet geplant, für Erwachsene kommt es dann später: Ein bisschen habe ich Angst, dass sich jetzt gleich 50 Kinder gegenseitig mit Nudeln mit Tomatensauce bewerfen. Mein Sohn mag keine Tomaten.

 

Doch ich werde überrascht: Wir werden in eine ruhige Ecke geführt. Die Jungs holen sich beim Kinderbuffet etwas für die Kleinen, mein Junge zapft sich seinen Apfelsaft und während die Kinder fröhlich Nudeln und Gemüse (nur eine davon mit Tomaten) essen, beginnt unser 4-Gänge-Menü. Hatte ich schon mal erwähnt, dass ich – neben Kuchen – österreichisches Essen wirklich, wirklich liebe? Für den Nachtisch bin ich kurz weg, weil Smiley (großes gelbes Plüschtier) die Kinder – und manche Eltern – zum Tanz holt.

 

Mein Junge liebt es. Alleine dort bleiben will er aber nicht, zu fremd ist noch die Umgebung und die Leute.

 

Montagmittag

Gesundes Frühstück geht im Hotel gut.

Nach einem fulminanten Frühstück (Ich liebe Hotelfrühstück!) haben wir einen kleinen Ausflug in den benachbarten Bikepark Leogang gemacht. (Demnächst mehr dazu auf unserem Zweitblog Radfamilie.de)

 

Wieder zurück im Hotel: Bevor wir erneut ins Schwimmbad gehen wollen, entdecken wir den Indoor-Spielplatz. Mit einer Rutsche geht es ins Nirgendwo. Kein Problem für die Kinder. Aber ein großes für die Mutter. Heldenhaft schwinge ich mich mit runter und wir laden im Bälleparadies, und jeder Menge Zeugs für Kinder zwischen 1 und 6. So wie unsere eben.

 

Ein Traum.

Das Abendessen ist wieder ein Gedicht, und Smiley mittlerweile ein guter Bekannter: Vielleicht wäre mein Junge sogar geblieben, aber das Thema „Kräuter“ lockt nicht ganz so wie am Vortag die Kinderdisco.

 

Dienstagabend

 

Schön langsam kommen wir hier in einen richtigen Rhtythmus rein. Den regnerischen Vormittag haben wir außer Haus verbracht, um am Nachmittag den Garten zu erkundigen. Traumhafte Spielplätze und jede Menge Bobby Cars sind zu finden. Und ein ultimativer Tipp von meinem Mann: Spätestens wenn man mit den Kindern auf dem Spielplatz ist, ist klar: Nur eine Hose mit in den Urlaub zu nehmen, das ist echt eine blöde Idee.

Wir wandern über das Gelände und entdecken ein kleines Tretboot, das frei zugänglich ist: die Jungs drehen eine Runde übers Wasser und wir Mädels wandern mit dem Leihbuggy weiter.

 

Unser Wasser-Ausblick.

Dann geht es natürlich wieder in den Pool: Mein Junge hat einen Freund gefunden, und ich bin mit der Mutter so warm geworden, dass sie mir kurz ihr Baby anvertraut. Wir scheinen anzukommen. Und dann ist auch schon wieder Abend, das wunderbare Essen, das ich hier auch mal einzeln verbloggt habe, kommt und Smiley lädt zum Tanz.

 

Unser Bett.

Im Kinderhotel haben wir übrigens Premiere: Beide Kinder schlafen gemeinsam in einem Zimmer und im Großen und Ganzen hat das wirklich gut funktioniert. Zum Abschluss des Tages geht mein Mann noch nachtschwimmen: Vom Fenster aus, sehe ich ihm zu, wie er seine Bahnen zieht. Kurz nachdem er zurück kommt, geht auch das Wasser schlafen. Jede Nacht wird das Wasser zur Reinigung in ein zweites Becken unter die Erde gepumpt.

Zimmer-Aussicht.

 

Mittwochmorgen

 

 

Am frühen Morgen will mein Junge immer schauen, ob das Wasser schon zurück ist und gleichzeitig wird klar: Heute geht es nicht baden. Der Urlaub neigt sich dem Ende zu. Nur noch einmal frühstücken und dann geht es nach Hause.

 

Wie wir unseren ersten Kinderhotel-Besuch fanden?

Unser Fazit: Wir fanden es wirklich schön, und haben fest vor – das müssen wir auch fast zwei Wochen später unserem Jungen immer mal wieder zusichern – wieder nach Unken zu fahren.

Das Essen – nur falls das nicht deutlich wurde – war phantatisch und auch die Möglichkeiten, wie man sich als Familie gut beschäftigen konnte, waren super.

Über die Kinderbetreuung können wir wenig sagen, da wir die Animation auch nur am Rande mitbekommen haben, vermuten aber, dass unser Junge bei einem erneuten Besuch diese in Anspruch nehmen möchte.

Auf den ersten Blick fanden wir die Preise etwas hoch, was vermutlich daran liegt, dass unsere Kinder die Betreuung gar nicht genutzt haben. Für Eltern, deren Kinder etwas älter sind, oder Familien, die einfach gerne diese Betreuung nutzen möchte, hat der Preis schon wieder eine ganz andere Berechtigung. .

 

Und was ich wirklich, wirklich toll fand: Wir fühlten uns alle total erholt.

 

Wie ist das bei Euch: Ward Ihr schon mal in einem Kinderhotel?

 

Der Beitrag entstand im Rahmen einer Pressereise: Unsere Meinung bleibt davon unbeeinflusst. 

Alltag, Familienrollen

Langzeitstillen: „Wir haben für uns keine Deadline geplant, was das Stillen betrifft.“

Langzeitstillen: Mit fünf und zwei Jahren stillt Julia ihre beiden Kinder immer noch. Wie ihr Umfeld drauf reagiert, was ihr Mann davon hält, warum sie grad kindergartenfrei leben und noch mehr: Das erzählt Julia mit Gatten Max  im Familienrollen-Interview. 

 

Sehr schnell spricht man in Deutschland davon, dass Langzeitstillen ab sechs Monaten der Fall ist. Julias Stillzeit geht da deutlich drüber, wie kam es dazu? 

 

 

Julia: 
Ich wollte immer stillen und hatte mich belesen, was mir zum Teil sehr geholfen hat. Zum Beispiel konnte ich, als die Schwester im Krankenhaus mir sagte, ich solle doch besser nur alle 4 Stunden stillen, müde lächeln und weiter mit meinem süßen Tochterkind unser Ding machen.

 

Aber da stand eben auch noch der ganze Kram von Mahlzeiten die nach 6 Monaten Stillmahlzeiten ersetzen und zum Abstillen führen sollen. Das war also mein Plan. Gut, dass ich später weitere Quellen hatte und viel auf mein Gefühl und mein Kind hörte.
Trotzdem hätte ich ganz sicher niemals so lange gestillt, wenn es nicht so einfach gewesen wäre.

 

Meine Kinder haben beide sehr schnell nur 5-10 Minuten gestillt, ich hatte nie eine Entzündung, keinen Milchstau und schon nach wenigen Wochen lief meine Brust nicht mehr aus, so dass ich keine Stilleinlagen brauche. Das Tandemstillen hab ich auch nicht geplant. Für mich wäre es vollkommen ok gewesen, wenn meine Tochter sich abgestillt hätte. Nur die kommt nach mir – ziemlich stur.

Max: Für mich war das selbstverständlich. Babys werden halt gestillt. Und irgendwie hat es bis heute angehalten. Ich habe gesehen, dass sich Julia und die Kids mit dem Stillen sehr schnell „eingegrooved“ haben und dann war das in Ordnung. Es gab zwischendurch mal ein paar „Hänger“ auf meiner Seite als meine Tochter die Flasche so gar nicht nahm, weder mit abgepumpter Milch noch mit Milchnahrung. Das hat mich frustriert. Unser Sohn nahm die Flasche besser an, das war echt entspannter. So konnte ich auch auf alle Bedürfnisse eingehen und wir waren von Julia nicht abhängig.

Wir haben für uns keine Deadline geplant, was das Stillen betrifft. Julia und die Kinder stillen bis einer der Protagonisten damit nicht mehr kann. Entweder hören die Kids selbst irgendwann auf oder Julia wird es vielleicht irgendwann mal zu viel und sie stillt ab.

 

In meinem Umfeld habe ich noch nie mitbekommen, dass jemand als Langzeitstillende herbe Kritik ernten musste. Nun kenne ich aber auch – außer Dir – niemanden, der länger gestillt hat, als zweieinhalb Jahre. Wie geht Dein Umfeld damit um? 

 

 

Julia: Ich hatte eigentlich fast nur positive Erlebnisse, mit Menschen, die mich bestärkt haben oder anderen, die mich neugierig gefragt haben, warum ich länger stille. Am nervigsten war die ständige Fragerei um den ersten Geburtstag herum: Stillst Du IMMER NOCH? Das hat sich mit der Zeit zum Glück gegeben. Allerdings sehe ich oft die Blicke, die nicht mal abwertend sein müssen, und mag es mittlerweile nicht mehr, die Große überall zu stillen.

 

Ich fühle mich einfach sehr auf dem Präsentierteller und hier im Netz habe ich tatsächlich schon sehr fiese Sprüche als Reaktion auf Artikel lesen müssen. Daher „weiß“ ich auch, wie negativ manche Menschen denken, wenn sie uns sehen. Stillen soll aber etwas Schönes sein – deshalb gehe ich auch da nach dem Gefühl.

 

Max: Es gibt Situationen, in denen Julia verwundert gefragt wird, warum sie denn immer noch stillt. Wir beide erklären es dann.

 

Ich denke, wenn Menschen sehen, dass wir beide dieselbe Meinung vertreten, wird das irgendwie schneller akzeptiert. Es kommt trotzdem noch oft zu verwunderten Blicken und ich merke wie der gesellschaftliche Blick es nicht als normal empfindet. Ich empfinde schon mit steigendem Alter der Kinder auch den steigenden Druck der öffentlichen und gesellschaftlichen Wahrnehmung auf uns und die „Stillsituation“.

 

Eure Kinder werden kindergartenfrei erzogen: Warum habt Ihr Euch dafür entschieden?

 

Max: 
Puh, eine „große“ Frage! Dass wir unsere Kinder kindergartenfrei begleiten war keine bewusste Entscheidung, sondern ist eher aus der Not heraus entstanden. Unsere Tochter war in jungen Jahren eher ein „vorsichtiges Kind“ und brauchte sehr viel Rückversicherung von unserer Seite bevor sie begann, sich anderen Menschen zu öffnen und mit diesen zu interagieren. Wir haben uns in unserem Städtchen ein paar Kindergärten angeschaut und haben uns für einen entschieden, der nach unserer Meinung noch am ehesten ihr und zu unserem „gelebten Beziehungsmodell“ passte. Damals war sie 2,5 Jahre alt. Es gab mehrere Gründe warum es letzten Endes doch nicht passte und wir beschlossen unsere Tochter wieder abzumelden.

 

Wir werden jetzt ab Oktober noch mal einen Versuch starten und sind sehr auf den Ausgang gespannt. Unser Sohn ist noch sehr jung und wir sind in der glücklichen Lage, dass wir Eltern beide einen sehr großen Teil im Homeoffice arbeiten können. So sind wir nicht auf einen Kitaplatz für ihn angewiesen. Er ist wesentlich offener anderen Menschen gegenüber und ich kann mir vorstellen, dass hier die Kitaeingewöhnung anders laufen könnte. Wir werden sehen.

 

 

Wir leben also nicht überzeugt kitafrei, zumindest ab einem gewissen Alter nicht mehr. Allerdings wollen wir, dass unsere Kinder und wir uns damit wirklich wohlfühlen.

 

Julia, Dein eigener Beruf scheint sich erst durch die Kinder geformt zu haben: Was genau machst Du?

 

Julia: 

Ja, das stimmt. Ich wollte zwar nach der Insolvenz meines letzten Arbeitgebers ohnehin wieder umsatteln, weswegen ich die Ausbildung zur Heilpraktikerin Psychotherapie gemacht habe. Dass ich nun keine Therapie anbiete und es genau diese Ausbildung geworden ist, liegt sicher an meinen Kindern. Ich arbeite jetzt als bindungs- und beziehungsorientierte Eltern- und Familienberaterin.

 

Etwas, dass mir so unglaublich viel Spaß und Energie bringt, dass es sich wirklich wie ein Beruf oder eine Berufung anfühlt. Ich begleite Familien zum Beispiel bei wiederkehrenden Konflikten, Schwierigkeiten mit Entwicklungsphasen oder auch Kita- und Schulproblemen. Dabei liegt mein Schwerpunkt darauf, mit den Eltern gemeinsam einen guten Weg zu finden, der alle Familienmitglieder und deren Bedürfnisse berücksichtigt. Was als auffälliges Verhalten gesehen wird, wird dabei noch mal anders eingeordnet, da ich versuche, darin die Emotionen und dahinterliegenden Bedürfnisse zu entschlüsseln.

 

Ich empfinde es als großes Glück, dass immer mehr Familien auf klassische, strenge Erziehung verzichten wollen. Doch das ist zum Teil wirklich nicht einfach denn die meisten sind selbst so aufgewachsen. Dazu kommt, dass auch die Gesellschaft oft noch erwartet, dass Kinder gemaßregelt, bestraft und mit Macht dominiert werden sollen. Das verunsichert sehr. 
Gemeinsam suchen wir also Handlungsalternativen und Bestärkung, den ganz eigenen Weg zu finden. Je sicherer Eltern sind und je besser die Bedürfnisse aller gesehen werden, desto zufriedener ist die Familie. Und Menschen von außen bringen einen dann auch nicht mehr so aus der Ruhe.

 

In nicht allzu ferne Zukunft geht Eure Tochter in die Schule: Wie bereitet Ihr Euch darauf vor?

 

Max:
Die Schule, ja das ist so eine Sache. Julia ist ein großer „Fan“ von freien Schulen. Ich musste mich erst mit dieser Art Schule vertraut machen und auch Vertrauen darin finden, dass auch meinem Kind, trotz des sehr offenen Schulkonzepts, „etwas wird“. Hier stellt sich die Frage nach dem Focus, bzw. was man für sein Kind in der Zukunft will.

 

Wir haben uns daraufhin in der Region zwei „freie Schulen“ angeguckt, da uns klar ist, dass eine „normale Regelschule“ für uns nicht in Frage kommt. Nach einigem Hin und Her und mit schwerem Herzen haben wir aber von der freien Schule in unserer Region Abstand genommen. Das liegt nicht an deren Konzept, von dem wir nach wie vor überzeugt sind, sondern eher an den sehr gravierenden Rahmenbedingungen (Umzug, sehr teure Umgebung). 
In unserem Städtchen gibt es seit sehr kurzer Zeit eine Montessori-Schule, auf der wir nun unsere Kinder sehen. Auch, nicht nur, aufgrund der Schule haben wir den Entschluss gefasst, es nochmal mit der Kita im letzten Jahr vor der Einschulung zu versuchen, um unserer Tochter den Übergang von Vollzeit zuhause zu Ganztagsschule zu erleichtern. Wir hoffen hier für uns einen guten „Mittelweg“ zu finden.

Was ich an Euch toll finde: Ihr wirkt online immer beide so bedächtig. Julia, noch ein bisschen mehr: Woher nehmt Ihr diese Gelassenheit?

 

 

Max: Gelassenheit? Entschuldige, ich musste kurz lachen. Vielleicht kommt es als Gelassenheit an und es gibt bestimmt viele Situation und Themen bei denen ich inzwischen mit Gelassenheit reagieren kann, aber im gelebten Alltag kann es schon mal anders aussehen. Da bin ich auch schon mal genervt, überfordert und grumpy. Ich bin schon ein Mensch der erst mal jede Meinung zulässt. Ich möchte versuchen vom „Schubladen-Denken“ wegzukommen und Menschen offen zu begegnen. 
Die „Bedächtigkeit“ kommt dann vielleicht durch gegenseitige und eigene Reflektion. Bedürfnisorientiertes Familienleben setzt ein gewisses Maß an Reflektion voraus. Das hilft schon, manche Themen dem Gegenüber in Ruhe näher zu bringen.

 


Julia: Ich frage mich auch gerade: Bin ich so gelassen? Kommt sicher auf die Situation an. Im Netz kann ich natürlich gut überlegen, was ich wann schreibe oder wo ich es besser nicht tue. Das wirkt dann vielleicht ruhiger als im echten Leben, wo ich mich eher als temperamentvoll, emotional oder sogar launisch beschreiben würde. 

Tatsächlich arbeite ich da sehr an mir, an meinen Fähigkeiten, Konflikte zu lösen, an gewaltfreier Kommunikation, Achtsamkeit und auch an meinen eigenen Themen aus der Kindheit. Dazu hat mich die Zeit und Erfahrung als Mutter schon etwas gelassener gemacht, weil ich unseren Weg nun besser kenne. Am Anfang hat mich Kritik von außen viel stärker getroffen und aufgewühlt.

 

Vielen lieben Dank für das Interview, Ihr beiden. 

 

Mehr von den beiden gibt es auf dem Blog „Die gute Kinderstube„.

 

Zum Thema Langzeitstillen gibt es hier das Interview mit der Stillberaterin Anna.

 

Julia und Max sind erst das zweite Partner-Interview: Den Anfang machten Jane und Nina, die über das Coming Out von Nina und dem Umgang damit im Interview sprachen. Auch sehr lesenswert.

Alltag, Elternfragen, Kultur mit Kind, Schöne Dinge

Muttergefühle inkl. Gewinnspiel: Die großartige Rike Drust verrät, warum sie über Hämorrhoiden schreibt

Immer am Dienstag gibt es die Elternfragen: Heute mit Rike Drust, Autorin der unglaublich lustigen Bücher „Muttergefühle 1 und 2 “ und Meisterin dafür, warum man sich als Mutter nicht stressen lassen sollte. 

 

Und zu gewinnen gibt es auch zwei Bücher: Viel Spaß. 

 

Muttergefühle war eines der lustigsten Bücher, die ich je gelesen habe. Muttergefühle 2 scheint dem in nichts nachzustehen: Wächst Dein Humor proportional mit Deiner Familie?

 

Also, als der Mann die ersten neuen Kapitel aus Muttergefühle. Zwei gelesen hat, fand er das gar nicht so lustig. Und zwar nicht, weil er relativ viel kritisiert wird, sondern weil es es tatsächlich auf den ersten Blick nicht so lustig fand. Und im Vergleich ist das zweite vielleicht tatsächlich ein bisschen weniger holzhammerig, was den Humor angeht. Ich habe in den letzten Jahren immer mehr Menschen, Situationen und so weiter von meiner Lustigmachliste gestrichen und manchmal auch mal kurz gedacht „Darf man denn in diesem Land über gar nichts mehr lachen?“. Aber ich habe festgestellt, dass ich, nur weil ich über Äußerlichkeiten keine Witze mehr mache, mein Leben trotzdem noch sehr lustig ist. Weil ich selbst eine ziemlich gute Witzfigur abgebe und weil ich oft schaffe, auch über eher nervige Dinge zu lachen.

 

 

Du schreibst mit viel Humor vor allem aber auch davon, dass Du Dich beim zweiten Kind nicht mehr so stressen hast lassen, wie beim ersten: Was rätst Du all jenen, die sich noch stressen? 

 

Ich lasse mich nicht mehr so sehr von Artikeln und Meinungen verunsichern, die hinterrücks rufen: „ABER DU BIST NICHT LIEBEVOLL GENUG“ oder „DEIN KIND WIRD VOLL DAS ARSCHLOCH, WENN DU JETZT NICHTS MACHST“. Genau genommen halte ich mich von allem fern, was irgendwie anfängt, mir zu konzeptionell oder sogar zu dogmatisch werden.
Und: Was ich irgendwann gemerkt habe, war, dass ich mich, wenn ich gestresst war, auch noch davon stressen ließ, DASS ich gestresst war. Das habe ich dann versucht zu verheimlichen, weil ich eben lieber die coole, souveräne Mutter sein wollte. Das war sehr anstrengend, das mach ich nicht mehr. Wenn ich zum Beispiel beim Stillen in der Öffentlichkeit hektisch wurde, weil das Kind brüllte, habe ich statt Pokerface lieber auf grinsend meine hektischen Schweisstropfen aufmerksam gemacht. Ehrlich mit meinen Gefühlen und meinen „Fehlern“ umzugehen, nimmt mir viel Stress und sorgt oft Situationen, in denen andere Eltern erleichtert sagen, dass es ihnen genauso geht.

Bereits im Vorwort weist Du darauf hin, dass in dem Buch auch eine Hämorrhoide vorkommen wird: Ich bin noch nicht ganz durch, habe sie aber noch nicht entdeckt. Warum glaubst Du, dass dieses Buch diese Art von Körperlichkeit braucht? 

 

Dieses Kapitel wollte ich eigentlich gar nicht schreiben, weil ich es zuerst so peinlich fand. Aber dann bin ich während des Schreibens in die Offensive gegangen und habe das Kapitel meiner besten Freundin im Fussballstadion vorgelesen. Dabei habe ich erstens gemerkt, dass wir vorher nicht ein einziges Mal darüber gesprochen hatten, es aber wirklich Gesprächsbedarf gab. Wir waren beide erleichtert und haben sehr viel gelacht. Außerdem fehlte mir an den Texten, die ich zu Thema Körperliche Veränderungen ums Kinderkriegen hatte, die deutliche Aussage: „Ja, du pinkelst vielleicht in den Kreisssaal, aber das wirklich Schräge daran ist, dass es in dem Moment einfach passiert und ganz normal ist.“

 

 

Das Buch Muttergefühle handelt vom Leben mit einem Kind, Muttergefühle 2 vom Leben mit 2: Was sind die größten, schönsten und schwerwiegendesten Veränderungen für Dich? 

 

Großartig war, dass wir zu viert einen so tollen Start hatten. Wir hatten zwei Monate zusammen, in denen ich mich körperlich erholen konnte, in denen wir den Großen behutsam vom Thron schubsen konnten, in denen wir uns an die neue Konstellation gewöhnen konnten. Am schlimmsten war in der ersten Zeit zu viert der Schlafentzug. Ich hätte nicht gedacht, dass noch weniger Schlafen möglich ist und dass ich das, bis auf ein paar Falten und Kilos mehr, überleben würde. Beeindrucken tut mich immer wieder, wie unterschiedlich meine Kinder sind, wie sie mich zum Nach- und Umdenken zwingen. Ich könnte jetzt sehr lange weiter schreiben, aber das Buch ist ja schon fertig 🙂

 

 

Neben der großen Unterhaltung scheint es, als möchtest Du Deine Leser dazu bringen sich zu versöhnen, so wie Du Dich mit Deinem ersten Kaiserschnitt versöhnt hast: Was ist Deine Botschaft an die Leser des Buches in drei Sätzen?

 

Letzte Woche beobachtete ich, wie Eltern ihre Kinder in eine Kita brachten. Und da fiel mir irgendwie noch mal ganz deutlich auf, was wir eigentlich leisten. Jeden Tag kümmern wir uns, und klar, haben wir uns das selber ausgesucht, aber dafür zu sorgen, dass unsere Kinder satt sind, halbwegs sauber und sehr geliebt und dass sie fröhlich groß werden, das ist eine wichtige, anstrengende und verdammt respektable Aufgabe. Ich würde mir wünschen, dass wir Eltern selbst das viel öfter sehen und uns und unser Elternsein feiern statt an uns (und anderen) Fehler zu suchen. Und dass wir mehr reden, fragen, dass wir ehrlich sind und privat und politisch fordern.

 

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Rike: Mir als Fangirl bedeutet das sehr viel. 

 

Der Verlag war so nett mir zwei Bücher von „Muttergefühle 2“ für eine Verlosung zur Verfügung zu stellen.

 

Das Gewinnspiel ist beendet. 

 

 

Wenn Ihr dem Frühen Vogerl auf Facebook oder Twitter folgt: Freue ich mich. Für einmal teilen gibt es ein Extra-Los.

 

Rike bloggt übrigens auf infemme. 

 

Mehr Interviews im Bereich Elternfragen findet Ihr hier: So wie letzte Woche Jessi, eine Beleghebamme erzählt hat, wie es heute ist Hebamme zu sein und was Schwangere erwartet.

 

PS.: Immer mal wieder gibt es nun beim Frühen Vogerl Amazon-Partner-Links: Wenn du über diese Links ein Produkt erwirbst, zahlt du nicht mehr, aber wir kriegen ein paar Cent von Amazon: Das hilft uns dabei weiterhin kostenlos Inhalte zu erstellen. Danke.

Alltag, Kultur mit Kind, Unterwegs

Österreichisches Kinderhotel-Essen in 12 Bildern (Pressereise)

Immer am 12. des Monats gibt es hier unseren Alltag in 12 Bildern: Dieses Mal aus dem Salzburger Land.

Gesundes Frühstück geht im Hotel gut.

So viel Obst haben wir auch selten gesammelt zuhause.

Es regnet in Strömen, drum machen wir das, was wir in Salzburg immer mal wieder gerne machen: Wir düsen schnell in den Europark. Ich mag Einkaufszentren.

Die Fleischesser essen Fleisch mit Spätzle.

Suppe.

Kindergeschirr im Kinderhotel.

Ein bisschen verliebt habe ich mich in die Mini-Topfen-Palatschinken.

Eiszeit.

Schwammerlsuppe.

Gelbgrün und nennt sich Fischpflanzerl.

Der Salat war phantastisch, Mangold ist nicht mein Gemüse.

Das Beste kommt in dem Fall zum Schluss: In dieses Apfel-Tiramisu hätte ich mich gerne reingelegt.

 

Den heutigen Tag haben wir anlässlich einer Pressereise im Kinderhotel Post in Unken verbracht: Was wir dort außer essen noch so gemacht haben und wie uns das Kinderhotel sonst so gefallen hat, stellen wir Euch nächste Woche gesondert vor.

Mehr 12 von 12 gibt es wie immer bei Draußen nur Kännchen.

Elternfragen, Kultur mit Kind

Hebammen in Deutschland: „Ich muss die Frau dann weg schicken. Sie kostenlos zu betreuen, kann ich mir einfach nicht leisten.“

Wie ist die Situation von Hebammen in Deutschland, was können Frauen tun, um dieses zu verbessern und wer trägt letztlich die Kosten? Darum geht es in den heutigen Elternfragen: Rede und Antwort steht mir die Münchner Beleghebamme Jessi.

 

Du bist freiberufliche Beleghebamme in München und eine von denen, die auch immer wieder laut werden und sich stark machen für die Situation der Hebammen in Deutschland. Immer wieder kommen neue negative Schlagzeilen. Diese Woche wabert das Gerücht der ambulanten Wochenbettpflege durch alle Kanäle. Was bedeutet das?

 

Liebe Bettie, Danke für deine Fragen. Und Danke, dass du mir die Möglichkeit gibst hier auf deinem Blog laut zu werden und Aufmerksamkeit für dieses wichtige Thema zu bekommen. Denn jeder von uns wird geboren. Und es ist nicht egal, wie wir auf die Welt kommen.

 

Ich hab fast zehn Jahre Frauen im Wochenbett betreut. Ich bin alleinerziehende Mama einer kleinen Tochter. Schweren Herzens musste ich die Wochenbettbetreuung aufgeben. Ich konnte davon nicht mehr leben.

Als Hebamme in der Nachsorge fährt man nach der Geburt zu den Frauen nach Hause. Man kümmert sich um Mama und Kind. Vor allem das Stillen und die Gewichtszunahme des Neugeborenen ist in den ersten Wochen ein großes Thema. Anfangs fährt man eigentlich jeden Tag hin. Mit der Zeit werden die Abstände größer. So kann man frühzeitig Probleme entdecken bzw viele Probleme entstehen erst gar nicht.

 

Leider ist es für die Frauen in den letzten Jahren immer schwieriger geworden, eine Nachsorgehebamme zu finden.

 

Damit es rentabel ist, müsste ich eigentlich in 10-15min mit dem Besuch fertig sein. In dieser Zeit ist es nicht möglich einen qualitativ hochwertigen Wochenbettbesuch zu machen.

Mit dem Schiedsspruch vom 5.9. befürchten wir, dass die klassische Nachsorge vor Ort bei Mutter und Kind langsam verschwinden wird. Die aufsuchende Wochenbettbetreuung soll nämlich durch die ambulante Betreuung ergänzt werden. Das ist für die Krankenkassen günstiger. Die Mütter werden dann mit ihren Kindern die Hebamme in einer Praxis bzw in Kliniken aufsuchen müssen. Ich fürchte, dass die Mütter, die eine Betreuung dringend benötigen, unter gehen. Das betrifft Mütter, die eine schwere Geburt hatten, vielleicht einen hohen Blutverlust oder Probleme mit der Naht. Mütter mit depressiven Verstimmungen. Neugeborene mit Gedeihstörungen. Außerdem befürchte ich, dass Neugeborene mit Gelbsucht vielleicht zu spät entdeckt werden. Und dass sich Probleme beim Stillen und Wochenbettsdepressionen häufen. Dinge, die man als Hebamme im Wochenbett Zuhause gut begleiten kann.

 

Es ist nicht möglich Frauen in einer ambulanten Situation im Wochenbett gut zu betreuen. Wir haben das notfallmäßig bei uns an der Klinik versucht.

 

Du arbeitest in einem Münchner Kreißsaal: Wie hat sich Deine Arbeit in den letzten Jahren verändert? 

 

Ich arbeite seit zehn Jahren in einem der größten Kreißsäle Deutschlands. Als ich angefangen habe, da waren wir angestellt und hatten knapp 3000 Geburten. Wir waren zum Teil zu zweit, allerhöchstens zu dritt im Dienst. Es war ganz normal, dass ich drei bis vier Frauen gleichzeitig unter der Geburt betreut habe. Zwischendrin musste man dann noch zu den geplanten Kaiserschnitten in den OP und hat die Kollegin mit allen Frauen im Kreißsaal alleine gelassen. Das war eine sehr schlimme Zeit. Wir hatten großes Glück, dass alles gut gegangen ist.

 

Als ich aus der Elternzeit zurück gekommen bin, haben wir auf das Belegsystem umgestellt. Das heißt wir arbeiten als freiberufliche Hebammen im Schichtsystem. Anders könnte ich es mir als alleinerziehende Mama auch gar nicht leisten in meinem Beruf als Hebamme zu arbeiten. Für die Kolleginnen waren die zwei Jahre davor sehr anstrengend. Es war ein ganz schöner Kampf, das Belegsystem durchzusetzen. Frauen wurden an andere Kliniken verlegt und Kreißsäle gesperrt. Wir wollten nicht mehr so arbeiten. Fließbandarbeit für einen Hungerlohn.

Und der Kampf hat sich gelohnt. Wir sind sehr gut aufgestellt und wir haben die Möglichkeit für eine gute Geburtshilfe. Inzwischen betreuen wir knapp 4000 Geburten im Jahr.

 

Mein Wunsch war es immer, Frauen eine schöne Und interventionsarme Geburt ihres Kindes im Krankenhaus zu ermöglichen. Denn nicht für jeden kommt eine Hausgeburt oder eine Geburt im Geburtshaus in Frage. Eine gute Betreuung in vertrauensvoller Umgebung unter der Geburt ist so wichtig. Selbst wenn es dann zu Komplikationen kommt, fühlt man sich gut aufgehoben und behält ein gutes Gefühl. Ich finde man soll sich gerne an den Tag der Geburt seines Kindes zurück erinnern.

 

Ich glaube jede von uns Hebammen träumt von einer 1:1 Betreuung. Aber wie das jetzt läuft, ist einfach falsch. Erst müssen die Voraussetzungen geschaffen werden. Wir können das nicht so einfach in drei Monaten umsetzen. In einem Interview meinte Herr Lanz vom GKV Spitzenverband:  „die werdende Mutter, das ist meine feste Überzeugung, wird von der Hebamme gut betreut werden. Das halte ich für selbstverständlich. Ich bin voller Zuversicht, dass die Kreißsäle vorausschauend organisiert werden, dass genug Hebammen da sind. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Schwangere in einem deutschen Krankenhaus, die dringend Unterstützung einer Hebamme bedarf, tatsächlich abgewiesen wird.“

Ich übersetze das so, wir Hebammen haben ein großes Herz, im Zweifel werde ich die Frau dann unentgeltlich betreuen. Bei voller Haftung. Am Ende des Tages muss ich nach Hause gehen, zu meiner Tochter und ihr erklären, warum das Christkind ihr dieses Jahr keine Geschenke bringt. Und warum der Teller am Abend leer ist.

Das Ärgerliche ist, dass die 1:1 Betreuung für die Krankenkasse ein guter Vorwand ist, um Geld einzusparen. Es geht nicht um die Frau. Es geht nicht um die gute Betreuung unter der Geburt. Momentan ist die 1:1 Betreuung ein Luxus, den sich die Gesellschaft nicht leisten möchte.

 

Immer weniger Hebammen kommen auf immer weniger Frauen: Wie reagieren die von Dir zu betreuenden Frauen darauf?

 

 

Wie bereits oben erwähnt sind wir relativ gut aufgestellt. Wir können die Frauen gut betreuen. Wenn wir dennoch eine Frau abweisen müssen, dann ist das eine schwierige Situation und dann fließen auch oft Tränen. Zu Recht. Zum Glück arbeiten wir Hebammen in den verschiedenen Kreißsälen der Stadt gut zusammen. Man ruft dann bei der Kollegin an und organisiert einen Krankentransport.

 

Mit dem Schiedsspruch ist es so, dass Beleghebammen ab Januar 2018 nur noch zwei Leistungen zeitgleich abrechnen können. Das heißt, wenn noch eine Frau klingelt, dann kann ich diese nicht betreuen. Oder ich betreue sie kostenlos. Das bereitet uns große Bauchschmerzen. Nicht jede Frau, die ich betreue, befindet sich im gleichen Stadium der Geburt. Manche Frauen kommen ambulant mit Beschwerden. Es ist nicht immer eine 1:1 Betreuung notwendig. Und da gibt es noch die vielen Frauen, die stationär liegen.

 

Meine Befürchtung ist es, dass ab 2018 viele, viele Frauen ohne Kreißsaal sind. Obwohl wir Kapazität hätten. Ich muss die Frau dann weg schicken. Sie kostenlos zu betreuen, kann ich mir einfach nicht leisten.

 

Vor Kurzem erfuhr ich, dass es vor ein paar Jahren in Österreich mit der Nachsorge wesentlich schlechter aussah als in Deutschland. Nun droht uns das auch. Was können Frauen, die eine Hebamme suchen, heute tun, um ihre Situation zu verbessern? 

 

Das ist irgendwie das Traurige an der Situation. Andere europäische Länder entwickeln sich weiter. Im Grunde war das deutsche System nicht schlecht. Schlecht bezahlt. Aber die Qualität der Hebammenbetreuung war sehr gut. Weil wir eben doch ein großes Herz haben.

Ich bin selbst grad an einem Punkt, da weiß ich ehrlich nicht weiter. Mich rufen jeden Tag Frauen an, die sind sehr verzweifelt auf der Suche nach einer Hebamme. Ich tröste dann und gebe Tipps. Ich rate den Frauen dann, sich bei der Krankenkasse zu melden. In der Hoffnung, dass sich etwas ändert. Ansonsten müssen die Frauen ohne Nachsorgehebamme zum Frauenarzt oder zum Kinderarzt. Diese sind natürlich auch überlastet. Und so vermute ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das System zusammenbricht. Vielleicht ist das aber auch die einzige Möglichkeit, dass sich etwas ändert. Es ist so still. Obwohl das echt eine Katastrophe ist.

 

Du hast einen Beruf gewählt, den viele Frauen sehr schätzen, der aber leider nicht überall so gefördert wird. Wie siehst Du das Berufsbild der Hebamme in zehn Jahren, oder wie würdest Du es Dir wünschen?

 

Vor Zehn Jahren hätte ich nicht gedacht, dass es sich in diese Richtung entwickeln wird. Ich war immer sehr zuversichtlich. Ich war der festen Überzeugung ‚Ohne Hebamme geht es nicht‘ Jetzt wünsche ich mir einfach, dass es in zehn Jahren noch Hebammen gibt. Ob ich es mir dann noch leisten kann meiner Berufung zu folgen? Ich hoffe es. Aber sicher bin ich mir nicht. Hebammen haben ein großes Herz. Aber auch wir können nicht nur von Luft und von schönen Geburten leben.

 

Vielen lieben Dank für Deine ehrlichen Worte und alles Gute, Jessi. 

 

Wie sich Ihr Blick auf ihren Beruf durch die Geburt ihre Tochter verändert hat, das hat mir Jessi bereits in den Familienrollen verraten: Lest hier.

 

Immer am Dienstag gibt es hier die Elternfragen: Kommende Woche mit Rike Drust, Autorin von dem superlustigen Buch „Muttergefühle 2“.