Alltag, Kultur mit Kind

1000 Fragen: Selbstbefragung Teil 4

Das 1000-Fragen-Ding von Johanna von Pinkepank gaustert weiter durch das Internet, heute geht es um 61. bis 80 und um Fragen wie „Bist Du, was Du sein möchtest“ oder „Fährst Du gerne Bus“. Los geht es. 

 

61. Glaubst Du an ein Leben nach dem Tod?

Ja.

 

62. Auf wen bist Du böse?

Auf wirklich wenige Menschen, aber einige sind es schon.

 

63. Fährst du häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln?

Recht ungern mit dem Bus, der Rest geht.

 

64. Was hat dir am meisten Kummer bereitet?

Sorgen.

 

65. Bist du das geworden, was du früher werden wolltest?

So eine blöde Frage: Wann ist man denn fertig? Ich bin doch schließlich kein Keks.

 

66. Zu welcher Musik tanzt Du am liebsten?

Techno.

 

67. Welche Eigenschaft schätzt Du an einem Geliebten sehr?

Humor und Loyalität.

 

68. Was war Deine größte Anschaffung?

Haus.

 

69. Gibst Du Menschen eine zweite Chance?

Kommt drauf an.

 

70. Hast Du viele Freunde?

Viele Bekannte, aber wenig enge, die mag ich aber richtig gerne.

 

71. Welches Wort bringt Dich auf die Palme?

Kopfkino, was für ein bescheuertes Ding.

 

72. Bist Du schon jemals im Fernsehen gewesen?

Ja.

 

73. Wann warst Du zuletzt nervös?

Ist noch gar nicht so lange her.

 

74. Was macht dein Zuhause zu Deinem Zuhause?

Die Menschen darin und die vielen Dinge mit Geschichte.

 

75. Wo informierst du dich über das Tagesgeschehen?

Twitter.

 

76. Welches Märchen machst du am liebsten?

Schneewittchen.

 

77. Was für eine Art Humor hast Du?

Meinen.

 

78. Wie oft treibst Du Sport?

Leider nicht so oft wie ich dran denke.

 

79. Hinterlässt Du einen bleibenden Eindruck?

Kommt auf die Tagesform an.

 

80. Auf welche zwei Dinge kannst du nicht verzichten?

Kaffee und Kommunikation.

 

Und Ihr: Gibt es Parallelen?

Familienrollen

Vierfach-Mutter und Hausfrau: „Ich liebte meine Arbeit und war erfolgreich – auch finanziell.“

Früher war sie ein 60-Stunden-Workaholic, heute ist sie Hausfrau und Mutter von vier Kindern: N. (Mama-Maus-Blog) erzählt, wie zufrieden sie mit ihrem aktuellen Leben ist und warum sie nicht mehr beleidigt ist, wenn keiner die sechsköpfige Familie einlädt. 

 

Heute hast Du vier Kinder: Welchen beruflichen Alltag und welche Ambitionen hattest Du vor den Kindern?

 

Vor den Kindern hatte ich einen sehr ambitionierten Werdegang. Ich bin sehr zielstrebig. War ich schon immer: Abitur als Jahrgangsbeste mit Auszeichnung, anschließend Duales Studium der Wirtschaftsinformatik.

 

Gleich auf der ersten Firmen-Veranstaltung vor dem Jobbeginn habe ich meinen Mann kennengelernt, der in derselben Firma arbeitete. Das sorgte privat für unendliches Glück, viele Stunden des Pendelns und im Studium nur für den zweitbesten Abschluss. Schließlich hatte ich keine Zeit zum Lernen.

 

Nach einem Zwischenstopp im Vertriebsinnendient, wurde ich ein halbes Jahr nach dem Ende des Studiums von einer anderen Firma abgeworben und begann ein Trainee-Programm als Account Manager (Vertrieb im Außendienst). Ein Jahr später schloss ich mein Trainee-Programm vorzeitig ab und hatte einen eigenständigen Kundenkreis.

 

Ich liebte meine Arbeit und war erfolgreich – auch finanziell.

 

Mein Mann bezeichnete mich als Workaholic. Keine Woche endete unter 60 Arbeitsstunden plus den Dingen, die ich im Homeoffice erledigte.

Wer mich damals gekannt hat, wäre nie darauf gekommen, dass ich nicht mal neun Jahre später vier Kinder haben würde.

 

 

Aktuell bist Du nicht berufstätig: War das so geplant? 

 

 

Kurz nach der Hochzeit im Jahr 2008 kam das Thema Kinder auf. Wir wollten junge Eltern sein. Wir hatten gute Jobs und waren finanziell unabhängig. Wann wenn nicht jetzt?

Ich reduzierte meine Arbeitszeit und konnte kurze Zeit später den positiven Schwangerschaftstest in den Händen halten.

Mit dieser Schwangerschaft änderte sich mein komplettes Leben. Plötzlich war mein Mann Alleinverdiener und verlor pünktlich einen Monat vor der Geburt betriebsbedingt seinen Job. Dieses Gefühl wünsche ich keinen werdenden Eltern. Glücklicherweise fand er zügig eine neue Anstellung und ich war alleine auf mich gestellt als Hausfrau mit drei Kilogramm purem Glück in den Armen.

 

Wir kauften ein Haus in der Nähe meiner Eltern und zogen während der fast 3-jährigen Sanierungszeit zu ihnen. Meinen Mann sah ich nur noch am Wochenende, weil er keinen Job vor Ort fand.

 

Parallel dazu entscheiden wir uns für ein 2. Kind und waren uns einige, dass wir einen kurzen Altersabstand zwischen den Geschwistern haben wollten. Das klappte auch, und im Laufe der nächsten Jahre durften wir noch unsere Tochter und unsere beiden kleinen Söhne begrüßen.

Durch die rasche Geburtenfolge bin ich seit fast acht Jahren durchgängig in Elternzeit.

Wenn mich jemand fragt, ob ich von Anfang an das Ziel hatte vier Kinder zu bekommen würde ich „definitiv nein“ antworten.

 

Ich bin in einer liebevollen Familie als Einzelkind aufgewachsen. Ich vermisste keine Geschwister, aber mir war immer klar, dass ich irgendwann Kinder haben wollte. Zumindest eins. Erst als unsere erstes Kind da war, kam schnell der Wunsch nach einem Geschwisterchen auf. Dieses Gefühl nicht komplett zu sein als Familie entstand schrittweise.

 

Dass wir jetzt ein klassisches Familienmodell leben war ehrlich gesagt nicht geplant. Bevor wir Kinder hatten, hatten wir den Plan, dass ich in Elternzeit gehen würde und dann mein Mann zuhause bleiben wollte. Da ich am Ende der 1. Elternzeit bereits wieder schwanger war, änderten wir diesen Plan. Danach war ich bereits eingespielt als Hausfrau und der Mann verdiente mehr als ich, sodass wir diesen Plan verworfen.

 

Ich war und bin nicht unglücklich darüber. Im Gegenteil ich liebe mein aktuelles Leben und ich würde nichts anders machen, wenn ich die Wahl hätte.

 

Hausfrau und Mutter: Erfüllen Dich diese beiden Rollen vollständig, oder denkst Du öfter wieder über den beruflichen Wiedereinstieg nach? 

 

Ehrlich gesagt, weiß ich nur, dass ich nicht wieder in meinen alten Job zurückkehren kann. Unter Vollzeit und einigen Überstunden kann man dort nicht so erfolgreich sein, wie ich es gerne bin. Mit vier Kindern ist das realistisch gesehen unmöglich, außer mein Mann würde komplett zuhause bleiben oder nur noch wenige Stunden in Teilzeit arbeiten.

 

Ich weiß, dass er das gerne tun würde, aber ich möchte nicht 60 Stunden in der Woche arbeiten und meine Kinder nur noch am Wochenende sehen. Dazu bin ich zu gerne mit ihnen zusammen und möchte sie bei ihrem Weg begleiten.

 

Konkrete Gedanken oder Sorgen über den Wiedereinstieg mache ich mir aktuell noch nicht. Ich habe noch ein paar Jahre Elternzeit und die werde ich auch ausschöpfen. Wir gönnen uns als Familie den Luxus, dass ein Elternteil immer verfügbar ist.

 

Neben den Kindern habe ich theoretisch keine Zeit für ein Hobby. Trotzdem habe ich vor einigen Jahren den Blog gestartet. Ich wollte Erlebnisse aus dem Alltag mit unseren Kindern festhalten und vielleicht auch andere Familien zu Kindern ermutigen. Da mir die steigenden Besucherzahlen zeigen, dass die Menschen an unserem Leben und auch an meinen Tipps interessiert sind, wird er mehr und mehr zu einem regelmäßigen und auch recht zeitintensiven Hobby. Ein Hobby, das mich mehr bereichert als ich am Anfang gedacht hätte.

 

Was ich an Dir so mag: Du wirkst auf allen Kanälen so ausgeglichen. Hast Du für Dich den idealen Lebensweg gefunden?

 

Ausglichen, ich? Eher weniger. Ich bin sehr impulsiv und temperamentvoll. Allerdings habe ich gelernt das nur im Kreise meiner Liebsten zu zeigen.

 

Diese Kontrolliertheit im Geschriebenen und auch im Mündlichen gegenüber Familienfremden habe ich mir im Rahmen meiner Karriere genauso wie selbstbewusstes Auftreten hart antrainiert.

 

Und es stimmt, ich bin mit Leib und Seele Mutter. Ich würde alles für meine Kinder tun und kämpfe wie eine Löwin für sie. Es ist mir wichtig, dass sie immer auf mich vertrauen können.

 

Deshalb stört es mich auch nicht im Geringsten, dass ich aktuell keine beruflichen Erfolge feiere. Dafür feiere ich neue Dinge, die die Kinder lernen und Entdeckungen, die wir gemeinsam machen.

 

Musst Du Dich oft erklären, dass Du zur Zeit „zuhause“ bist? 

Anfangs waren meine Eltern schon etwas entsetzt, als die Kinder immer mehr wurden und damit meine Chance beruflich wieder genauso erfolgreich zu sein geringer wurden. Mittlerweile wissen sie, dass ich unendlich glücklich bin und sie sind es mit mir.

 

Meine Bekannten loben meine Gelassenheit und die Kreativität, die ich meinen Kindern zuteilwerden lasse. Vor allem Bekannte mit Kindern wissen, dass es nicht so trivial ist vier Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen glücklich zu machen.

 

Fremde sind da eher mit Vorurteilen belastet. So durfte ich mir im Fastfood-Restaurant auch schon mal anhören, dass es wohl scheinbar wieder Stütze gegeben hätte und ich deshalb die Brut ausführen könnte.

 

Außerdem denken viele Leute, wenn sie mich sehen, dass ich keine Ausbildung hätte. Ich wäre zu jung für eine Ausbildung und vier Kinder. Mir wurde sogar bereits vorgeworfen vom Kindergeld leben zu wollen. Wer selber Kinder hat, weiß welcher Idiotie das gleicht.

Ich nehme das meistens mit Humor. Ich weiß, wer ich bin und was ich kann. Ich habe in meinem kurzen Berufsleben mehr geleistet als viele der Menschen, die Vorurteile mir gegenüber haben.

 

Vor einiger Zeit hast Du getwittert, dass Euch mit vier Kindern keiner mehr einlädt. Das klingt krass. Und diskriminierend. Und doch ein wenig nachvollziehbar, wenn Leute ganz enge Wohnverhältnisse haben. Wie geht Ihr damit um?

 

Wir hatten noch nie einen riesengroßen Freundeskreis.

 

Viele Freundschaften haben unsere rasanten Ortswechsel quer durch Deutschland nicht überstanden. Andere haben sich auseinander gelebt, weil wir als erstes Kinder bekommen haben und dadurch unterschiedliche Interessen aufgekommen sind.

 

Erst nach und nach haben wir uns wieder einzelne Freundschaften mit anderen Eltern aufgebaut. Mit jedem weiteren Kind wurden aber auch dort die Einladungen immer seltener. Es ist eben doch etwas anderes, ob 3 oder gleich 6 Personen zu Besuch kommen.

 

Anfangs haben wir immer eingeladen, um diesem Problem entgegen zu wirken. Irgendwann haben wir gemerkt, dass es eher lästige Pflicht war und uns nicht mehr glücklich machte.

Mittlerweile treffen wir uns wieder sporadisch mit neuen Bekannten. Bisher ohne Gegeneinladung. Ich bin gespannt, wie sich diese Beziehung entwickelt.

Ich habe mich mit der Situation abgefunden und bin zufrieden wie es ist. So abgedroschen es auch klingen mag, mein Mann war und ist mein bester Freund und alles Wichtige kann ich mit ihm besprechen.

 

Wie schaut Dein Alltag aus?

 

Im August wurde unsere Tochter eingeschult. Deshalb haben wir aktuell zwei Schulkinder im Haus. Die beiden Jüngsten sind aktuell noch nicht in der Kita und das streben wir für die nähere Zukunft auch nicht an.

Da die großen Kinder jeden Tag pünktlich den Schulbus erreichen müssen, stehen wir kurz nach 6 Uhr auf.

Meistens werden die beiden Kleinen durch das Gewusel im Haus mit munter und wir frühstücken alle gemeinsam. Wenn die beiden Schulkinder um 7:30 Uhr das Haus verlassen haben, können wir den Vormittag frei gestalten.

Wir gehen spazieren, basteln oder spielen.

Nach dem Mittagessen dürfen die beiden Kleinen zum Mittagsschlaf in ihre Zimmer.

Um 13 Uhr kommt das erste Schulkind nach Hause, um 14 Uhr das Zweite. Nach Mittagessen und Hausaufgaben nutzen wir die gemeinsame Zeit am Nachmittag im Sommer um im Garten zu spielen, im Winter wird meist gemeinsam gespielt oder gebastelt.

Gegen 18 Uhr machen wir Abendbrot (im Sommer auch später). Anschließend dürfen die Kinder noch eine Serie sehen und die beiden Großen gehen selbstständig ins Bett. Die beiden Kleinen bringt meist mein Mann ins Bett.

Oft ist eins der Kinder länger wach, aber solange nicht die komplette Mannschaft munter gehalten wird ist das für uns kein Problem. Spätestens um 21 Uhr schlafen alle Kinder. Der Mann und ich kuscheln uns aufs Sofa und schauen etwas fern.

Jetzt kommt der ausgefallene Teil. Wenn mein Mann ins Bett gegangen ist, hole ich meistens den Computer raus und schreibe an einem Blogartikel. Früher habe ich das oft bereits nachdem die Kinder im Bett waren gemacht, aber mir ist aufgefallen, dass dadurch die gemeinsame Zeit mit meinem Mann eingeschränkt wird. Das wollte ich nicht. Deshalb habe ich das verschoben.

Vielen lieben Dank für die Antworten.

 

Aus einer sehr kinderreichen Familie kommt auch Sarah, die in den Familienrollen schon mal davon erzählt hat.

Wenn Ihr selbst eine Geschichte habt, die ihr einmal in den Familienrollen erzählen wollt, dann schreibt mir doch bitte eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 

 

Nora Imlau
Elternfragen, Kultur mit Kind

Nora Imlau: „Schwarze Pädagogik ist ja weniger eine Form der Erziehung als eine Form der Dressur.“

Warum das Erziehungskonzept „Wenn-dann-sonst“ überholt ist, wann Schreien manchmal doch vertretbar ist und wie man aus alten Verhaltensmustern ausbricht: Expertin Nora Imlau gibt einleuchtende Antworten zum Thema Strafen in den Elternfragen

 

 

In der Vorweihnachtszeit war ich recht häufig erschrocken, wie viele mit dem Ausbleiben vom Christkind/ Weihnachtsmann drohen, wenn nicht alles nach Plan läuft. Was denkst Du: Warum findet „schwarze Pädagogik“ immer noch so viele Anhänger?

Schwarze Pädagogik ist ja weniger eine Form der Erziehung als eine Form der Dressur: Da soll ein Mensch gefügig gemacht werden, und zwar mit schnellen und effektiven Mitteln. Und da sind Strafen und Drohungen ein beliebtes Werkzeug: Ich muss nicht lange erklären, ich muss mich nicht mit mir selbst und meinen eigenen Ängsten und Zweifeln befassen, ich muss auch nicht schauen, was das individuelle Kind braucht.

 

Ich sage einfach: Entweder du tust jetzt, was ich will, oder ich tue dir weh. Denn genau das sind Strafen ja: Handlungen, die so demütigend und schmerzhaft sein sollen, dass sie einen Menschen davon abhalten, etwas Unerwünschtes zu tun. Dass körperliche Strafen, wie etwa ein Klaps oder eine Ohrfeige, auf diesem Wirkmechanismus basieren, leuchtet meist schnell ein. Interessant ist jedoch, dass nicht-körperliche Strafen wie so genannte Auszeiten auf dem „stillen Stuhl“, oder das Wegnehmen eines Weihnachtsgeschenks, genauso dieselben Schmerzreaktionen im Gehirn hervorrufen wie ein Schlag. Schwarze Pädagogik beruht also darauf, Kinder mit Angst vor Schmerzen zum Gehorsam zu zwingen.

 

Das ist allerdings vielen Menschen gar nicht so bewusst – schließlich sind die meisten von uns selbst mit zumindest einigen dieser Maßnahmen selbst groß gezogen worden. Und was wir aus unserer eigenen Kindheit kennen, empfinden wir oft als normal und nicht so schlimm. Dazu kommt, dass schwarze Pädagogik, zumindest kurzfristig, durchaus funktioniert. Wenn ich einem Kind auf die Hand haue, sobald es die Steckhose anfasst, packt es da wahrscheinlich kein zweites Mal hin. So funktioniert Konditionierung. Einem Kind respektvoll und gleichzeitig klar beizubringen, was geht und was nicht geht, ist langwieriger, anstrengender und schwieriger, und dazu ein Weg, der oft mit vielen Selbstzweifeln behaftet ist: Das klingt ja alles lieb und nett, aber der sanfte Weg funktioniert bei meinem Kind einfach nicht. Denn: Es hört nicht.

 

 

„Wenn“, „dann“, „sonst“ – die wenigsten sind wirklich völlig frei davon: Was rätst Du jenen Eltern, die dazu neigen mit diesem Erziehungskonzept zu arbeiten?

Zunächst einmal ist es glaube ich wichtig, sich klar zu machen, was an solchen Wenn-dann-Drohungen so fies ist: Sie sind nämlich im Grunde nichts anderes als eine Nötigung. Man muss ich das mal im Erwachsenenkontext vorstellen:

 

„Wenn Sie dieses Dossier nicht bis zwölf Uhr fertig haben, dürfen Sie sich heute in der Kantine keinen Nachtisch nehmen!“ – wie willkürlich und bescheuert fühlt sich das denn bitte an?

 

Gleichzeitig sagen natürlich viele Eltern, dass ein Kind ja auch lernen muss, dass Handlungen Konsequenzen haben. Wenn ich selbst zu schnell fahre, kriege ich im Zweifelsfall schließlich auch ein Ticket. Und das ist ja tatsächlich auch eine Strafe, mit der ich zum vernünftigen Fahren erzogen werden soll.

 

Der Unterschied ist nur: Eine Familie ist kein Staat. Ein Land mit 80 Millionen Einwohnern lässt sich nicht ohne Gesetze und Vorschriften regieren, und ohne eine Exekutive und eine Judikative, die über die Einhaltung dieser Regeln wacht.

 

Doch eine Familie ist ein ganz anderes System, hier leben wenige Menschen zusammen, die miteinander in einer ganz engen Beziehung stehen. Und diese Beziehungen sind es, innerhalb derer wir aushandeln können und sollten, was in unserer Familie geht und was nicht.
Das heißt: Anstatt mich in Drohung und Erpressung zu flüchten, rede ich als Mutter lieber von meinen ganz persönlichen Grenzen. „Das will ich nicht. Hör auf damit!“

 

An eine solche Aussage noch irgendeine angedrohte Strafe dranzuhängen, schwächt meine Botschaft total, denn das suggeriert meinem Kind: „Mama glaubt nicht, dass ich aufhöre rumzuschreien, nur weil sie Kopfweh hat. Sondern nur, weil ich Angst um meine Pokémon-Karten hat, die sie mir dann wegnimmt.“

Gleichzeitig gibt es natürlich Situationen, in denen es total sinnvoll ist, von „wenn“, „dann“ und „sonst“ zu reden: Es gibt ja tatsächlich Konsequenzen, die eintreten, ob ich will oder nicht. Und es ist mein Job als Mutter oder Vater, mein Kind auf diese Konsequenzen hinzuweisen und sie gegebenenfalls auch davor zu warnen.

 

„Wenn wir uns jetzt nicht beeilen, verpassen wir den Bus“, ist so ein Beispiel. Oder: „Du kannst jetzt leider nicht mehr weiterspielen, sonst kommen wir zu spät zum Kinderarzt.“ Entscheidend ist, dass wir solche Aussagen ohne jeden drohenden Unterton aussprechen, wirklich als Sachinformation. Und dann entscheiden: Ist diese Konsequenz ein Szenario, das ich in Kauf nehmen kann und will? Oder bin ich hier in der Verantwortung, mich gegebenenfalls auch gegen den Willen meines Kindes durchzusetzen?

 

Im ersten Fall lasse ich den Bus eben ohne uns wegfahren, in zweiterem schnappe ich mir mein Kind und gehe mit ihm zum Kinderarzt, auch wenn es das vielleicht blöd findet. Wichtig finde ich jedoch, dass wir Eltern auch bei unangenehmen Konsequenzen im selben Team spielen wie unser Kind. Wenn unser Kind beispielsweise den Beginn des Fußballspiels verpasst , weil es so lange rumgetrödelt hat, sagen wir zum Beispiel: „Das tut mir wirklich leid“ und nicht „Siehst du, das hast du jetzt davon. Wenn so immer so langsam bist, dann fangen die anderen halt ohne dich an.“

 

So sehr ich Deine Meinung schätze und auch meist teile: Auf Twitter hast Du kürzlich geschrieben, dass Deine Kinder selbst entscheiden, wenn sie aufräumen wollen. Da Dein großes Kind ja, glaub ich, schon über 10 ist: Befremdet mich das, wenn es zum Beispiel das Wohnzimmer betrifft. Warum plädierst Du dafür?

 

Ich habe geschrieben, dass ich nicht das Recht habe, irgendwen zum Aufräumen zu zwingen. Nicht meine Kinder, auch nicht meinen Mann. Obwohl der schon 35 ist! Das heißt nicht, dass ich nichts dazu sage, wenn unser Wohnzimmer im Chaos versinkt. Im Gegenteil! „Helft Ihr mir bitte schnell aufräumen?“, frage ich oft. Als offene Frage, auf die ein Ja eine genauso legitime Antwort ist wie ein Nein. Manchmal sage ich auch: „Papa und ich machen heute Haushalt, wenn Ihr mithelft, geht es schneller.“

 

Oder: „Ich bin gerade wirklich sehr erschöpft und mich stören die Papierschnipsel auf dem Küchentisch, du würdest mir wirklich einen großen Gefallen tun, wenn du die mal eben wegräumst.“ Es gibt ja tausend Möglichkeiten, da meinen Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Und ich mache immer wieder die Erfahrung, dass meine Kinder alle drei sehr hilfsbereit sind, so lange sie sich frei fühlen, es auch mal nicht zu sein.

 

Gleichzeitig glaube ich, dass gerade mit dem Thema Aufräumen sehr viele ungünstige Glaubenssätze verknüpft sind. Für viele Menschen ist es lebenslang eine lästige Pflicht, an die aber auch schon Kinder unbedingt herangeführt werden müssen. Aus Prinzip soll also schon der Dreijährige fünf Duplosteine aufheben, nicht weil es wirklich die Arbeit erleichtert, sondern damit er lernt, dass das gemacht werden muss. „Ich bin ja schließlich nicht eure Putzfrau“, sagen dann viele Mütter zu ihren Kindern, als sei es die ultimative Abwertung, seinen Kindern hinterher zu räumen.

 

Ich wähle da einen anderen Weg: Meine Kinder mussten noch nie aufräumen. Deshalb ist es für sie auch überhaupt nichts Schlimmes. Manchmal machen sie deshalb ganz ohne Aufforderung ihr Zimmer schön. Manchmal bitten sie mich oder meinen Mann um Hilfe. Manchmal sage ich, dass sie bitte in ihren Zimmern und nicht im Wohnzimmer spielen sollen, weil ich da das Chaos besser ausblenden kann. Manchmal räume ich ihre Zimmer für sie auf, als Liebesdienst. Den sie unglaublich schätzen: Danke, dass du es mir so schön gemacht hast, Mama! Das ist für mich nichts anderes, als ihnen ein schönes Essen zu kochen. Ich tue ihnen etwas Gutes, und sorge mich nicht um die Zukunft. Solche Dinge wie Aufräumen, Bügeln, Wäschewaschen und so weiter lernt man dann, wenn man sie braucht.

 

 

Kürzlich unterhielt ich mich mit einer Freundin die einräumte, dass sie auch immer mal wieder mit dem Ausbleiben vom Christkind drohte. Das passiert mir nicht, dachte ich fast schon selbstzufrieden. Allerdings ist es mir auch schon passiert loszuschimpfen, wie ein Rohrspatz, was ich auch nicht so toll finde. Bist Du immer „total ausgeglichen“? Wenn nein: Was ist Dein „Fehlverhalten“? Wenn ja: wie machst Du es?

Natürlich bin ich nicht immer total ausgeglichen, ich bin ja kein Roboter, sondern ein ganz normaler Mensch. Klar bin ich mal schlecht gelaunt, oder unwirsch, oder genervt. Ich sehe mich als Erwachsene aber schon in der Verantwortung, meine Unausgeglichenheit nicht einfach ungefiltert an meinen Kindern auszulassen, sondern, wenn die Wut in mir hochsteigt, inne zu halten und hinzugucken: Was fasst mich da gerade so an? Was haben meine Kinder gesagt oder getan, das mich innerlich so schmerzt, dass ich das Gefühl habe hier rumschimpfen zu müssen wie ein Rohrspatz?

 

In solchen Momenten dann eben nicht loszubrüllen, sondern mich erstmal mir selbst und meinem eigenen inneren Schmerz und erst dann meinen Kindern zuzuwenden, das habe ich in den vergangenen Jahren in mühevoller Arbeit gelernt. Das heißt nicht, dass es mir immer hundertprozentig gelingt, aber ich merke schon, dass diese Auseinandersetzung mit mir selbst einen großen Einfluss auf unser Familienleben hat. Ich kann jeder Mutter und jedem Vater aus eigener Erfahrung nur dazu raten, sich dieser Aufgabe zu stellen.

 

Ich finde Schreien nicht per se etwas Schlimmes. In vielen Situationen ist es schlicht eine ganz normale menschliche Reaktion.
Wenn mir jemand heftig an den Haaren zieht, schreie ich auf vor Schmerz.
Wenn mich jemand unverhofft von hinten anspringt, schreie ich vor Schreck.
Wenn mein Kind vors Auto zu laufen droht, schreie ich vor Sorge und aus dem Impuls heraus, mein zu schützen, aus voller Lunge: ‚Stopp!‘

All das ist total okay. Problematisch ist das Schreien, mit dem ich andere demütige, erniedrige, klein mache. Das Anbrüllen, das lautststarke Ausschimpfen.

Und dann ist immer noch die Frage, wie ich damit umgehe. Viele Kinder fangen ja an zu weinen, wenn die Eltern schreien. Halte ich dann inne und entschuldige mich? Oder sag ich: Da muss mein Kind jetzt durch?

 

 

Die Freundin, die ihre Tochter zur Strafe ins Auto sitzt. Die Frau, die ihre Kinder im Supermarkt anschreit oder im schlimmsten Fall, wenn man mit nahen Leuten erziehungstechnisch nicht auf einer Welle ist: Was rätst Du, wenn man in Erziehungsfragen mit anderen aneinander prallt?

 

Das ist eine schwierige Frage. Denn ich finde es sehr wichtig, für Kinderrechte einzustehen, auch wenn es mal unangenehm ist. Gleichzeitig wird das Recht auf gewaltfreie Erziehung hierzulande von offizieller Seite nicht so ausgelegt, dass Anschreien und Wegsperren da klar verboten wären, obwohl es ja durchaus entwürdigende und grenzverletzende Maßnahmen sind. Insofern haben Eltern, die ihr Kind zur Strafe ins Auto sperren oder im Supermarkt rumschreien, aus rechtlicher Sicht nichts zu befürchten. Außerdem muss auch ich mir ja immer wieder bewusst machen, dass auch strafende Eltern das Beste für ihr Kind wollen, das sie lieben wie verrückt. Sie sind nicht böse, sie glauben einfach, dass Kindererziehung so funktioniert und so funktionieren muss – oft, weil sie selbst nichts anderes kennen gelernt haben. Da dann mit Vorwürfen und Belehrungen anzukommen, bringt oft nur noch mehr Druck und noch mehr Gewalt in die Situation. Was also tue ich ganz konkret?

 

Bei mir persönlich bekannten Menschen versuche ich in ruhigen Momenten ganz behutsam zum Perspektivwechsel anzuregen: Was für ein tolles Kind sie haben! Sehen sie eigentlich, wie oft es kooperiert? Also mir ist ja gerade erst aufgefallen, wie … und so weiter. Wann immer ich die Gelegenheit habe, wende ich mich auch an die Kinder selbst, und sage ihnen, dass sie wunderbar sind, so wie sie sind und dass niemand das Recht hat, ihnen weh zu tun. Dass sie keine je Strafe verdient haben. Dass sie sich nicht anstrengen müssen, gut zu sein, weil sie bereits gut sind. Das alles sage ich in der Hoffnung, damit dem negativen Selbstbild, das durch strafende Erziehung ja vermittelt wird, etwas entgegen zu setzen.

 

Bei Fremden ist es schwieriger: Da habe ich oft ja nur einen winzigen Ausschnitt einer Situation gesehen, weiß nichts über den Hintergrund der Familie. Mische ich mich da ungefragt ein, wenn ein Vater sein Kind grob am Arm packt? Ich gebe zu: Oft tue ich das nicht, und werfe nur dem Kind einen Blick zu, der Verständnis und Mitgefühl und Solidarität ausdrücken soll. Da wirkt auch in mir diese kulturelle Prägung, dass es sich einfach nicht gehört, sich in anderer Leute Erziehung einzumischen. Manchmal nehme ich aber auch allen Mut zusammen und sage was. So wie neulich im Zoo: „Stop, hören Sie sofort auf, Ihr Kind so grob anzufassen! Das ist nicht okay!“ Ob das dann langfristig irgendwas bewirkt? Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe, dass zumindest das Kind aus der Situation mitgenommen hat, dass es nicht in Ordnung ist, anderen Menschen weh zu tun – mit welcher Rechtfertigung auch immer.

 

Vielen lieben Dank für Deine tollen Antworten, Nora. Mehr Elternfragen zu anderen Themen findet Ihr hier: Wenn Ihr ein Thema vermisst, schreibt doch eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.

Tipps zum Thema: „Wie findet das Baby in den Schlaf“ von Nora Imlau gibt es hier.

Außerdem hat Nora informative Bücher geschrieben wie zum Beispiel: Mein kompetentes Baby: Wie Kinder zeigen, was sie brauchen oder – schon vorstellbar –So viel Freude, so viel Wut: Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten – Mit Einschätzungsbogen.

 

Mehr Infos zu Nora findet Ihr auf ihrem Blog.

Alltag, Kultur mit Kind

1000 Fragen: Selbstbefragung Teil 3

Die Sache mit den 1000 Fragen (Ursprung: Pinkepank), die durch das Internet geistert, habt Ihr bestimmt schon mitbekommen : Heute kommen die nächsten 20. 

Es geht um Mülltrennung, Außerirdische und das alte Schulleben. Los geht es. 

 

41. Trennst Du Deinen Müll?

Ja, auch wenn ich wahrscheinlich niemals in Gänze verstehen werde, was in Deutschland in den gelben Sack kommt.

 

42. Warst Du gut in der Schule?

In der Volksschule und später in der Abendschule, manchmal. Dazwischen eher nicht so.

 

43. Wie lange stehst Du normalerweise unter der Dusche?

Sehr lang.

 

44. Glaubst Du, dass es außerirdisches Leben gibt?

An kleine grüne Männchen glaube ich nicht.

 

45. Um wieviel Uhr stehst Du in der Regel auf?

Spätestens um 7.

 

46. Feierst Du immer Deinen Geburtstag?

Natürlich. Und ich kann nicht nachvollziehen, warum jemand das nicht macht.

 

47. Wie oft am Tag bist du auf Facebook?

Immer mal wieder.

 

48. Welchen Raum in Deiner Wohnung machst du am liebsten?

Immer die Küche.

49. Wann hast du zuletzt einen Hund (oder ein anderes Tier) gestreichelt?

Heute.

 

50. Was kannst du richtig gut?

Man sagt mir eine gewisse Hartnäckigkeit nach.

 

51. Wen hast du zum ersten Mal geküsst?

Das ist sehr lange her.

 

52. Welches Buch hat einen starken Eindruck bei Dir hinterlassen?

Mehr als eines. Die ersten Eindrücke kamen von Christine Nöstlinger.

 

53. Wie sieht für dich das ideale Brautkleid aus?

So wie meines.

 

54. Fürchtest Du Dich im Dunkeln?

Nein.

 

55. Welchen Schmuck trägst Du täglich?

Meinen Ehering und eine Kette, gegen vieles reagiere ich allergisch.

 

56. Mögen Kinder Dich?

Manche Menschen mögen mich, manche nicht: Das Alter ist dabei nicht so wichtig.

 

57. Welche Filme schaust Du lieber zu Hause auf dem Sofa als im Kino?

Kommt drauf an.

 

58. Wie mild bist Du in deinem Urteil?

Meist weiß ich zumindest, ob ich grad hart oder mild gestimmt bin.

 

59. Schläfst Du in der Regel gut?

Ja, ich kann immer wieder einschlafen.

 

60. Was ist Deine neueste Entdeckung?

Ich habe erkannt, dass ich Yoga wirklich nicht mag.

 

Und Ihr so?

Alltag, Familienrollen, Kultur mit Kind

Frau sein: „In einer idealen Welt wäre mein trans* sein so egal, wie meine Haarfarbe.“

Vor zwei Jahren haben mir Nina und ihre Frau Jane ein Interview über das Leben als Regenbogenfamilie gegeben. Nina ist trans* und hatte nun eine „genitalienanpassende Operation“: In den Familienrollen erzählen die beiden, was sich dadurch verändert hat.

 

Vor kurzem hattest Du eine für Dich vermutlich lebensverändernde Operation, bevor ich nun mit falschen Begrifflichkeiten um mich werfe: Welche Operation wurde bei Dir durchgeführt?

 

Nina: Ich mag Deine Fragestellung, denn da kann ich mal ganz frei Schnauze antworten: Ich habe im September endlich meine richtigen Genitalien bekommen. Üblicherweise nennt man das geschlechtsangleichende OP, aber mein Geschlecht wurde durch die OP ja eigentlich nicht verändert und angeglichen… ich mag das Wort genitalienanpassende Operation.

 

Was bei meiner OP genau passierte: Mein Penis und die Hoden wurden entfernt und aus den Teilen, die noch da blieben wurde etwas geschaffen, das möglichst nah an eine Vulva herankommt. Eine kleine Besonderheit meiner Operation ist, dass ich keine Neovagina wollte. Die meisten trans Frauen wollen eine Operation, bei der eine Vagina geschaffen werden soll, ich hingegen wollte “nur” eine äußere Angleichung.

 

Ich wurde oft gefragt, warum ich keine Vagina wollte. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung, die ich getroffen habe. Einer der Gründe sind die Risiken und die erforderliche Nachbehandlung einer Neovagina. Für mich war erschreckend, wie schwer es war, diese etwas von der Standardlösung abweichende Behandlung durchzusetzen. Ja, selbst Auskünfte dazu waren nur sehr schwer zu bekommen.

 

Auf Twitter scheint Dein Zuspruch enorm, aber auch die Beleidigungen sind zu lesen und in vielen Zeitschriften ward Ihr seid dem letzten Interview zu sehen. Bestimmt ist es sehr wichtig, dass Du mit Deiner Geschichte anderen Mut machst. Aber wird Euch die Öffentlichkeit nicht manchmal zuviel?

 

Nina: Zu viel Öffentlichkeit… Darüber habe ich viel nachgedacht, schon vor dem ersten TV Auftritt. Es gibt nicht viele trans* Menschen, die sich trauen, wirklich in der Öffentlichkeit, in der Presse zu sprechen. Ja, die/der eine oder andere gibt schon mal ein Interview, aber kaum jemand legt den Fokus darauf, so präsent zu sein. Und zugegegeben, es ist nicht immer leicht, wenn man so sichtbar in den Medien vertreten ist, wie ich es im letzten Jahr war.

 

Gehe ich auf die Straße, schauen mich Leute an. Manche schauen, manche bemerken mich nicht, andere kichern, wieder andere reden über mich.

 

Bei jedem Weg, den ich mache, bin ich in der Öffentlichkeit. Mein Passing – also, wie gut ich als Frau wahrgenommen werde – ist einigermaßen gut, mein Bartschatten macht mir da oft einen Strich durch die Rechnung und meine Stimme verrät mich immer. Ich bin als trans* erkennbar.

 

In einer idealen Welt wäre mein trans* sein so egal, wie meine Haarfarbe. In der Realität ist für viele trans* jeder Weg in der Öffentlichkeit eine Belastung. Gerade am Anfang, wenn Makeup, Klamotten und Haare noch nicht perfekt sitzen…

 

Als trans* Frau bin ich immer in der Öffentlichkeit sichtbar. Der Schritt in die Medien war für mich nicht so schwer. Ich versuche zu zeigen, dass trans* und Familie absolut vereinbar ist. Ich versuche auch, nicht nur Betroffene anzusprechen. Und wie die Reaktionen gerade auf Twitter zeigen, erreiche ich sehr viele Menschen, die mit dem Thema eigentlich kaum zu tun haben.

Jane: Mittlerweile habe ich mich an den “Pressrummel” gewöhnt. Eine zeitlang war es wirklich etwas viel für mich – vor allem weil meist die gleichen Fragen kommen und irgendwann hat man ein bisschen das Gefühl, man redet sich den Mund fusselig. ABER: Man darf auch nicht vergessen, dass man mit jedem Beitrag mehr Menschen erreicht und die Erfahrungen eben noch weiter geben kann.

 

 

Auf Twitter konnte man unter #mumu4nina viel teilhaben an Deiner OP: Wie geht es Dir heute gesundheitlich und psychisch nach der OP?

 

Nina: Eine große OP hat immer ein paar Risiken, Nebenwirkungen und braucht ein wenig Nachsorge. Inzwischen ist alles verheilt, meine Nervenverbindungen werden spürbar besser, das Ergebnis ist optisch wunderschön. Es zwickt und zwackt ein wenig, aber im Januar habe ich einen Termin bei meinem Arzt in Berlin und da wird über die weitere Behandlung entschieden.

Psychisch: Ich finde es toll, dass du fragst. Ehrlich gesagt war ich überrascht, was sich in mir bewegt und verändert hat, durch einen Eingriff, den ja eigentlich außer mir und meiner Frau niemand sieht. Aber es war eigentlich sehr intensiv. Aufgefallen ist es mir, als ich beim ersten Verbandswechsel überraschend ruhig mit einem Spiegel nachgeschaut habe, wie das Ergebnis aussah. Es war kein Moment voll “Champagner und Konfetti”, es war “oh. Ja, sieht nett aus”. Ich meine, ich hatte ein Leben lang auf diesen Moment gewartet und dann war es so ohne Begeisterung und Euphorie. Es war still und schon positiv, aber eben so – wie soll ich das sagen – ich war erleichtert, dass der Penis weg war, aber irgendwie war es sehr unecht.

Auch in der Zeit danach, als ich keinen Verband mehr dran hatte, war das Bedürfnis mich anzusehen oder anzufassen kaum da. Die Beschäftigung mit meiner #mumu4nina war aufs medizinische beschränkt. Jahrelang hatte ich mir ausgemalt, wie es denn sein würde, wenn ich eine Vulva hätte und was ich alles damit anstellen würde und dann: keine Lust. Versteh mich nicht falsch, ich hatte Lust, also sexuelle Energie war jede Menge da, aber das Gefühl war nicht da.

 

Erst ein paar Wochen später fing ich an, mich erotisch mit mir auseinander zu setzen und in dieser Phase bin ich gerade noch. Ich lerne wieder einmal, mich zu befriedigen. Und seitdem ist es wirklich MEINE Mumu.

 

Beeindruckt hat mich schon bei unserem ersten Interview schon wie sehr Dich Jane bei allen Bereichen unterstützt: Haben die letzten Monate Eure Beziehung gestärkt, oder würdest Du sagen, dass da vieles auf einen zukommt, womit Ihr vielleicht nicht gerechnet hättet?

Jane: Ich würde eher sagen: Die letzten Monate haben unsere Beziehung durchaus vertieft. Gestärkt wurde sie schon im Lauf der letzten Jahre. Aber es ist auch so, dass man vorher wirklich nicht genau weiß, was alles auf einen zukommt. Man kann sich zwar belesen – aber Erfahrungsberichte von betroffenen Paaren sind sehr sehr rar. Letztlich war alles einfach ein Sprung ins kalte Wasser. Deshalb haben wir uns ja entschieden, in die Öffentlichkeit zu gehen. Damit auch andere sehen können: Partnerschaft & Trans*sein klappt!

 

Nina: Die Krankenkasse hatte sich mit der Bewilligung der OP einige Zeit gelassen. Das hat mich sehr belastet und diese Belastung wirkte sich natürlich auf die Beziehung aus.

Jane: Die Zeit bis zur Bewilligung war in der Tat schwierig. Bei jedem Brief der kam, gabs heftiges Herzklopfen. Du weißt nie, was als nächstes kommt. Als die OP dann bewilligt war, habe ich auf der Arbeit alles geregelt. Urlaub, Arbeitszeit usw. Schwierig war Ninas Krankenhausaufenthalt für uns alle, weil wir noch nie so lange voneinander getrennt waren.

Nina: Ich war überrascht, wie sehr ich Dich vermisste, als ich in Berlin lag. Ich muss schon sagen, damit hatte ich nicht so gerechnet. Naja, und danach kam der Krankenstand: So lange nichts tun können, war nicht sonderlich angenehm.

 

 

Immer wieder ist auch zu lesen vom Ärger mit dem Jobcenter und von Jobsuche: Wie sehe Dein idealer (Job)-Alltag aus? 

Nina_ Ich habe in diesem Jahr viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht und festgestellt, dass wirklich viele Menschen Rat suchen. Das sind einerseits Betroffene, aber oftmals Eltern, Geschwister, Freunde, Menschen, die ein persönliches Gespräch suchen. Ich will meine Erfahrungen weitergeben und möchte nichts lieber machen, als beratend zu helfen. Inwieweit das hier auch umsetzbar ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass der Bedarf definitiv besteht.

 

Für mich bist Du Nina, die Frau mit der Bombenstimme und mit der tollen Partnerin und erst dann denke ich an die (Trans)-Sexualiät: Welchen Umgang wünscht Du Dir von Menschen, die Dir das erste Mal begegnen in Hinblick auf Deine Weiblichkeit? 

 

Nina: Ach, meine Weiblichkeit ist immer wieder Thema und ich liebe den Punkt, wenn ich in einem Gespräch merke, dass die Menschen nicht mehr über mein trans* sein nachdenken. Das ist meistens dann, wenn das Gespräch von einem Thema zu einem ganz anderen wechselt… von trans oder “du warst ja im Fernsehen” zu Geburtstagseinladungen basteln oder Wartezimmerzeitschriften bei Gynäkologen.

Ich habe bis vor 1-2 Jahren fast ständig über mein trans* sein nachgedacht. Mode, Makeup, Hormone… ganz viele Gedanken, die irgendwie ständig präsent sind. Jetzt denke ich selbst kaum mehr über mein Geschlecht nach. Und diesen Punkt zu erreichen, war für mich lange unvorstellbar.

Welchen Umgang ich mir wünsche: respektvoll, offen und neugierig. Mir ist ziemlich egal ob die Menschen mich als Frau oder als trans Frau wahrnehmen. Auch Fragen zum Thema finde ich vollkommen okay. Ich bin nun mal trans und für viele Menschen wahrscheinlich die erste Person, der sie Fragen stellen können. Wenn gesunde Neugierde mit respektvollem Umgang passiert, dann finde ich das sehr schön. Und ich hab viel darüber gelernt, wie unterschiedlich trans* wahrgenommen werden.

 

Vielen lieben Dank, Nina und Jane.

 

Ihr habt auch ein Thema über das ihr in den Familienrollen mal befragt werden möchtet? Dann schreibt mir doch eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.

Alltag, Kultur mit Kind

Selbstbefragung: 1000 Fragen, die zweiten 20

Über die eigene Kindheit, das letzte Buch, die Kocherei und noch ein paar Dinge : darum geht es in den kommenden 20 Fragen.

Vor ein paar Tagen gab es die ersten 20 Fragen, die der Selbstreflexion dienen. Die Idee kommt von der Bloggerin Johanna von Pinkepank:  Sie hat sich vorgenommen sich selbst besser kennenzulernen und stellt sich jede Woche 20 Fragen. Diese 20 Fragen kommen aus dem Flow Magazin.

 

Weiter geht es:

21. Ist es wichtig für Dich, was andere von Dir denken?

Jein. Es ist mir völlig egal, was Menschen, die mir nicht wichtig sind von mir denken, bei mir liebgewonnenen Menschen hat es aber schon eine Bedeutung.

22. Welche Tageszeit magst Du am liebsten?

Team Morgen.

23. Kannst du gut kochen?

Geht so, leider fallen mir immer viel zu wenig Sachen ein, die man so kochen könnte.

24. Welche Jahreszeit entspricht deinem Typ am ehesten?

Team Frühling.

25. Wann hast du zuletzt einen Tag überhaupt nichts gemacht?

Kann mich nicht erinnern, aber was ist denn eigentlich nichts?

26. Warst du ein glückliches Kind?

Ja.

27. Kaufst Du oft Blumen?

Für mich und für andere.

28. Welchen Traum hast du?

Ich bin abergläubisch, Dinge, die man sich wünscht, soll man nicht erzählen: gilt bestimmt auch fürs Internet.

29. In wie vielen Wohnungen hast du schon gewohnt?

12, aber da habe ich bestimmt was vergessen.

30. Welches Laster hast du?

Das mit dem Rauchen habe ich hinter mir, Alkohol schmeckt mir grad nicht sonderlich und auch der Kuchen ist weniger geworden: Muss passen.

31. Welches Buch hast du zuletzt gelesen?

Die Biografie von der wunderbaren Adele Neuhauser: Ich war mein größter Feind – Autobiografie. (Affilate Link)

32. Warum hast Du die Frisur, die du jetzt trägst?

Alle paar Jahre müssen die Haare ab, war mal wieder soweit.

33. Bist du von deinem Mobiltelefon abhängig?

Nein, natürlich nicht, würde ich wohl gerne antworten. Aber wohl leider irgendwie wohl doch ein bisschen.

34. Wie viel Geld hast du auf dem Bankkonto?

Mal mehr, mal weniger.

35. In welchen Laden gehst Du gern?

Dussmann und Galeria Lafayette, leider habe ich bisher in Berlin noch kein Kaffeehaus gefunden in das ich länger als ein Jahr gehen wollte.

36. Welches Getränk bestellst du in einer Kneipe?

Kaffee und kleine Apfelschorlen.

37. Weißt du normalerweise, wann es an der Zeit ist, zu gehen?

Ja.

38. Wenn du dich selbstständig machen würdest: mit welcher
Tätigkeit?

Da ich das ja immer irgendwie bin, lässt sich das nicht in einem Satz beschreiben: Dazu kommt aber noch mal was.

39. Willst du immer gewinnen?

Nein.

40. Gehst du in die Kirche?

Ja.

 

Wie würden Eure Antworten ausfallen: Habt Ihr Lust was dazu zu erzählen?

 

Ich bin gespannt. Nächste Woche geht es weiter. Hier ist übrigens Teil 1 der Selbstbefragung.