Familienrollen, Kultur mit Kind, Nachgefragt

Ortsunabhängiges Arbeiten: „Früher träumte ich von einem Haus, festem Job und 3 Kindern.“

Von überall aus arbeiten können: Johanna und ihre Familie haben nun den Grundstein für dieses Modell der Vereinbarkeit gelegt und wollen sich bald auf eine lange Reise machen. In den Familienrollen erzählt sie, warum der erste Weg nach Bayern führt, wie ihre Erfahrungen beim Coworking Toddler in Berlin waren und welche Pläne sie für die nächsten Jahre hat. 

 

Du bloggst unter anderem über Dein ortsunabhängiges Arbeiten: Wie kann man sich das konkret vorstellen?

 

Das bedeutet, dass wir in Zukunft unser Geld so verdienen möchten, dass wir dies von überall aus tun können. Ein Teil unseres Einkommens soll außerdem „passiv“ sein, d.h. durch Vorgänge entstehen, die auch ohne unser Zutun weiter laufen (Werbung auf Webseiten z.B.). Auf diese Weise können wir unsere Arbeitszeit reduzieren und so auf den Tag verteilen, dass es zu uns und unseren Abläufen passt. Aktuell arbeiten wir ja noch nicht wirklich ortsunabhängig, sondern legen sozusagen die Grundsteine dafür. Das heißt, dass wir verschiedene Möglichkeiten ausloten und ausbauen, im Internet Geld zu verdienen, bzw. als Selbständige Aufträge zu erhalten, die ich von überall aus erfüllen kann.

Damit wir damit langfristig über die Runden kommen, soll sich unser ortsunabhängiges Einkommen aus verschiedenen Quellen zusammensetzen. Unter anderem gehören dazu unsere Webseiten (Familienblog Rubbelbatz, mein Blog Sonnengeflecht, meine Infoseiten Babyled-Weaning.de und Tragewelt.de, einige weitere kommen ggf. noch dazu), E-Books, sowie Auftragsarbeiten als (SEO)Texterin und Social Media Betreuung. Weil wir durch unsere aktuelle Situation noch einiges an Zeit zur Verfügung haben, werden wir aber noch mehr ausprobieren. Zum Beispiel beschäftigen wir uns aktuell mit Email-Marketing und innovativen Verkaufs-Modellen auf Amazon.

 

Mein Leben hatte ich mir nicht immer so vorgestellt. Früher träumte ich von einem Haus, festem Job und 3 Kindern. Nun habe ich letztes Jahr eine Selbständigkeit angemeldet – etwas, das mir früher immer wiederstrebte. Vor meiner Elternzeit war ich im Bereich Human Resources / Sales in einem großen Unternehmen beschäftigt und dachte, eine Festanstellung mit Feierabend und festen Urlaubstagen sei das Allerbeste. Erst durch unseren Sohn (2 Jahre) haben sich viele unserer Prioritäten und Ansichten verschoben und wir möchten möglichst viel Zeit zusammen haben. Weil mein Mann als Online Marketing Manager arbeitet, lag es nahe, es in diesem Bereich zu versuchen.

 

In diesem Frühsommer verlässt Du mit Deiner Familie Berlin: Wie sehen Eure Pläne für die nächsten Jahre aus?

 

Eigentlich wollten wir den Rest des Jahres bei meinen Eltern in Bayern auf dem Land verbringen und die Zeit nutzen, unsere Projekte voranzubringen. Mein Papa arbeitet halbtags und kann den anderen halben Tag auf seinen Enkel aufpassen. Nun hat es sich aber so ergeben, dass mein Mann noch bis Ende 2017 teilweise für seinen aktuellen Arbeitgeber tätig ist, allerdings zu großen Teilen von Bayern aus. Das verschafft uns ein ordentliches finanzielles Polster und damit mehr Startkapital für die Zeit danach.

 

Frühestens zum neuen Jahr wollen wir dann los Richtung Indien oder Indonesien, vielleicht auch Thailand. Konkrete Pläne dazu haben wir nicht, weil die von verschiedenen Faktoren abhängen. Einen Teil der Zeit werden wir auf jeden Fall in Indien verbringen, weil mein Mann dort geboren ist, das Land aber nie bewusst (also nach dem Alter von 3) gesehen hat.

 

Wenn wir einen Ort gefunden haben, wo es uns allen gut geht, möchten wir dort ggf. längere Zeit, also zwischen mehreren Monaten bis Jahren bleiben. Zurück nach Deutschland soll es erst gehen, wenn unser Kind eingeschult werden soll.

Dabei sind wir aber nicht auf irgendeine Version fixiert. Wir ziehen auch die Möglichkeit in Betracht, dass wir nach ein paar Monaten zurückkommen, weil wir total überfordert sind vom Leben auf Reisen. Dann haben wir eben eine längere Fernreise unternommen und können aufhören, von einem Leben im Ausland zu träumen. Wir wollen es aber auf jeden Fall versucht haben.

 

Oft werden wir, unabhängig von unseren Auslandsplänen, nach einem Geschwisterkind für unseren Kleinen gefragt. In der Zeit, die wir nicht in Deutschland sind, möchten wir das eigentlich nicht. Aber auch unabhängig davon verspüren wir beide nicht das geringste Bedürfnis, die ganze Baby-Sache demnächst zu wiederholen. Im Gegenteil, der Gedanke versetzt uns eher in Alarmbereitschaft.

 

Die letzten Monate gingen Dein Kind täglich zum Coworking Toddler, was Deiner Selbstständigkeit sicher entgegenkam: Wie zufrieden warst Du mit dem Konzept dort?

 

Smartmama Sandra hat mit dem Coworking Toddler etwas geschaffen, was sie selbst gerne für ihre Jungs gehabt hätte: Die Vereinbarkeit von Beruf und Kind. Selbständige wie auch Angestellte Eltern können im Coworking Space arbeiten, während nebenan die Kinder betreut werden. Wenn irgendetwas passiert oder das Kind seine Mama / Papa vermisst, werden die Eltern gerufen. Das passiert tatsächlich sehr selten (bei uns nur ein Mal), aber es ist beruhigend zu wissen, dass die Kinder die Möglichkeit haben. Mittags essen Eltern und Kinder zusammen. Die Einrichtung ist sehr bedürfnisorientiert, Kinder werden getragen, dürfen frei spielen und essen, wie und was ihnen gefällt. Ganz viele Punkte, die mir wichtig sind. Nach 10 Monaten vor Ort kann ich sagen: Das Konzept hält, was es verspricht. Ich hoffe, dass sich solche Modelle in Zukunft durchsetzen.

 

Für mich wäre keine „normale“ Kita in Frage gekommen. Auch wenn ich unter der Allein-Betreuung meines sehr anspruchsvollen Sohnes (wir hatten keine Familie in der Nähe, die mich hätte unterstützen können) sehr gelitten habe, hätte ich ihn mit 14 Monaten nicht an einem Ort alleine, also ohne Mama und Papa, lassen wollen. Nur weil es das Coworking Toddler gab, konnte ich ihn überhaupt in Fremdbetreuung geben.

 

Nun plant Ihr erst das Großelternhaus und dann die Reisen: Werdet Ihr für die nächsten Jahre zum Selbstbetreuer?

 

Das nächste halbe Jahr ändert sich zunächst für mich nicht so viel. Weiterhin wird unser Kleiner ganz in meiner Nähe betreut – nur eben jetzt nicht mehr in der Kita, sondern von seinem Großvater. Das heißt, ich kann weiterhin den halben Tag an unseren Online-Projekten arbeiten, den restlichen halben Tag verbringe ich mit ihm.

 

Reisen und die Welt sehen: Hast Du keine Angst vor der Wiederkehr und dem Wiedereinfinden in den Alltag?

 

Ehrlich gesagt habe ich daran noch kaum einen Gedanken verschwendet. Wir haben uns ein finanzielles Polster für den Wiederanfang in Deutschland zurückgelegt, all unsere Möbel etc. geben wir ja weg. Alles andere, also wo und wann wir uns wie wieder in Deutschland ansiedeln, lassen wir bewusst offen. Denn wenn ich eines in meinen 32 Jahren über mich selbst und die Welt gelernt habe: Pläne sind da, um geändert zu werden. Zum Beispiel haben wir kein Jahr, bevor wir beschlossen, unseren Wohnsitz aufzugeben, überlegt, uns in Berlin eine Wohnung zu kaufen. In unserer modernen Zeit haben wir so wahnsinnig viele Möglichkeiten und entwickeln uns auch persönlich so schnell und viel weiter, dass ich aufgehört habe, langfristige Pläne zu schmieden.

 

Welche Tipps hast Du für Familien, die von Eurem Weg inspiriert sind?

 

Startet nicht mit einem Blog, wenn ihr vorhabt, Geld im Internet zu verdienen! Das hört sich immer toll an, wenn man den Erfolg der anderen liest, aber niemand hat auch nur eine Ahnung davon, wie viel Arbeit dahinter steckt, für die man keinen Cent verdient. Wir bloggen seit 2014 und haben die meiste Zeit nichts damit verdient. Auch den Blog nun zu monetarisieren läuft sehr schleppend. Das Ganze lohnt sich nur, weil ich es wahnsinnig gerne mache und ohne finanziellen Hintergedanken gestartet habe.

 

Vielen lieben Dank und alles Gute, Johanna. 

 

Wenn Du Johannas Geschichte spannend fandest, interessiert Dich vielleicht auch das Interview von Lena, die mit ihrer Familie ein Jahr Couchsurfer war.

 

Wenn Du selbst eine Familiengeschichte hast, die gut in die Familienrollen passen würde, dann meld Dich doch bei mir unter fruehesvogerl@gmail.com.

Porträt
Alltag, Elternfragen

Hochsensibilität bei Müttern: Ein Coach steht Rede und Antwort

Immer wieder ist von hochsensiblen Müttern zu lesen, aber was bedeutet das Thema Hochsensibilität eigentlich für Mütter? Jil ist Coach und unterstützt Mütter bei ihrer Rollenfindung privat und beruflich: in den fünf Elternfragen erzählt sie, was sie da eigentlich so macht und worauf hochsensible Mütter achten sollten. 

 

Du bist Coach für hochsensible Mütter. Mit Kathrin hat mir bereits einmal eine hochsensible Mutter tolle Rede und Antwort gestanden. In letzter Zeit habe ich aber vermehrt das Gefühl, dass der Begriff „Hochsensibilität“ ein Modebegriff geworden ist und manchmal zu schnell eingesetzt wird.

 

Was bedeutet für Dich Hochsensibilität genau? 

Du hast ganz recht, die Hochsensibilität scheint zum Modebegriff geworden zu sein; man kann wirklich viel zum Thema lesen. Ich glaube allerdings nicht, dass die Hochsensibilität selber damit zusammen hängt, sondern viel mehr die Digitalisierung und die damit einhergehende Möglichkeit sich zu informieren. Ich bediene mich da gerne am Beispiel des Veganismus: Diese Ernährungsform ging lange durch die Medien und viele Menschen haben sich plötzlich vegan ernährt (mich übrigens als überzeugte Veganerin im Herzen eingeschlossen).

 

Insofern liegt es nahe, den Veganismus als Hype zu bezeichnen.

 

Bei der Hochsensibilität hingegen ist es anders, weil man sich nicht plötzlich entscheiden kann hochsensibel zu sein. Sie ist, bewusst oder unbewusst, da oder eben nicht. Die meisten hochsensiblen Menschen spüren das. Selbsttests dienen da aus meiner Sicht eher als Bestätigung. Wissenschaftlich fundierte Tests mit hoher Aussagekraft gibt es zum jetzigen Zeitpunkt ohnehin nicht.

 

Ich finde es übrigens sehr positiv, viel über dieses Thema zu lesen. Hochsensiblen Menschen werden häufig Charaktereigenschaften zugeschrieben, die eher negativ behaftet sind, wie zum Beispiel Schüchternheit oder Empfindlichkeit. Ich erhoffe mir, dass durch die Thematisierung diese Züge an Gesellschaftstauglichkeit zunehmen und wertgeschätzt werden. Denn ebenso zeichnen sich hochsensible Menschen durch eine ausgeprägte Empathiefähigkeit und Intuition aus, die, auch im beruflichen Umfeld, sehr wertvoll sein können, sofern man bereit ist den Arbeitsplatz an die Kompetenzen anzupassen.

Erst im Alter von 26 Jahren, als ich bereits ein Jahr Mutter war, wurde mir bestätigt hochsensibel zu sein. Ich habe mich schon immer anders und deshalb auch oft einsam gefühlt. Ganz schlimm wurde es dann, als ich Mutter (eines hochsensiblen) Kindes wurde. Die Lage spitzte sich dermaßen zu und ich fühlte mich im Prinzip von Grund auf schlecht. Ich litt an postnatalen Depressionen (was ich damals nicht wusste), hatte ein Schreibaby, fühlte mich völlig fremdbestimmt und wäre am liebsten abgehauen.

 

Der Moment, in dem ich von meiner Hochsensibilität erfuhr, war ich so erleichtert wie selten in meinem Leben. Ich hatte immer geahnt, dass an mir irgendetwas anders sein muss, konnte dem aber keinen Begriff zuordnen. Nun hatte ich endlich einen Begriff, mit dem ich etwas anfangen konnte und woraufhin ich viel zum Thema gelesen und recherchiert habe.

 

Durch meinen Blog habe ich immer wieder Nachrichten von Müttern bekommen, denen es ähnlich ging. Der Austausch war so wichtig für uns alle. Nach meiner zweiten Elternzeit habe ich dann beschlossen meinen Beruf als Business Coach an den Nagel zu hängen und meinem Herzen und meiner Leidenschaft zu folgen. Für dieses Thema, das kann ich echt sagen, brenne ich, weil ich das alles selber „durchgemacht“ habe und weiß, wie hart das Leben als hochsensible Mama sein kann. Sie auf ihrem Weg zu begleiten, egal ob privat oder beruflich, das ist es, was ich als meine Aufgabe ansehe und ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit dazu habe.

 

Du bist selbst Mutter zweier Kinder und berätst andere Mütter in Jobfragen: Was ändert sich in Berufsdingen – vor allem für hochsensible Mütter – nach der Geburt des Kindes? 
Zunächst einmal fällt es vielen hochsensiblen Müttern schwer sich mit dem Wiedereinstieg in den Beruf anzufreunden. Aus meiner Erfahrung heraus haben viele hochsensible Mütter hochsensible Kinder, die sich mit Fremdbetreuung mitunter schwer tun. Gleichzeitig sehnen sich hochsensible Mütter nach Zeit für sich, ohne Kind. In solch einer scheinbar ausweglosen, frustrierenden Situation fällt es schwer andere Perspektiven und Möglichkeiten zu erkennen.

 

Letzten Endes geht es um Vereinbarkeit: Wie kann ich einem Beruf nachgehen, meinem Kind gerecht werden, möglichst ohne schlechtem Gewissen? Und wie schaffe ich es dabei auch noch Zeit für mich zu schaffen? (die für hochsensible Menschen tatsächlich existenziell ist.) Und kann ich überhaupt so weitermachen wie vor der Geburt? Möchte ich in diesen Job zurück?

 Welche Fragen sollte sich eine Mutter stellen, die über eine berufliche Veränderung nachdenkt? 

 

Eine berufliche Veränderung ist, besonders wenn man nicht mehr nur für sich selber sorgt, eine große Sache und oft ein langer Prozess, der reifen muss. Über allem steht die Frage: Was will ich wirklich? Und weiß ich mit Bestimmtheit, was ich will?

Für hochsensible Mütter gilt es dabei insbesondere die eigenen Ressourcen im Auge zu behalten, weil sie deutlich schneller Gefahr laufen an einem Burn-Out zu erkranken und sich insgesamt zu schnell überansprucht zu fühlen.

Welche Frauen suchen Dich auf, wie hilfst Du ihnen und welche Hilfestellung kannst Du damit vielleicht auch schon meinen Lesern mitgeben?

Die meisten Mütter, die mich kontaktieren, fühlen sich in ihrer Rolle als Mutter unwohl. Es plagt sie ein sehr schlechtes Gewissen dem Kind gegenüber. Zum Beispiel weil sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden oder die extreme Fremdbestimmung ihnen sämtliche zur Verfügung stehende Energie raubt.

 

Als Coach bin ich sozusagen die Begleitung und Orienterungshilfe im Veränderungsprozess meiner Klientinnen. Ich gehe von der Grundannahme aus, dass jeder Mensch sich selber am besten kennt und weiß, was für ihn gut ist. Verschüttet unter gesellschaftlichen und eigenen Erwartungen graben wir sinnbildlich aus, was im Herzen immer da war.

 

Wir arbeiten mit Gesprächen, Fragen und Übungen daran, dass sich meine Klientinnen in ihrer Rolle zurecht finden, sich wohl fühlen, Kraft gewinnen. Es werden Strategien erarbeitet die dann im Alltag helfen bestimmte Situationen gut zu meistern.

Meine erste Frage an Klientinnen lautet immer: „Was ist dein Ziel?“ Eine einfache Frage, die es in sich hat. Es ist sinnvoll das Ergebnis schriftlich festzuhalten. Und so manches Mal erkennt man dabei selber schon, wie der Weg zum Ziel möglicherweise aussehen kann.

Was ist die der wichtigste Punkt, denn eine hochsensible Frau, bei ihrer „Karriereplanung“ auf jeden Fall bedenken soll?

 

„Lerne dich und deine Grenzen kennen und einschätzen.“

 

Immer 100% zu geben und dann plötzlich aus Kraftlosigkeit einzubrechen ist für alle Beteiligten keine gewinnbringende Situation. Wie oben bereits erwähnt neigen hochsensible Menschen allerdings eher dazu genau in solch eine Situation zu geraten, denn sie übergehen ihre eigenen Grenzen sehr häufig. Es bedarf Achtsamkeit und Übung seine persönlichen Grenzen kennen und achten zu lernen.

 

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Jil. Jil bloggt über ihre Arbeit und das Leben mit Hochsensibilität auf „Von Herzen und bunt„. 

 

Immer am Dienstag gibt es hier übrigens die Elternfragen: Du hast auch ein Thema, worüber Du gerne mal lesen möchtest, oder bist Experte in einem Gebiet? Dann schreib mir doch eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.

Alltag, Kaffeehauskultur, Schöne Dinge

Unser erstes Juli-Wochenende: Strohfamilie, Schitwetter und schöne Dinge

Dieses Wochenende standen wir vor ein paar Herausforderungen: Zum einen waren wir ab Freitag Strohfamilie und zum anderen hatten wir ein Wetterproblem. Ab Donnerstagabend regnet es in Berlin ohne Pause: Freitagmorgen werden wir mit der gleichen Geräuschkulisse wach, mit der wir auch schon ins Bett gegangen sind.

 

Auch am Samstag sieht es nicht wirklich besser aus: ein sommerliches Draußenprogramm findet also nicht statt.

Wir planen ein Museumsbesuch. Das Technikmuseum hat uns vor ein paar Wochen ja wahnsinnig gut gefallen: Dieses Mal soll es ins Museum der Kommunikation gehen.

 

Weil außer mir jeder die Fahrt zu einem Mittagsschlaferl genutzt hat, hängen wir noch ein bisschen im Auto ab. Jede Menge Junggesellenabschiede gibt es zu beobachten: ich find die ja recht gruselig.

Im Museum will ich mich mit Bildern zurückhalten: auf dem Weg zum Klo finde ich aber dann doch so ein schönes Motiv.

Das Museum ist schön und auch für Kleinkinder gibt es ein bissl was zu sehen: Das man nichts anfassen darf, ist zwar verständlich, nach dem Technikmuseum allerdings nicht ganz so toll. Ein Museum, das man mit Kleinkindern besuchen kann, wohl aber nicht wegen Kleinkindern besuchen muss. 

Bei den Werbekampagnen kann ich mich auch wieder gut erinnern: Wie gerne mochte ich die Benetton-Werbung früher, und wie zögerlich wurde ich, als mir eine Verkäuferin ein Plakat mit einem elektrischen Stuhl schenkte.

Am Sonntag bekommen wir Frühstücksbesuch.

Dann regnet es auch schon wieder: aber zum Glück ist es drinnen auch ganz nett.

Nach einem kleinen Spaziergang durchs Viertel – endlich mal raus – gibt es Suppe.

Unser Urlauber kehrt am Sonntagabend auch wieder heim: hat uns in der Zwischenzeit aber auch mit Fotos besorgt. Er war biken in Österreich: dort war wohl auch das schöne Wetter.

 

Und wie war Euer Wochenende so?

 

Mehr Wochenenden in Bildern gibt es wie immer bei Susanne von Geborgen Wachsen.

 

Familienrollen

Demenz bei Eltern: „Wir sind da, aber doch irgendwie nur Zuschauer, in dem miesen Spiel dieser Krankheit.
“

Agnes ist Mutter dreier Kinder und voll berufstätig: Dann wird die eigene Mutter plötzlich zum Pflegefall. In den Familienrollen erzählt sie, wie sie mit der Demenz der Mutter umgeht und wie sich die Rollen zwischen Mutter und Tochter plötzlich verschoben haben. 

 

 

Du hast drei Kinder, die fast schon erwachsen sind. Nun ist plötzlich Deine Mutter pflegebedürftig geworden. Wie ging das los mit der Demenz?

 

Die Vorstufen zu dem jetzigen Stand gab es schon vor Jahren, ich würde fast meinen, dass es mit Mitte 50 schon losging, mit kleineren Anzeichen, die aber keiner von uns so richtig ernst genommen hat – kleine Verwechslungen, Dinge vergessen wo sie hingelegt wurden, Termine vergessen. All das was man eben auch manchmal selber vergisst, wenn man gestresst ist und eben nicht gleich mit Demenz bzw. Alzheimer gleichgesetzt wird. Erst als es gravierender wurde und die Anzeichen eben nicht mehr zu übersehen waren, als die Gespräche eben nur noch schwerlich möglich waren, haben wir uns damit als Familie auseinander gesetzt. Ich glaube vieles will man auch über lange Zeit nicht wahrhaben und versucht sie sich schön zu reden, aber es kommt der Punkt, da hilft kein Ausweichen mehr und dann muss man sich mit der Realität und auch der Wahrheit auseinander setzen und das ist nicht immer leicht und auch oft wirklich schmerzhaft.

 

 

Mittlerweile ist Deine Mutter im Heim: Wie war der Weg dahin?

 

Mein Vater hatte einen Schlaganfall, und da tauchte sie auf, die Frage. Wer kümmert sich während seines Krankenhausaufenthaltes und der Kur danach um unsere Mutter? 
Die erste Woche des Aufenthaltes betreuten mein Bruder und ich meine Mutter in ihrem Haus daheim. Das hieß aber auch jeden Tag mit meiner Mutter ins Krankenhaus zu fahren, damit sie meinen Vater sehen konnte, weil sie überhaupt nicht damit klar kam, dass er auf einmal weg war.

 

Am schlimmsten war, dass sie eine Vielzahl von Anrufen getätigt hat und erzählt hat, das mein Vater, also ihr Mann gestorben war und die Menschen dann zu Besuch kamen um ihre Kondolenz auszusprechen, das waren Momente für mich (in dieser Zeit) mit denen ich sehr schwer umgehen konnte.

 

Schon da haben wir uns Gedanken gemacht, wie es nach dem Wiederheimkommen meines Vaters weitergehen soll und haben gemerkt, dass es daheim in dem Haus einfach nicht klappen kann. (Steile Treppe die wir als jüngere schon kaum nach oben schaffen, wie dann mein Vater nach seinem Schlaganfall?) – so kam das erste Mal das Wort Pflegeheim auf. 

Weihnachten waren meine Eltern noch ein paar Tage bei mir daheim, aber auch da war merkbar, dass es so nicht weitergehen konnte.

 

Nachts konnte sie nicht schlafen, hat aber die Orientierung verloren und wusste dann nie wo sie war, bzw. wo das Klo ist etc. – die Einschränkungen waren einfach viel zu groß geworden. Kurz danach gab es einen Termin zum Probewohnen in einem Pflegeheim in Hessen (in der Nähe meiner einen Schwester) – der lief allerdings so schlecht ab, dass es danach keine Chance mehr gab, dass meine Eltern dort hätten einziehen können.

 

An dem Tag als sie zurück kamen, eskalierte es daheim, meine Mutter wurde laut und ein wenig handgreiflich gegenüber meinem Vater, (ging schon die ganze Rückfahrt so) und meine Schwester hatte mich gebeten zu ihnen zu fahren. Ich bin dann mit meiner Freundin hingefahren und da ich die Verantwortung nicht übernehmen konnte, dass die Situation weiter eskaliert, denn ich hätte im Ernstfall auch nicht eingreifen können, haben wir uns entschieden, den Notarzt zu rufen um die Situation erst mal zu deeskalieren, hätte ich vorher gewusst, wie ich mich danach fühlen würde, hätte ich wohl versucht eine andere Lösung zu finden, wohl wissend, dass es diese eben nicht gab, nicht in dem Moment. Als der Notarzt mit der Polizei vor der Tür hätte ich eigentlich heulen können, die Situation war alles andere als angenehm, meine Mutter hat die Welt nicht mehr verstanden, war auch überhaupt nicht zu überreden in den Krankenwagen einzusteigen, bevor dann aber die Polizei eingreifen wollte, hab ich es geschafft, mit ihr gemeinsam in den Krankenwagen einzusteigen. Die Frage des Polizisten: „Sie wissen schon, was im Krankenhaus mit Ihrer Mutter gemacht wird?!“ – hängt mir manchmal noch nach. 

Wir sind dann zusammen im Krankenwagen bis ins Krankenhaus gefahren und der Zeitpunkt war ein Knackpunkt, seitdem war nichts mehr, wie irgendwas vorher war – es folgten einige Wochen Psychiatrie, sie wurde auf Medikamente eingestellt und es war für mich oft grenzwertig, wenn ich mir Gedanken drüber gemacht hatte, dass ich sie dahin gebracht habe.

 

Die Besuche fielen mir oft wirklich schwer, geschlossene Türen und oft fand ich meine Mutter durch die Medikamente sehr verändert vor. Zwar dann ruhiger als vorher, aber die Orientierung in ihrem Leben war völlig verschoben, um es mir leichter zu machen, habe ich versucht mich darauf einzulassen und mich nicht mehr zu wundern, sondern einfach „mitzuspielen“ – wenn sie sich eben in dem Moment in dem Alter befand, als sie gerade meinen Vater kennengelernt hatte, dann war es ok und ich habe genau versucht auf dieser Ebene das Gespräch zu führen, so unterhielten wir uns eben über die Fahrradtour die sie mit meinem Vater gemacht hat oder über die Motorradausfahrten. In diesen Gesprächen blühte sie dann mitunter doch manchmal wieder auf, wenn sie sich an gewisse Momente erinnerte.

Die Zeit im Krankenhaus war zusätzlich geprägt von vielen Anrufen um einen passenden Pflegeheimplatz zu finden, meine Geschwister und ich haben uns in die Termine geteilt um ansatzweise was zu finden, was gar nicht so einfach war, denn die Pflegeheime sind mit langen Wartelisten bestückt. Allerdings gab es dann einen Glücksgriff und ich hab einen freien Platz in einem Pflegeheim in der Nähe meiner Arbeitsstelle gefunden. Es gab Vorgespräche und dann relativ bald den Einzug meiner Mutter, denn sie sollte nach dem Krankenhausaufenthalt nicht erst wieder nach Hause, sondern direkt in das Pflegeheim ziehen. In der Zwischenzeit haben wir auch einen Platz im betreuten Wohnen für meinen Vater gefunden, so dass er in der Nähe meiner Mutter wohnen bleiben konnte – denn mein Vater ist und bleibt die größte Bezugsperson für meine Mutter und es war wichtig, dass sie nicht komplett getrennt werden.

 

 

Du bist voll berufstätig, hast drei Kinder, eine Beziehung auch sonst viel zu tun: Wie integrierst Du die Zeit mit Deiner Mutter in Deinen Alltag?

 

Da das Pflegeheim in der Nähe meiner Arbeitsstelle liegt und ich jeden Feierabend daran vorbeifahre, besuche ich sie meistens 2-3 Mal pro Woche nach der Arbeit, meist zeitlich nicht zulange, aber lang genug um gemeinsame Momente zu haben, am Anfang konnte man sich noch gut unterhalten, inzwischen lese ich meist was vor oder sitze einfach in ihrer Nähe und halte ihre Hand. Es gibt nicht mehr so viel, was man gemeinsam tun könnte, aber ich bin da und ich hoffe, dass sie diese Momente auch genießt. Meine Geschwister fahren zwar seltener zu Besuch, weil sie räumlich weiter weg wohnen, aber telefonieren und interagieren dann auf dieser Ebene mit ihr. Meine Kinder fahren eher seltener hin zu Besuchen, höchstens mal am Wochenende mit mir und meiner Freundin zusammen, denn um einfach mal hinzugehen ist der Weg einfach zu weit (30km entfernt).

 

Demenz hat so viele Ausprägungen: Vom leichten Vergessen bis hin zum nicht mehr Erkennen. Wie geht es Dir mit der Krankheit Deiner Mutter?

 

Wir haben ja die leichten Stufen schon vor Jahren gehabt, inzwischen gibt es Tage da erkennt sie mich nicht mehr und fragt dann auch nach (also bei mir): „Meine Tochter Agnes war ja schon lange nicht mehr bei mir, kannst mir sagen, wann sie mal wieder vorbeikommt?“ – aber an vielen Tagen erkennt sie mich und freut sich dann auch mich zu sehen. Es gibt Tage da komme ich mit all den Veränderungen besser klar und kann es als Krankheit annehmen und hab es auch verinnerlicht, dass am Ende nur noch die Hülle von dem Menschen existiert, den man jahrelang gekannt hat – denn ansonsten bleibt am Ende nichts, es löst sich alles auf und zurück bleiben für mich Erinnerungen, Erinnerungen wie sie mal war und Erinnerungen an die Momente jetzt, die ich mit ihr erlebe – denn durch den Umzug ins Heim verbringe ich viel mehr Zeit mit ihr, ich kann nichts abnehmen, kann nur versuchen ab und an einen Blick und einen Moment in ihr jetziges Leben zu erhaschen und da zu sein …

 

Was bedeutet die Krankheit für Deine Kinder ? 

 

Die Kinder wissen um die Krankheit und können relativ gut damit umgehen, allerdings sehen sie meine Mutter nicht so häufig, denn der Kontakt war auch vorher nicht so intensiv. Sie können, denke ich, aber weitaus besser damit umgehen, weil sie die Veränderungen ja schon Jahre miterlebt haben, sie kennen meine Mutter kaum anders, außer dass es sich jetzt eben so gravierend verschlechtert hat.

 

 

Wie hat sich durch die Krankheit Deiner Mutter die Beziehung zwischen Euch verändert?

 

Ich hatte früher über große Zeiträume kaum Kontakt mit meinen Eltern, außer ein paar Besuche aller paar Monate und Telefonate. Inzwischen sehe ich sie natürlich weitaus mehr und das Machtgefälle hat sich gedreht.

Inzwischen sitze ich mit meiner beim Arzt und begleite sie bei Krankenhausbesuchen, lese ihr vor, decke sie zu – eben dass was sonst eine Mutter mit ihrem Kind macht, mache ich nun mit meiner Mutter.

 

Wir stehen uns sicher näher, als früher, ich möchte da sein, um ihr manche Momente einfach abzunehmen und merke doch dass dies gar nicht geht – sie muss diesen Weg alleine gehen, selbst wenn wir an der Seite sitzen, können wir ihr all die Momente wo sie so in sich gefangen ist, nicht abnehmen, genauso können wir den körperlichen Verfall nicht aufhalten. Wir sind da, aber doch irgendwie nur Zuschauer, in dem miesen Spiel dieser Krankheit.

 

Demenz ist eine schlimme Krankheit, die so viele Menschen betrifft. Welchen Tipp kannst Du anderen Menschen geben, die selbst einen Angehörigen mit Demenz haben? 

 

 

Ich glaube es gibt keinen wirklichen Tipp, mir hat es aber geholfen, wenn meine Freunde einfach immer mal wieder das Gespräch gesucht haben und nachfragt, wie es mir damit geht, damit ich all die Gefühle die mich diesbezüglich manchmal übermannen, mitteilen kann. Ansonsten habe ich viel nach Informationen im Internet gesucht und nachgelesen. Im Pflegeheim an sich sind es die Schwestern die mich immer auf dem laufenden halten und mir auch Tipps und Ratschläge geben bzw. gab es auch noch eine andere Angestellte, mit der ich mich gut verstande habe und die mich immer mal aufgebaut hat, wenn ich nach einem Besuch bei meiner Mutter neben der Spur war. Hat mir sehr viel geholfen. Ich finde es wichtig einen guten Bezug zu den Pflegekräften zu haben, das macht das ganze menschlicher und sie leisten eine so tolle Arbeit, vor der ich meinen Hut ziehe. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass am Ende des Pflegeheimes nur der Tod steht …

 

Vielen lieben Dank für Deine Offenheit,  Agnes. 

 

Ihr habt auch ein Familienmodell über das Ihr gerne mal sprechen möchtet, oder ein Thema, worüber Ihr gerne lesen möchtet? Dann schreibt mir doch eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.

Elternfragen

Hypnobirthing: Eine Hebamme erzählt, was sich dahinter verbirgt

Was Hypnobirthing bewirken, welche Auswirkungen es auf eine Geburt haben kann und welche Erwartungen man nicht daran knüpfen sollte: das erzählt Hebamme Tanja Liebl in den Elternfragen

Von Hypnobirthing habe ich theoretisch schon ein bisschen was gehört, praktisch habe ich aber null Ahnung davon: Was kann man sich genau unter Hypnobirthing vorstellen?  

 

 

Wörtlich übersetzt bedeutet Hypnobirthing “Geburtshypnose” oder “Hypnosegeburt”. Ursprünglich stammt der Begriff von einem Hypnosekurskonzept zur Geburtsvorbereitung, das aus den USA nach Europa herübergeschwappt ist. Hypnobirthing wird bei uns mittlerweile als Synonym für eine Geburtsvorbereitung mit Hypnose- und Mentaltechniken verwendet.

Was viele gar nicht wissen: Hypnose in der Geburtsvorbereitung wird schon lange verwendet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Russland “Hypnotarien”. In diesen speziellen Krankenhäusern brachten die Frauen ihre Kinder mit Hilfe von Hypnose zur Welt.

 

Vielleicht ist die Frage nach den eigenen Vorstellungen interessant, wenn man “Hypnose” hört? In den Köpfen mancher tauchen dann Bilder aus der klassischen Show-Hypnose auf: Menschen, die sich auf der Bühne zum Affen machen und hinterher nichts mehr davon wissen. Hypnose in der Medizin, Psychotherapie und Geburtsvorbereitung ist davon weit entfernt.

 

Was genau ist Hypnose? Hypnotische Trance bedeutet, dass die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Bereich der Wahrnehmung gelenkt wird. Ganz so, wie wenn man bei einer Fotokamera durch den Sucher blickt und den Fokus scharf stellt. Die Umgebung um den fokussierten Punkt herum verschwimmt. In der Trance richtet man die Aufmerksamkeit nach innen und die Umgebung tritt in den Hintergrund.

 

Was, wenn ich dir sage, dass du mit Hypnose doch schon Erfahrung hast? Die hypnotische Trance lässt sich nämlich mit alltäglichen Situationen und Tätigkeiten vergleichen:

 

Jeder Mensch kennt in gewisser Art und Weise den Zustand der hypnotischen Trance! Wer hat es nicht schon einmal erlebt, dass er ganz in ein Buch oder einen Film versunken ist, von den Inhalten völlig gefesselt ist, richtig mitlebt und alles um sich herum vergisst? Oder dass man auf der Autobahn fast die Ausfahrt verpasst, weil man gerade so in Gedanken versunken war. Das sind alltägliche Trancezustände!

 

Wie kann man sich Hypnobirthing nun vorstellen? Es geht darum, die Trance auf Knopfdruck abrufbar zu machen. Konkrete Techniken und Methoden sind: Trancereisen, Atemtechniken, Imagination und innere Bilder, Affirmationen, Arbeit mit dem Unbewussten und Anker-Übungen.

Hypnobirthing kann man entweder im Rahmen eines Gruppenkurses oder einer Einzelvorbereitung lernen. Der Vorteil eines Kurses ist, dass man sich mit anderen Schwangeren austauschen kann. Der Vorteil einer Einzelvorbereitung ist, dass das Konzept ganz auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten werden kann. Neben einem Kurs vor Ort gibt es auch die Variante, Hypnobirthing mit einem Buch oder einem Online-Kurs im “Selbststudium” zu erlernen.

 

Gibt es einen richtigen Zeitpunkt, um mit dem Hypnobirthing-Training zu beginnen? Ich würde sagen, je früher, desto besser. So bleibt einfach genug Zeit, um die erlernten Techniken zu üben und zu verinnerlichen. Außerdem profitiert die Schwangere schon zu einem frühen Zeitpunkt von den positiven Effekten durch die Entspannung.

 

Vielleicht interessiert deine LeserInnen auch mein Weg zu Hypnobirthing: Begonnen hat es damit, dass ich die Geburt meiner ersten Tochter als belastend und traumatisch erlebt habe. Jahre später war ich mit meiner zweiten Tochter schwanger. Ich habe gespürt, dass ich mich nicht mit einem klassischen Kurs vorbereiten möchte. Bei meiner Suche bin ich auf eine Psychotherapeutin gestoßen, die Vorbereitung auf die Geburt mit Hypnose anbietet. Ab dem Punkt hatte mich Hypnose und Hypnotherapie in ihren “Bann” gezogen.

 

So ist es gekommen, dass ich relativ bald nach der zweiten Geburt die Ausbildung zur Hypnobirthing-Kursleiterin gemacht habe. Daran anschließen habe ich mir einen Lehrgang in klinischer Hypnose geleistet, weil ich tiefer in die Materie eintauchen wollte. In meiner Hebammenpraxis arbeite ich in vielen Bereichen mit Hypnose: Kinderwunsch, Schwangerschaftsbeschwerden, Geburtsvorbereitung und auch im Wochenbett. Mittlerweile habe ich den Weg zur Hypnose-Psychotherapeutin eingeschlagen, da mich Hypnose fasziniert und ich von der Wirksamkeit der Methode komplett überzeugt bin.

 

Wie kann man sich die Auswirkungen von Hypnobirthing unter der Geburt vorstellen? 

Für alle Skeptiker vorweg: Hypnose wirkt! Das zeigen zahlreiche Studien und Untersuchungen. Mit bildgebenden Verfahren kann man mittlerweile den direkten Nachweis erbringen, dass Hypnose beobachtbare Effekte in bestimmten Gehirnregionen bewirkt.

 

So ist Hypnose eine anerkannte wissenschaftliche Methode, die in weiten Bereichen der Human- und Zahnmedizin, Beratung und Psychotherapie zum Einsatz kommt.

 Die Anwendungsmöglichkeiten in der Schwangerschaft sind vielfältig: Bei Schwangerschaftsübelkeit, Frühgeburtsbestrebungen, zu hohem Blutdruck, zur Bindungsstärkung, bei Schlafstörungen und zur Entspannungsförderung und Stressreduktion.

 

Die Hauptwirkung von Hypnose während der Geburt beruht auf einer Unterbrechung des Angst-Spannung-Schmerz-Kreislaufes. Wenn sich eine Gebärende also den Mentaltechniken in einen entspannten Zustand bringt, dann reduziert dies die Angst, die Anspannung und den Stresslevel im Körper. Dies führt dazu, dass starke Körperempfindungen (Kontraktionen) besser verarbeitet werden können. Außerdem kann so der Geburtsprozess unter optimalen Bedingungen ablaufen.

Hypnose bewirkt, dass die Gebärende mit weniger oder ohne Angst in die Geburt geht, dass der Schmerzmittelbedarf geringer ist, die Geburt kürzer dauert und sie sich nach der Geburt schneller fit fühlt.

 

Einer der wichtigsten und deutlichsten Effekte ist, dass Frauen, die sich mit Hypnose auf die Geburt vorbereitet haben, mit größerer Zufriedenheit auf dieses Erlebnis blicken. Unabhängig davon, ob sie eine Spontan- oder eine Kaiserschnittgeburt erlebt hat.

 

Für all diese Dinge, gibt es aber keine Garantie. Auch mit Hypnobirthing kann die Geburt einen komplett anderen Weg einschlagen. Es gibt einfach Bereiche und Aspekte einer Geburtserfahrung, die man nicht beeinflussen kann. Bei noch so gründlicher Vorbereitung und unter idealen Bedingungen.

 

In meiner Arbeit ist es mir wirklich wichtig, dass meine Klientinnen lernen selbstbestimmt und mit realistischen Vorstellungen in die Geburt zu gehen, um dann auch mit “Planänderungen” umgehen zu können ohne nachher an sich selbst und ihrer Gebärfähigkeit zu zweifeln. Damit das gut gelingt, habe ich mein Hypnosekonzept um Aspekte und Übungen aus dem Achtsamkeitstraining ergänzt.

 

 

Bei dem einen oder anderen Hypnobirthing-Konzept wird meiner Erfahrung nach der Aspekt der schmerzlosen, sanften und ruhigen Geburt zu sehr betont. Geburt kann sanft, ruhig und ohne Schmerzen sein – aber auch wild, überwältigend und grenzgängerisch. Geburt hat einfach viele Gesichter. Und keines ist besser oder schlechter als das andere.

 

 

3.) Krankenhausgeburt, Kaiserschnitt, Hausgeburt: Welche Voraussetzungen müssen bei einer Geburt für Hypnobirthing gegeben sein – gibt es Konstellationen, die das ausschließen?

 

Hypnobirthing funktioniert überall und egal, ob Spontangeburt oder Kaiserschnitt.

 

Ich bekomme oft die Frage danach gestellt, ob die Hebamme, die während der Geburt dann da ist, auch eine Ahnung von Hypnose und Geburt haben muss. Oder ob Hypnobirthing auch in einem Krankenhaus funktioniert. Die Antworten sind “Nein” und “Ja”.

 

Hypnose unter der Geburt funktioniert als eine Selbsthypnose. Die Schwangere bzw. Gebärende versetzt sich selbst mit den erlernten Hypnose- und Mentaltechniken in einen Entspannungszustand und ist unabhängig vom Geburtsort und den begleitenden Personen.

Es ist von Vorteil, wenn sich der Partner auch mit dem Konzept auseinandergesetzt und es kennengelernt hat. So kann er die Gebärende unter der Geburt mit den erlernten Methoden unterstützen.

 

Auch wenn das Baby per Kaiserschnittgeburt auf die Welt kommt, können die erlernten Entspannungstechniken sehr hilfreich sein. Zum Beispiel um die Nervosität oder Angst zu verringern. Hypnose hat übrigens einen verblüffend positiven Effekt auf die Blutstillung und Wundheilung. Das kann man sich gut zunutze machen.

 

Für wen eignet sich Hypnobirthing besonders?

 

Gute Frage! Hypnomentale Geburtsvorbereitung eignet sich für jede Schwangere, die sich dafür interessiert, es spannend und irgendwie anziehend findet. Jede(r) kann Selbsthypnose lernen. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, die eigene Entscheidung und Bereitschaft dafür. Es ist ganz egal, ob die Schwangere schon Erfahrung in Yoga, Meditation oder anderen Entspannungsverfahren hat. Hypnobirthing zu lernen geht auch ohne “Vorkenntnisse”.

 

Viele Frauen haben Trauma durch Geburten oder besondere Ängste: In wie weit kann Hypnobirthing da hilfreich sein?

 

Da möchte ich gerne zwischen Ängsten und Geburtstrauma unterscheiden:

 

Hypnomentale Geburtsvorbereitung kann durch Entspannungstechniken und der Arbeit mit Imaginationen Ängste (z.B. vor der Geburt) sehr effektiv abschwächen und verringern. In der Begleitung von Schwangeren mit sehr starken Ängsten mache ich damit gute Erfahrungen.

 

Die Aufarbeitung von traumatischen Geburten gehört in die Hände von Fachkräften, die fundierte Ausbildungen und Erfahrungen damit haben. Das Hypnobirthing-Konzept allein, qualifiziert sich nicht dafür. In der Traumaberatung und -therapie wird aber in erprobten Konzepten mit hypnotherapeutischen Methoden und Imaginationen gearbeitet.

 

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Tanja.

 

 

Zu Tanja: Tanja Liebl ist Hebamme in freier Praxis und Ausbildungskandidatin für Hypnose-Psychotherapie. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Hypnose & Kinderwunsch, Hypnobirthing und die Aufarbeitung schwieriger Geburtserlebnisse. Du findest Tanja auf ihrer Website www.tanjaliebl.at .

 

Ihr habt auch ein Thema das Ihr unbedingt mal in den Elternfragen behandelt haben möchtet, oder seid Experte in einem Gebiet und wollt andere daran teilhaben lassen? Dann meldet Euch doch bei mir unter fruehesvogerl@gmail.com. 

Kultur mit Kind

Was wissen wir über unsere Freunde? Roman „Das Mädchen aus Brooklyn“ Piper Verlag: Werbung und Gewinnspiel

Anzeige. Kürzlich unterhielt ich mich mit einer Freundin. Anlass war eine Bekannte, die herbe enttäuscht wurde, weil ihre große Liebe einiges vorenthielt. Als sie dahinter kam, war nichts mehr, wie es war. Wir hatten Mitgefühl und fanden das tragisch. Natürlich waren wir kurz davor zu sagen: Hätte man nicht an einer Stelle schon etwas erahnen können und kann man manche Dinge wirklich so lange verschweigen und warum hatte unsere Bekannte nicht früher mal nachgefragt?

 

Lesezeit im Kaffeehaus.

Schnell bremsten wir uns, denn wir merkten: Erstens ist man beim Leben anderer oft schlauer. Zweitens: Was wissen wir wirklich von den Menschen, die uns lieb sind? Natürlich der gute Freund hat studiert, aber haben wir uns je sein Zeugnis zeigen lassen? Die Nachbarin war zum Schüleraustausch in Kalifornien: Haben wir Bilder gesehen? Die Kollegin spricht sieben Sprachen, aber haben wir mal versucht mit ihr auf Portugiesisch zu fluchen?

 

In Partnerschaften neigen manche dazu, dann doch mal ein wenig mehr zu fragen: So auch der Protagonist Raphaël in Guillaume Mussos neuem Roman „Das Mädchen aus Brooklyn“. Raphaël, erfolgreicher Thriller-Autor, ist schwer verliebt in die Ärztin Anna von der aber leider sehr wenig weiß. Kurz vor der Hochzeit will er es noch einmal wissen: Was verbirgt sie und wie kann er es die Details erfahren? Eines Nachts lässt er nicht locker und statt der erhofften Beschwichtigungen ist er plötzlich mit einem Foto von drei verkohlten Leichen und einem vagen Schuldgeständnis konfrontiert.

 

Auch nach dem Frühstück schnell ein paar Seiten lesen.

Als er sich nach kurzem Abwenden dazu entscheidet, dass die Liebe überwiegt und er mehr erfahren will, ist Anna über alle Berge. Zurück in Paris bleibt Anna verschwunden. In ihrer Wohnung findet Raphaël nur rätselhafte Fotos, einen Haufen Geld und ein paar Zeichen, die auf eine überstürztes Weggehen zeigen. Gemeinsam mit seinem Nachbarn, einem Ex-Ermittler, macht er sich auf die Suche nach Anna und ihrer Vergangenheit.

 

Stück für Stück tragen die beiden Informationen zusammen und als Leser weiß man immer ein kleines bisschen weniger als das Ermittlerteam: Fast mühelos scheint es Musso zu gelingen den Leser nahezu 500 Seiten mit psychologischer Spannung bei Laune zu halten. Besonders gut gelungen fand ich die Liebe zum Detail und die Verschlungenheit der einzelnen Erzählstränge, und dass sich nahezu bis zur letzten Seite immer wieder Dinge entdecken lassen.

 

Dieses Buch, das vor allem auch immer wieder die Frage nach dem Offenbaren aufwirft, darf ich nun einmal an Euch verlosen. Dazu müsst Ihr – direkt auf dem Blog – folgende Frage beantworten: Wie wichtig findet Ihr Geheimnisse? Bis zum 30. Juni um 18 Uhr habt Ihr Zeit diese Frage zu beantworten, dann endet das Gewinnspiel.